«Meine Kleinste hat manchmal alle zehn Minuten eine Frage»: In St.Gallen sehnen sich Eltern, Schulkinder und Lehrpersonen nach dem Schulalltag

Der Fernunterricht beansprucht Eltern sehr – auch wenn sich Lehrpersonen bemühen, den Kontakt zu den Schulkindern zu halten.

Marlen Hämmerli
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Lehrerinnen und Lehrer halten engen Kontakt zu den Schulkindern. So merken sie, wenn ein Kind Mühe mit den Aufgaben hat.

Lehrerinnen und Lehrer halten engen Kontakt zu den Schulkindern. So merken sie, wenn ein Kind Mühe mit den Aufgaben hat.

Bild: Matthias Jurt

Eine Lehrerin radelt wöchentlich durch St.Gallen und steckt Lernunterlagen in die Briefkästen ihrer Schülerinnen und Schüler. Eine andere Lehrerin telefoniert den ganzen Vormittag mit Schülern und eine dritte fordert die Kinder auf, per Videoanruf ein englisches Gedicht vorzutragen. Die Lehrpersonen der städtischen Primarschulen sind in den vergangenen drei Wochen kreativ geworden, denn die Schulzimmer sind leer. Statt Frontal- oder Gruppenunterricht, heisst es derzeit: Fernunterricht.

Der Bund hat den Präsenzunterricht vorerst bis zum 19. April verboten. Spätestens Ende April möchte die Kantonsregierung den Unterricht vor Ort wieder teilweise einführen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der Bundesrat den Ausnahmezustand lockert.

Florian Sauer von der städtischen Dienststelle Schule und Musik, lobt Schulleitungen und Lehrpersonen. Sie hätten rasch, flexibel und pragmatisch auf die ausserordentliche Situation reagiert. «Es ist ihnen innert Kürze gelungen, den virtuellen Kontakt herzustellen und ihnen Lerninhalte zur Vertiefung zugänglich zu machen.»

Florian Sauer, Abteilungsleiter Schule bei der städtischen Diensstelle Schule und Musik.

Florian Sauer, Abteilungsleiter Schule bei der städtischen Diensstelle Schule und Musik.

Bild: PD

Eltern sind gefordert, ihre Kinder zu motivieren

Die Kinder lernen digital und analog, manchmal auch beides: Teils müssen Schüler gelöste Aufgabenblätter scannen und auf eine Lernplattform laden. «Das können sie nicht einfach so», sagt eine Mutter, die mit ihren drei Kindern in St.Georgen lebt. Ausserdem benötigten sie teils Erklärungen.

«Meine Kleinste hat manchmal alle zehn Minuten eine Frage.»

Dazu kommt, dass die Kinder je nach Alter noch nicht lange selbstständig lernen können. Motivation ist nötig. Diese Aufgabe fällt den Eltern zu. Ein Vater erzählt, er kreise wie ein Satellit um seinen zehnjährigen Sohn, um ihn bei Lernlaune zu halten. «Es ist recht intensiv. Die Schularbeit läuft nicht wie von selbst.» Anders sei dies bei der zwölfjährigen Tochter. Diese verziehe sich in ihrem Zimmer und habe pro Stunde vielleicht eine Frage.

Gefordert ist auch Mürüvvet Akkus, die in Bruggen lebt. Sie hat vier Töchter. Die älteste besucht die fünfte Klasse, die jüngste geht noch in die Kindertagesstätte. «Für alle da zu sein, ist schwierig», sagt die gebürtige Türkin. Vor allem ihre zweitjüngste Tochter, eine Erstklässlerin, benötige Unterstützung, etwa bei der Einteilung der Aufgaben «Es ist sehr streng Zum Glück habe ich so selbstständige Meitle.»

