Mit Dame und König gegen das Virus: Dieser St.Galler Schach-Könner will für einmal nicht gewinnen, sondern helfen 

Online-Schach liegt wegen Corona im Trend. Nun sammelt ein St.Galler mit einem Webturnier Geld für einen guten Zweck.

Diana Hagmann-Bula
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Helfen statt gewinnen: Elias Giesinger organisiert ein Online-Schachturnier gegen Corona.

Helfen statt gewinnen: Elias Giesinger organisiert ein Online-Schachturnier gegen Corona.

Bild: Nik Roth

Schachmatt. Besiegt, bezwungen, erledigt. Das gilt normalerweise für die Gegner von Elias Giesinger. Mit acht Jahren besucht der St.Galler in den Sommerferien einen Schachkurs. Danach will er nicht mehr ohne König, Turm und Springer leben.

Er tritt dem Schachclub bei, betreibt das Hobby immer «seriöser». Sehr erfolgreich, würden andere sagen. Giesinger ist kein Mann der grossen Worte, er ist bescheiden, beschreibt sich selber als introvertiert. «So wie viele Schachspieler.»

Giesinger schafft es 2017 ins Juniorennationalkader, tritt für die Schweiz an Turnieren in Griechenland, Kroatien und anderen Ländern an. Nun strebt er nach mehr: nach einem Platz im Schweizer Herren-Nationalkader. Und dem Titel des Internationalen Meisters. Davon gibt es hierzulande rund ein Dutzend.

Vater ist schon lange zu schwach auf dem Brett

Bis dahin übt und spielt Giesinger fleissig. Bis zehn Stunden pro Woche, im Club, an Turnieren, mit dem Trainer, einem deutschen Grossmeister. «Er analysiert meine Partien und gibt mir Aufgaben im Internet, die mich in Variantenberechnung und Vorstellungsvermögen weiterbringen.»

Gegen seinen Vater tritt der 19-Jährige schon lange nicht mehr an. «Der Stärkeunterschied ist zu gross. Die Partien würden zu einseitig verlaufen», sagt er.

Ohnehin hat Giesinger gerade einen neuen Gegner: Er will Corona schachmatt setzen. Zusammen mit seinem Schachkollegen Oliver Angst aus Olten veranstaltet er übermorgen Ostermontag, ein Online-Turnier. Wer teilnimmt, spendet mindestens fünf Franken. «Gerne auch mehr», sagt Giesinger. Der Erlös geht an die Glückskette, die damit die Folgen der Coronakrise abfedern will.

Neuer Gegner: das Coronavirus

Giesinger und Angst feilen auf Online-Plattformen an klugen Zügen, vertun sich in der Freizeit mit Webschach. Turniere aber, die spielt man bitte analog. Auf dem Brett, Angesicht zu Angesicht, Druck und Anspannung live erlebend. Findet der Weltverband, finden Schachprofis, finden auch Nachwuchsspieler.

Doch in Zeiten von Corona und Social Distancing haben schon einige Branche umgedacht. Auch die Schachszene tut es gerade. Die Turniere auf dem Brett, sie sind abgesagt. Da ergeht es dem Geistessport nicht anders als seinem populären Kumpanen Fussball. Und doch steht es besser um ihn: Er kann mühelos online fortfahren, während der Ball nach wie vor in der Ecke liegt.

Gute Zeiten für den Schachsport

Der Weltverband rümpft noch die Nase, der amtierende Weltmeister Magnus Carlsen aus Norwegen aber ist bereit für das digitale Schachzeitalter: Er hat ein paar der besten Spieler der Welt zu einem Internet-Privatturnier aufgeboten. Das Preisgeld: stolze 250000 Franken. Giesinger sagt:

«Schach bekommt gerade eine grosse Chance.»

Den Sport bekannter und beliebter machen, auch das will er mit seiner Aktion. Ihn begeistere Schach, weil es Wettkampf, Wissenschaft und Kunst vereine. «Man tritt an Turniere an, muss akribisch arbeiten wie ein Forscher und braucht Kreativität wie ein Maler.»

Was Schach fürs Leben lehrt

Für das Online-Turnier konnte Giesinger bekannte Kommentatoren verpflichten. Einer von ihnen ist der Schweizer Nationalspieler und Grossmeister Nico Georgiadis. Nach der Matura hat dieser sich zwei Jahre lang als Schachprofi versucht. «Mit meinen Fähigkeiten hätte ich die Top 100 der Welt erreichen können, wenn ich weiter auf Schach als Beruf gesetzt hätte», sagt der 24-Jährige.

Heute arbeitet er als TV-Journalist, spielt wieder nebenbei Schach, liegt auf Rang 520. Er brauche Abwechslung, er brauche soziale Kontakte. «Vor allem das intensive Profitraining, das man alleine absolviert, ist mir schwergefallen.» Eine Begegnung auf dem Brett wird Georgiadis nie vergessen. Jene gegen den besten Schachspieler der Welt, Magnus Carlsen. Die erste Partie endete unentschieden. Die zweite hätte Georgiadis gewinnen können. Doch dann – ein Fehler. Georgiadis:

«Es war mein spannendstes und grausamstes Spiel. Ich werde meinen Enkeln davon erzählen.»

Auch Elias Giesinger zieht keine Profikarriere in Betracht. Zu einseitig sei der Alltag, zu gering der Verdienst. Zurzeit absolviert er ein Marketing-Praktikum, ab Herbst studiert er Wirtschaft. «Schach wird immer ein tolles Hobby bleiben.»

Ein Hobby, bei dem man lerne, optimistisch zu bleiben und durchzuhalten, auch wenn das Spiel mehr als sechs Stunden daure. Eigenschaften, die auch abseits des Bretts nützlich sind. In Coronazeiten. An Ostern ohne Ausflüge und ohne Familienbrunch.

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