«Mein Laden war meine Wohnung»: Stelios Konyaris übergibt das St.Galler Nähatelier an eine 20-Jährige Wolfhäldlerin

Stelios Konyaris hat das Nähatelier im Linsebühlquartier gegründet. Nun übergibt er es seiner Nachfolgerin.

Marlen Hämmerli
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Im Juli arbeiten Stelios Konyaris und Linda Wüst Seite an Seite. (Bild: Ralph Ribi)

Im Juli arbeiten Stelios Konyaris und Linda Wüst Seite an Seite. (Bild: Ralph Ribi)

Die meisten 20-Jährigen studieren, treten die erste feste Stelle an oder gehen auf Reisen. Nicht so Linda Wüst: Mit 20 Jahren übernimmt die gelernte Damenschneiderin das Nähatelier an der Linsebühlstrasse 9 und macht sich somit selbstständig. Zur Freude des Noch-Inhabers Stelios Konyaris.

Über zwei Jahre hat er nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger gesucht. Rund 15 Personen haben sich beworben, einige davon auch Probe gearbeitet. Doch: «Bei den meisten fehlten die nötigen Qualifikationen», sagt Konyaris. Er arbeite für Privatkunden und Modegeschäfte, darunter sehr teure. «Da ist es schwierig, das Geschäft einem Schneider ohne genaueres Fachwissen zu übergeben. Meine Kunden erwarten, dass es gleich weitergeht.»

Dass sie die Richtige ist, habe er sofort gemerkt, erzählt Konyaris. Diesen Frühling meldete sich Wüst auf die Stelle. «Relativ spät», sagt sie im Rückblick. Einige Tage arbeitete sie im Atelier mit, dann war die Geschäftsübergabe beschlossene Sache: «Sie kann arbeiten und sie arbeitet gut», sagt Konyaris.

Ab dem 2. August 
gilt es ernst

Derzeit arbeiten Konyaris und Wüst Hand in Hand. Bis sich der Grieche in den Ruhestand verabschiedet, will Wüst noch so viel wie möglich von ihm lernen: «Klar habe ich eine dreijährige Lehre abgeschlossen. Aber er hat 50 Jahre Berufserfahrung.» Betritt ein Kunde das Atelier, stellt Konyaris seine Nachfolgerin vor. Beiden ist es wichtig, dass Wüst alle Kunden kennenlernt. «Sie sollen merken, wie ich arbeite», sagt die Wolfhäldlerin. Ab dem 2. August wird Wüst alleine im Nähatelier stehen, das sich auf Änderungen von Konfektionswaren spezialisiert hat.

Gelernt hat Wüst im Couture-Lehratelier des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums (GBS). Dazu musste sie erst eine Aufnahmeprüfung bestehen und ihre Fähigkeiten im Nähen und Gestalten unter Beweis stellen. Unter anderem lernte Wüst Ostschweizer Techniken, die heute nicht mehr verbreitet sind. So zum Beispiel von Hand St.Galler Stickereien zu verarbeiten. Was sie am Beruf reizt?

«Es ist ein Handwerk, man kann kreativ sein und sieht am Ende des Tages, was man getan hat.»

Wüst hat die Lehre vergangenen Sommer abgeschlossen und seither Praktika im In- und Ausland absolviert, aber auch privat Arbeiten angenommen. So kam sie überhaupt erst auf den Gedanken, sich selbstständig zu machen. «Ich habe gemerkt, wie es ist, wenn man für sich selbst arbeitet. Man erhält direkt die Anerkennung der Kunden und sieht noch mehr, was man am Ende des Tages oder des Monats geleistet hat.»

Mit 17 machte sich Konyaris selbstständig

Konyaris stammt wie Wüst aus einem Dorf. Dort, auf einer kleinen griechischen Insel, eröffnete er mit 17 Jahren ein Nähatelier, kaum hatte er die Ausbildung abgeschlossen. «Der Laden meines Meisters lag gleich gegenüber», erzählt Konyaris und schmunzelt. Auch weil er sich früh selbstständig machte, ist er überzeugt, dass Wüst es schafft. Diese sagt:

«Viele sagen, was ich tue, sei mutig.»

Aber sie übernehme ein Nähatelier mit bestehendem Kundenstamm. «Das ist ein riesiger Vorteil. Ausserdem habe ich in Stelios den besten Lehrer.»

In Griechenland hatte Konyaris nach rund einem Jahr so viele Aufträge, dass er vollbeschäftigt war. «Die alten Leute dachten, ich würde mich zu Tode schuften.» Doch dann begannen die Jungen, das kleine Dorf zu verlassen, darunter auch die Freunde von Konyaris. Einige zogen in die Schweiz und vor 40 Jahren tat Konyaris es ihnen gleich. Erst arbeitete er in Textilfirmen. Im Schichtbetrieb, damit er seine zwei Kinder aufwachsen sehen konnte. Dann eröffnete er sein Atelier im Linsebühlquartier. Das war vor 25 Jahren.

Nach sechs Monaten in St.Gallen ausgelastet

In der Zeit hat er sich einen grossen Kundenstamm aufgebaut. Nach sechs Monaten sei er mit Aufträgen ausgelastet gewesen. «Meinen Kunden bin ich sehr dankbar für die lange Zusammenarbeit und das Vertrauen», sagt Konyaris. Trotzdem ist von Wehmut keine Spur. «Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet. Manchmal sechs oder sieben Tage die Woche. Mein Laden war meine zweite Wohnung.»

Umso mehr freut sich der 65-Jährige nun auf seinen Ruhestand, Pläne hat er viele. Zuallererst: «Ferien machen und Zeit mit meinen zwei Enkeln verbringen.» Nach Griechenland zurückziehen will Konyaris nicht: «Die Schweiz ist meine zweite Heimat.»