«Mit Blaulicht und Sirene geht es raus, immer mit dem Schlimmsten rechnend»: Ein Feuerwehrmann erzählt vom Leben in der roten Jacke

Freiwillige tragen die Feuerwehr. «Tagblatt-Online»-Redaktor Raphael Rohner leistet in dritter Generation Dienst.

Raphael Rohner
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War schon als Kind Feuer und Flamme für die Feuerwehr: Raphael Rohner. Heute ist er bei der St.Galler Milizfeuerwehr. (Bild: Urs Bucher)

War schon als Kind Feuer und Flamme für die Feuerwehr: Raphael Rohner. Heute ist er bei der St.Galler Milizfeuerwehr. (Bild: Urs Bucher)

Es gibt Momente, da will ich eigentlich woanders sein. Mit der Freundin im Restaurant, mit Freunden in der Badi oder einfach zu Hause im Bett. Doch der Pager hat mich und ein Dutzend Kollegen aus dem Alltag gerissen und hinein in die Brandschutzkleider. Mütter sind vom Mittagstisch aufgesprungen, Mechaniker haben ihre Werkzeuge fallen gelassen, Nachtschichtarbeiter sind aus dem Bett geschnellt. Die Verwandlung geht rasch: Höchstens eine Minute, um sich umzuziehen und einzusteigen. Dann ist man Feuerwehr- statt Berufs- oder Privatmann. Mit Blaulicht und Sirene geht es raus, immer mit dem Schlimmsten rechnend.

Seit acht Jahren bin ich freiwilliger Feuerwehrmann und leiste meinen Dienst, wie rund 10'000 andere in der Ostschweiz. Es musste so kommen: Meine kleinen Bubenaugen glänzten schon damals, als ich meinen Vater im feuerroten Lastwagen habe fahren sehen. Es war schon immer mein Traum, auch so zu werden. Wenn sie nachts aufstehen, am Geburtstag der Tante fehlen oder in der Kirche wie auf Kommando gemeinsam davonhasten, um Leben zu retten. Sie konnten mit Blaulicht fahren und Helme tragen – so etwas prägt einen als Kind. Kein Wunder, stammen die meisten neuen Aspiranten aus Feuerwehrfamilien.

Einsätze unter dem Kommando des Vaters

Schon mein Grossvater war bei der Feuerwehr und inspirierte wohl auch meinen Vater dazu, Feuer zu löschen. Sein alter Helm hing damals im Stübli an der Wand. Während mein Grossvater mir nicht mehr viel von seiner Zeit bei der Feuerwehr Herisau erzählte, erlebte ich meinen Vater noch als Offizier bei der Feuerwehr Gossau. Er und seine Kameraden hatten in ihrer Zeit viel erlebt. Die Männer, vielfach Väter anderer Feuerwehrkolleginnen und -Kollegen, erinnerten sich gemeinsam an Einsätze, wie den Brand der Olma-Halle 7 oder wie sie einem Büsi Sauerstoff verabreicht haben, um es zu retten:

1999 rettete ein Gossauer Feuerwehrmann eine Katze. (Bild: Roger Ackermann)

1999 rettete ein Gossauer Feuerwehrmann eine Katze. (Bild: Roger Ackermann)

Ich wurde als 21-Jähriger ab und zu mit ihm bei Übungen eingeteilt, oder wir fuhren gemeinsam Einsätze. Ein spezielles Gefühl, von seinem Vater Befehle entgegen zu nehmen. Er sass meist vorne im Tanklöschfahrzeug, im Feuerwehrsprech schlicht «TLF». Neben ihm am Steuer der Vater meines Kollegen, der neben mir sass in der Mannschaftskabine. Alle nervös und konzentriert.

150 Jahre Feuerwehr

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Die Feuerwehr ist ein Querschnitt der Gesellschaft. In der Mannschaftskabine sitzen Bankangestellte, Landwirt, Köchin, Student und Stromerin gemeinsam, und es wird über dies und das geredet. Auch ausserhalb der Feuerwehr kennt man sich. Über die Dorfgrenzen hinaus entsteht ein Netz aus Bekannten und Freunden. Beim Wandern trifft man sich: «Ah, du bist der aus Appenzell mit dem Unimog-TLF», hiess es auch schon.

