«Peak ist noch nicht erreicht»: Mehr Autos in der Stadt St.Gallen – dafür aber weniger Verkehr

In der Stadt St.Gallen sind wieder mehr Motorfahrzeuge gemeldet. Dies nach einer leichten Abnahme im Jahr 2017. Eine Trendwende hin zu weniger Autos ist nicht in Sicht.

Roger Berhalter
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Feierabendverkehr auf der Teufener Strasse. (Bild: Benjamin Manser)

Feierabendverkehr auf der Teufener Strasse. (Bild: Benjamin Manser)

Die Veränderung ist zwar klein, aber nicht zu übersehen: 2018 waren in der Stadt St.Gallen insgesamt 43'879 Motorfahrzeuge angemeldet, 271 mehr als ein Jahr zuvor. Betrachtet man nur die Personenwagen, zeigt sich die gleiche Entwicklung: 2017 waren 34'318 Autos in der Stadt gemeldet, 2018 waren es 34'440, also 122 mehr. Ähnlich sieht es bei der Zahl der Lieferwagen und Motorräder aus.

Dies zeigen die neusten Zahlen zum Motorfahrzeugbestand, welche die kantonale Fachstelle für Statistik veröffentlicht hat. Erfasst wurden dabei alle privaten Motorfahrzeuge, deren Besitzer am Stichtag (30. September 2018) in der Stadt St.Gallen wohnten.

«Peak noch nicht erreicht»

Vor einem Jahr hatte es noch nach einer Trendwende ausgesehen. Von 2016 bis 2017 war die Zahl der Motorfahrzeuge in der Stadt St.Gallen nämlich leicht gesunken, zum ersten Mal seit fast zehn Jahren – und entgegen dem langjährigen Trend. Doch nun sind wieder mehr Fahrzeuge in der Stadt gemeldet.

Christian Hasler, Bereichsleiter Verkehr beim städtischen Tiefbauamt, sagt:

«Es ist keine Trendwende, das bestätigen die Zahlen. Offensichtlich ist der Peak noch nicht erreicht.»

Er gibt zu bedenken, dass die Zunahme nur klein sei. Zudem müsse man die Zahl der Autos mit der Zahl der Einwohner in Beziehung setzen.

Tatsächlich zeigen die aktuellsten Zahlen, dass die Stadt St.Gallen wieder wächst. Ende 2018 lebten 79'551 Personen in der Gallusstadt. Das sind 397 oder 0,5 Prozent mehr als Ende 2017. Mehr Einwohner bedeutet mehr Autos, so lautet eine mögliche Erklärung für die neuste Fahrzeugstatistik.

Der Motorisierungsgrad, also die Zahl immatrikulierter Autos pro 1000 Einwohner, hat in St.Gallen jedenfalls schon zwischen 2010 und 2015 zugenommen. Anders als in Städten wie Basel, Bern oder Zürich, wo der Motorisierungsgrad in diesem Zeitraum gesunken ist. Dies zeigt der «Städtevergleich Mobilität» aus dem Jahr 2015.

Christian Hasler, Bereichsleiter Verkehr beim städtischen Tiefbauamt. (Bild: Michel Canonica)

Christian Hasler, Bereichsleiter Verkehr beim städtischen Tiefbauamt. (Bild: Michel Canonica)

Der Autoverkehr hat 2018 leicht abgenommen

Die Bevölkerung ist gewachsen, die Motorfahrzeuge sind zahlreicher geworden – dennoch hat der Autoverkehr in der Stadt nicht zugenommen. «In den vergangenen Jahren ist der motorisierte Individualverkehr auf den Hauptachsen konstant geblieben», sagt Christian Hasler vom Tiefbauamt. Im Jahr 2018 habe der Autoverkehr auf den innerstädtischen Strassen sogar leicht abgenommen, um ein Prozent.

Dies entspricht auch den politischen Vorgaben aus dem Mobilitätskonzept. Darin heisst es:

«Das Mobilitätswachstum in der Stadt St.Gallen wird durch den öffentlichen und den Langsamverkehr aufgenommen. Der motorisierte Individualverkehr wird plafoniert und somit auf einem stadtverträglichen Mass gehalten.»

Die Zahlen zum Motorfahrzeugbestand zeigen vieles nicht. So ist nicht ersichtlich, wie oft ein angemeldetes Auto tatsächlich gefahren wird und wie viele Kilometer es zurücklegt. Auch alle Pendler, die von ausserhalb in die Stadt St.Gallen kommen, schlagen sich in der Statistik nicht nieder. Der Trogner, die Thurgauerin, der Gossauer, die Wittenbacherin, die mit dem Auto nach St.Gallen fahren, sind darin nicht erfasst.

Es gibt in St.Gallen auch viele Haushalte ohne Auto. 39 Prozent waren es gemäss dem Städtevergleich Mobilität im Jahr 2015. 47 Prozent aller Haushalte hatten ein Auto, und in 14 Prozent fanden sich sogar zwei oder mehr Personenwagen.

