Mit Denksport zur Goldmedaille: St.Galler Kantischüler Severin Rohrer gewinnt Schweizer Philosophie-Olympiade

Der 17-jährige Severin Rohrer denkt über die Grenzen der Freiheit nach. Damit hat er an der diesjährigen Schweizer Philosophie-Olympiade Gold gewonnen. Der Kantischüler hat noch andere ausgefallene Hobbys.

Christina Weder
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Mit Harfe und Büchern wird es Severin Rohrer zu Hause nicht langweilig.

Mit Harfe und Büchern wird es Severin Rohrer zu Hause nicht langweilig.

Bild: Ralph Ribi

Kantischüler Severin Rohrer schmiedet Zukunftspläne. Das ist in der Coronakrise mit allerhand Unsicherheiten verbunden. Gewissheit hat er aber in einer Sache: An der Schweizer Philosophie-Olympiade hat er kürzlich Gold geholt. Es ist sein zweiter Erfolg innerhalb weniger Monate. Im Herbst hatte er bereits den Latein-Übersetzungswettbewerb des Vereins IXber gewonnen.

Seine neue Goldmedaille konnte Severin Rohrer wegen der Coronakrise noch nicht gebührend feiern. «Aber ich werde das nachholen», sagt er am Telefon. Der 17-Jährige sitzt zu Hause in St.Georgen. An der Kantonsschule am Burggraben findet derzeit kein Präsenzunterricht statt. Homeschooling und Fernunterricht sind angesagt.

Nun könne er sich die Aufgaben selber einteilen, sagt Severin Rohrer. Das gefällt ihm: «So muss ich nicht immer gleich produktiv sein und kann auch einmal nichts tun.» Dabei liebt Severin Rohrer die Herausforderung.

«Es reizt mich, die gedankliche Komfortzone zu verlassen.»

Eine Olympiade unter besonderen Umständen

Eine Gelegenheit dazu hatte er an der Philosophie-Olympiade. Sein Philosophielehrer hatte ihn und seine Klasse ermuntert, sich anzumelden. In der ersten Runde nahmen 122 Jugendliche aus der ganzen Schweiz teil. Im Finale sollten sich die zwölf Besten in Bern treffen, Workshops besuchen und zusammen diskutieren. Doch es kam anders.

Philosophie-Olympiade

Für junge Denker

(cw) Die Wissenschaftsolympiade setzt sich zum Ziel, Jugendliche zu fördern und Begabungen zu wecken. Jedes Jahr finden Wettkämpfe in neun Disziplinen statt: in Biologie, Chemie, Geografie, Informatik, Mathematik, Philosophie, Physik, Robotik und Wirtschaft. Mitmachen kann, wer jünger als 20 Jahre und noch an keiner Uni oder Fachhochschule eingeschrieben ist. Die Philosophie-Olympiade fand dieses Jahr erstmals online statt.
www.science.olympiad.ch

Aufgrund der Coronakrise fand der Wettbewerb nicht im direkten Austausch, sondern virtuell statt. Keiner der Finalisten musste dafür die eigenen vier Wände verlassen. An einem Samstag, morgens um 8 Uhr, erhielten Teilnehmerinnen und Teilnehmer vier Themenvorschläge. Bis 13 Uhr hatten sie Zeit, ein Essay zu verfassen.

Severin Rohrer entschied sich für ein Zitat des Schweizer Philosophen Peter Bieri: «Die Grenzen, die dem Willen durch die Welt gezogen werden, sind kein Hindernis für die Freiheit, sondern deren Voraussetzung.» Er schrieb das Essay in seinem Zimmer auf dem Laptop seiner Mutter. Und philosophierte über das Konzept der Freiheit – losgelöst von konkreten Beispielen und unabhängig von der Coronakrise.

Mit Kollegen chatten, statt sich mit ihnen zu treffen

Und doch findet auch er: In der gegenwärtigen Krise, in der manche Freiheiten aufgegeben werden müssen, sei das Thema besonders aktuell. Der Kantischüler spürt die Auswirkungen der Massnahmen, die der Bundesrat verordnet hat:

«Sie schränken mich ein, aber es geht allen gleich.»

Statt seine Kollegen auf Drei Weieren zu treffen und den Frühling zu geniessen, chattet oder telefoniert er mit ihnen. Geburtstagspartys finden keine mehr statt. Und die Internationale Philosophie- Olympiade in Lissabon, zu der er als Schweizer Goldmedaillengewinner im Mai eingeladen wäre, ist bereits auf nächstes Jahr verschoben worden.

«Das ist alles sehr schade, vor allem die Einschränkung der Kontakte», sagt Severin Rohrer. Aber er habe volles Verständnis, auch wenn er sonst oft skeptisch gegenüber Autoritäten jeglicher Art sei:

«In dieser Situation tragen wir eine Verantwortung.»

In der Schwebe: Matura, Militär und Reisepläne

Freiheit bedeutet für Severin Rohrer auch, Entscheidungen zu treffen, was er mit seinem Leben anfangen und was er studieren will. Und da hängt derzeit einiges in der Luft. «Vieles ist unsicher», sagt der Kantischüler und fragt sich, für wie lange noch. Ende Mai stehen für ihn die Maturaprüfungen an. Doch es sei ungewiss, ob sie dann auch wirklich stattfinden könnten.

Auch die weiteren Zukunftspläne sind in der Schwebe. Rohrer plant ein Zwischenjahr mit Militärdienst und USA-Reise. Doch die militärische Rekrutierung ist bis auf weiteres ausgesetzt, und der Besuch bei Verwandten in den Vereinigten Staaten lässt sich gerade nicht planen. Dennoch:

«Ich verzweifle nicht, sondern schaue relativ optimistisch in die Zukunft»

Immerhin weiss Severin Rohrer mit ziemlicher Sicherheit, was er einmal studieren will: Philosophie und Germanistik.

Mit Harfe und Büchern allein zu Hause

Severin Rohrer verbringt im Moment viel Zeit alleine zu Hause. Er ist Einzelkind von berufstätigen Eltern. Doch die Decke sei ihm noch nicht auf den Kopf gefallen, sagt der 17-Jährige. Da kommen ihm seine Hobbys gelegen, die er gut in den eigenen vier Wänden ausüben kann.

Er habe mehr Zeit zum Harfespielen und Lesen. Zudem hört er gerne Musik, schaut Serien, chattet mit Kollegen oder macht Spaziergänge. «Es wird mir nicht langweilig» – trotz eingeschränkter Freiheiten.

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