«Es herrscht eine gewisse Impfmüdigkeit»: Viele St.Galler warten zu lange mit der Zecken-Vakzination

Seit April gilt auch St. Gallen als Risikogebiet für Zecken. Einzelne Apotheken spüren deshalb eine steigende Nachfrage nach Impfstoffen.

Laura Widmer
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Im Juli wurden schweizweit bereits 43 Fälle der Frühsommer-Meningoenzephalitis registriert. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Im Juli wurden schweizweit bereits 43 Fälle der Frühsommer-Meningoenzephalitis registriert. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Wer häufig im Wald ist, kennt die Massnahmen: lange Kleidung, Zeckenschutzmittel und geschlossene Schuhe. Werden sie vernachlässigt, ist es gut möglich, dass man am Abend beim Ausziehen auf eines der kleinen Spinnentierchen trifft.

Der vergangene Sommer war ein Rekord: Noch nie wurden so viele Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) registriert, die meist durch Zeckenbisse übertragen wird und eine Hirnhautentzündung auslösen kann. 377 Personen erkrankten schweizweit. Mittlerweile hat sich die Anzahl Registrierungen zwar fast halbiert, doch sie bewegt sich immer noch auf hohem Niveau. Anfang Mai wurden rund 15 FSME-Fälle registriert, im Juli sind es bereits 43 Fälle. Seit April gilt die ganze Schweiz mit Ausnahme der Kantone Genf und Tessin als Risikogebiet.

Immer wieder kommt 
es zu Lieferengpässen

Schutz vor der Krankheit bietet die FSME-Impfung. Sie wird Erwachsenen und Kindern ab sechs Jahren empfohlen. Für einen vollständigen Schutz muss sie dreimal ausgeführt werden. Danach ist eine Auffrischung alle zehn Jahre nötig. Die Nachfrage nach der Impfung steigt – mit Folgen für die Lieferungen der Medikamente. Wie der «Tagesanzeiger» schreibt, werden in Zürich Zecken-Impfstoffe knapp. Auch ein befragter Hausarzt, der Mitglied im Ärzteverein der Stadt St. Gallen ist, sagt, es komme immer wieder zu Lieferengpässen.

Nicht nur Hausärzte, sondern auch Apotheken führen die Impfung seit November 2016 durch. In der Stadt St. Gallen gibt es vier Anbieter: Die Amavita-Apotheke an der Poststrasse, die Careland-Apotheke im Zentrum, die Rathaus-Apotheke sowie die Bruggen-Apotheke. Das Angebot kommt gut an. Die Nachfrage nach Zeckenimpfungen sei in ihrem Geschäft hoch, sagt eine Mitarbeiterin der Bruggen-Apotheke: «Es hat sich wohl herumgesprochen, dass es unkompliziert ist, sich hier impfen zu lassen.» Auch eine Mitarbeiterin der Careland-Apotheke spricht von einer steigenden Nachfrage. «Die meisten merken im Frühling, dass sich eine Impfung lohnen würde», sagt sie. Sinnvoll wäre es jedoch, bereits im November zu beginnen, damit die Schutzwirkung im Sommer greift. Zwischen der zweiten und der dritten Impfung ist eine Pause von fünf bis elf Monaten vorgesehen. In der vergangenen Woche sei die Lieferung ausgefallen, «da mussten manche Leute ihren Termin etwas verschieben», sagt sie. Pharmasuisse schrieb im Mai, dass sich in diesem Jahr rund 20000 Personen in einer Apotheke hätten impfen lassen – doppelt so viele wie im Vorjahr.

Meldestelle listet 
Engpässe auf

In beiden befragten Apotheken wird der Wirkstoff FSME-Immun verwendet, eines von zwei Präparaten, die in der Schweiz für die Zeckenimpfung zugelassen sind. Das zweite, Encepur N, ist gemäss der Meldestelle beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung derzeit nur eingeschränkt verfügbar. Voraussichtliche Dauer des Engpasses: bis 20. September 2019.

Eine Knappheit bei den Impfstoffen konnte Andreas Alther, Vizepräsident des Apothekerverbands St. Gallen und Inhaber der Stern-Apotheke, bisher nicht feststellen. Beim Grossisten, von dem er das Medikament bezieht, habe es noch genug Dosen auf Lager. Eine erhöhte Nachfrage ist bei ihm ausgeblieben. «Es herrscht eine gewisse Impfmüdigkeit», sagt er. Die Ostschweiz sei seit Jahren ein Zecken-Risikogebiet, etliche Menschen seien bereits geimpft. Auch die Ausweitung des Risikogebiets hätte keinen Einfluss gehabt. «Die Aufmerksamkeit der Menschen wird stark vom medialen Interesse gelenkt», sagt Alther. Werde über Masern diskutiert, gebe es auch mehr Anfragen. Er beruhigt besorgte Städter: «Wer nicht in den Wald geht und durchs Gebüsch streift, ist eher nicht gefährdet.» Das zeigt auch ein Blick auf die Karte: In der Stadt St. Gallen wurde zwischen 2009 und 2018 kein Fall von FSME gemeldet.