Ruedi Blumer, Co-Präsident VCS-Sektion St.Gallen-Appenzell. (Bild: Urs Bucher)

Ruedi Blumer, Co-Präsident VCS-Sektion St.Gallen-Appenzell. (Bild: Urs Bucher)

Velo-Schlusslicht im Schweizer Vergleich

«Das ist keine gute Entwicklung», sagt Ruedi Blumer, Co-Präsident der VCS-Sektion St.Gallen-Appenzell, zur jüngsten Fahrzeugstatistik. Dass mehr Autos in der Stadt gemeldet sind, ist für Blumer ein Anzeichen dafür, dass der Stadtrat weitere Massnahmen rasch vorantreiben sollte, um den öffentlichen sowie den Fuss- und Veloverkehr zu fördern:

«St.Gallen ist immer noch nicht velofreundlich genug.»

Nur vier Prozent aller Wege würden mit dem Velo zurückgelegt. Das sei im Vergleich zu anderen Schweizer Städten ein Tiefstwert. Bei der Verbesserung der Veloinfrastruktur gebe es also noch viel zu tun. Damit Pendler mit dem Velo zur Arbeit fahren, braucht es laut Blumer «direkte, sichere Verbindungen». Solche gebe es in St.Gallen noch zu wenige.

Bei der Förderung von autofreien Siedlungen hinke die Stadt ebenfalls hinterher. «St.Gallen müsste eine aktivere Siedlungspolitik verfolgen und mehr Anreize für ein autofreies Leben setzen», sagt Blumer. Autofahren sei nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein räumliches Problem. «Vom Platzverbrauch her ist das Auto das ungünstigste Verkehrsmittel.»

72 Prozent sind zufrieden mit der Verkehrssituation

2018 hat die Schweizer Städtekonferenz die Bevölkerung in Basel, Bern, Freiburg, Lausanne, Nyon, St.Gallen und Zürich über ihre Zufriedenheit mit der Verkehrssituation befragen lassen. Jetzt liegen die Resultate der Untersuchung des Forschungsinstituts GFS Bern vor. Sie zeichnen für die Gallusstadt ein freundliches Bild. 72 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner ab 16 Jahren sind mit der städtischen Verkehrssituation mehr oder weniger dezidiert zufrieden.

Laut der Umfrage werden das Auto und der öffentliche Verkehr in St.Gallen nahezu gleichberechtigt genutzt. Velos seien in den St.Galler Haushalten zwar sehr präsent, sie würden aber deutlich weniger genutzt als das Auto oder das ÖV-Angebot, fasst die Studie zusammen. Die Velonutzung sei in St.Gallen im Vergleich zu klassischen Velostädten wie Bern oder Zürich tiefer. Insgesamt scheint aufgrund der Befragung in St.Gallen der Schnellverkehr relevanter zu sein als der Langsamverkehr.

Stau ist das grösste Ärgernis

Die St.Gallerinnen und St.Galler sind mit der Verkehrssituation in der Stadt «hochgradig zufrieden», so die Studienautoren. Insbesondere die Qualität des öffentlichen Verkehrs nehmen die Befragten als hoch wahr.

Kritik äussern die Stadtbewohner hauptsächlich aufgrund selber erlebter Verkehrsbehinderungen wie Staus. Insgesamt orten die Berner Forscher bei Verkehrsfragen jedoch nur am Rande einen wesentlichen Problemdruck. Die St.Gallerinnen und St.Galler wünschen sich aber mehr Geld für Stadträume, in denen man sich wohlfühlt respektive einen Ausbau der Veloinfrastruktur. Bei den Autobahnen und den Parkflächen für Motorfahrzeuge wünschen sie sich keinen weiteren Ausbau.

Auch keinen Ausbaubedarf sehen sie bei Verkehrsberuhigungen. So hält ein Grossteil der Bevölkerung die heutigen Mittel für weniger Verkehr auf Quartier- und Wohnstrassen für angemessen. Die Ergebnisse für St.Gallen decken sich mit den anderen Städten: Beim Unterhalt des Strassennetzes überwiegt der Spar- gegenüber dem Ausbaugedanken.

Veloverleih ist inexistent

Entwicklungen wie Carsharing und Veloverleih, ein Ausbau des Fuss- und Veloverkehrs sowie Begegnungszonen werden im Durchschnitt der Gesamtstudie begrüsst. Angebote zum Ausleihen von Velos sind in St.Gallen aus Sicht der Befragten inexistent. Gerade mal ein Prozent der in der Studie Befragten haben in St.Gallen bislang einen Veloverleih genutzt – andernorts sind es bis zu 16 Prozent, die bereits ein solches Angebot in Anspruch genommen haben.

Für die Studie wurden im September und Oktober des vergangenen Jahres 5000 Einwohner pro Stadt angeschrieben. 1147 St.Gallerinnen und St.Galler haben geantwortet. (sab)