Die soziale Nähe fehlt, einige Lernformen sind nicht möglich

Es fordere die Kinder, selbstständig zu arbeiten und den Alltagsrhythmus sinnvoll zu gestalten, sagt Simone Schneider, Lehrerin am Hebel-Schulhaus. «Ich bin den Eltern sehr dankbar für die Unterstützung. Doch der soziale Austausch fehlt den Kindern.» Abwechslungsreiche, kooperative Lernformen seien im Fernunterricht nicht auf dieselbe Art möglich. Ausserdem müsse eine Lehrperson sowohl das individuelle als auch das gemeinsame Lernen begleiten. «Diesen Anspruch können wir nicht einfach auf die Eltern übertragen, die selbst ja oft im Homeoffice oder am Arbeitsplatz am Arbeiten sind.»

Die Lehrerinnen und Lehrer versuchen deshalb, das Lernen aus der Ferne zu unterstützen. Die Kinder erhalten jede Woche Arbeitspläne mit Pflicht- und Zusatzaufgaben. Das ungefähre Pensum gibt der Kanton vor. Die Lehrer sprechen sich stufenweise über Aufgaben und Umfänge ab.

Teils können die Schüler in kleinen Gruppen Husi in den Schulen abgeben und Lernmaterial abholen. Teils wird es ihnen analog oder digital zugeschickt. Bei Fragen können die Schulkinder ihre Lehrer anrufen – oder diese rufen an. Die Lehrerin ihres Sohnes habe mit allen Zweitklässlern Telefontermine abgemacht, sagt eine St.Geörglerin.

«Die Kommunikation mit den Lehrern läuft super.»

Laut Florian Sauer ist dieser Kontakt wichtig, damit Lehrpersonen erfahren, wenn Kinder mit Aufgaben überfordert sind. «Nur dann können sie reagieren.»

In manchen Familien teilen sich mehrere Kinder einen Computer

Die Voraussetzungen, auch die technischen, sind von Familie zu Familie unterschiedlich. «Nicht alle haben einen Drucker und einen leistungsstarken Computer», sagt Christa Zingg, Lehrerin einer fünften Klasse im Schulhaus St.Leonhard.

«Teils teilen sich mehrere Kinder einen Computer. Deshalb kann man nicht alles über den PC machen.»

So erhalten die Schüler – zu ihrer Freude – aktuell wöchentlich Post.

Prüfungen haben weder Zingg noch Schneider durchgeführt. «Die braucht es jetzt nicht. Und was sind schon ein paar Monate in einem Leben?», sagt Zingg. Über Nachfragen und Abgabetermine kontrollieren die Lehrerinnen, ob die Kinder die Aufgaben erledigen. «Es ist kein böser Wille, wenn sie es mal nicht tun», sagt Zingg.

«Die Kinder lernen gerne.»

Bisher haben die Schüler Inhalte repetiert. Nach den Frühlingsferien sollen sie per Fernunterricht neuen Stoff lernen. . Ab Mai möchte das kantonale Bildungsdepartement in Kleingruppen wieder einen teilweisen Präsenzunterricht einführen, etwa für Kinder aus bildungsfernen Familien. Spätestens im Juni sollen die Schulen parat sein, die Kinder wieder im Klassenzimmer zu unterrichten. Wenn der Bund denn die Schutzmassnahmen lockert.

Die Stadt stellt sich laut Florian Sauer darauf ein, dass die Schulschliessung noch länger andauern wird. Während der Ferien tauschen die Lehrpersonen deshalb Erfahrungen aus und bereiten Lerninhalte für das selbstständige Lernen vor.

Doch nun stehen erst einmal Ferien an. Darüber sind Eltern für einmal mindestens genauso froh wie Kinder. Die Mutter dreier Kinder sagt: «Ich freue mich wirklich darauf. Dann ist mal der Druck weg, ständig darauf zu achten, ob die Kinder am Pult sitzen.» Bald sind auch Ostern. Eine Lehrerin hat deshalb die Runde gemacht und den Schulkindern Osternester vor die Haustüre gelegt.