Feuerwehrdienst zu leisten, heisst ... (Bild: Raphael Rohner)
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... im Schnitt etwa einen, bis zwei Abende ... (Bild: Raphael Rohner)
... pro Monat zu üben. Dabei werden nebst Löschangriffen ... (Bild: Raphael Rohner)
... unter anderem auch die Rettung von Patienten trainiert. (Bild: Raphael Rohner)
Ein weiterer Teil ist die Sanitätsausbildung. In Einsatz ... (Bild: Michel Canonica, 2016)
... betreuen Feuerwehrleute Patienten. Ebenso ist der ... (Bild: Michel Canonica, 2016)
... Verkehrsdienst enorm wichtig. So kann man ohne Verkehr ... (Bild: Michel Canonica, 2016)
... schnell und effizient arbeiten. Die vielen Übungen ... (Bild: Michel Canonica, 2016)
... und das Fachwissen ermöglichen ein schnelles ... (Bild: Michel Canonica, 2016)
... Handeln im Ernstfall. Dabei ist Teamwork ... (Bild: Ralph Ribi, 2012)
... enorm wichtig. Ebenso müssen Feuerwehrler ... (Bild: Michel Canonica, 2016)
... ihre Fahrzeuge und ihr Material kennen und damit üben. (Bild: Raphael Rohner)

Feuerwehrdienst zu leisten, heisst ... (Bild: Raphael Rohner)

Während meiner acht Jahre im Feuerwehrdienst habe ich viele schöne, aber auch schlimme Momente erlebt, sei es bei Grossbränden, Verkehrsunfällen oder anderen Einsätzen. Am belastendsten sind Ereignisse, bei denen jemand ums Leben kommt. Man begegnet dem Tod unmittelbar. Die Feuerwehrkleider sind wie eine Rüstung. Die Jacke, der Helm und die steifen Stiefel lassen einiges abprallen. Gegen anderes kann man sich nicht schützen. Dann helfen nur die Kameraden. Man sitzt zusammen und redet darüber.

Weiterbildung statt Feierabendbier

Feuerwehrler werden oft als Trunkenbolde abgestempelt. Dabei geht es um viel mehr als nur um das Feierabendbier: Der Umgang mit der Technik erfordert einen klaren Geist. Vielerorts organisieren sich Mitglieder der Feuerwehren zum Sport, gehen ins Fitness oder nehmen an Wettkämpfen teil.

Ein bis zwei Abende im Monat wird für den Ernstfall geübt. (Bild: Raphael Rohner)

Ein bis zwei Abende im Monat wird für den Ernstfall geübt. (Bild: Raphael Rohner)

Die Arbeit ist streng und man lernt ständig dazu – als erstes, sich selbst zu schützen. Auch die Feuerwehr ist stetigem Wandel unterworfen. Man löscht zwar noch immer mit Wasser, aber neue Bauweisen und -materialien bringen neue Herausforderungen.

Als Feuerwehrmann oder -frau muss man raus aus der Komfortzone. Seine eigenen Grenzen erfahren, Freizeit opfern und ab und zu aus der Badi, von der Kirche oder einem Geburtstag davonhetzen. Einmal musste ich bei einem Brand über eine Leiter in ein Fenster zu einer Person klettern und sie beruhigen. Oder in eine brennende Fabrikhalle kriechen, um ein Feuer zu bekämpfen, während hinten in der Halle Gasflaschen explodierten. Oft wurde mir erst im Nachhinein klar, wie gross die Gefahr gewesen war. Beim Feuerlöschen zählen am Ende nur der Verstand und die Ausbildung. Und die Kameradin oder der Kamerad, mit dem man durchs Feuer geht. Bis zum heutigen Tag bereue ich es nicht meine Zeit dafür herzugeben und ab und zu davon zu rennen.

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