Mario Salvini: Der St.Galler Coiffeur, der Haarspray hasst, sucht einen Nachfolger

Seit 50 Jahren führt Mario Salvini seinen Haarsalon. Genug hat er nicht und trotzdem sucht er einen Käufer.

Diana Hagmann-Bula
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Mario Salvini liebt seinen Salon über alles: «Als Coiffeur ist man auch Psychologe.»

Mario Salvini liebt seinen Salon über alles: «Als Coiffeur ist man auch Psychologe.»

Bild: Nik Roth

Andere streichen ihre Stirnfransen immer wieder zur Seite, Mario Salvini die Haare über der Oberlippe. «Der Schnauz ist mein Wahrzeichen», sagt der 76-Jährige. Nur einmal hat er ihn abrasiert – nach einer Wette mit einem Kollegen. Brasilien hatte das Endspiel der Fussballmeisterschaften gewonnen. Und nicht Italien, wie der Coiffeur vorausgesagt hatte. Statt Geld zu bekommen, musste er den Schnauz hergeben. «Meine Frau hat zwei Tage lang nicht mehr mit mir geredet.» Er lacht. Auch wenn ihm im Moment nicht immer danach zu Mute ist.

Seit 50 Jahren betreibt er sein «Lädeli» in der Goliathgasse. Es sei sein Herzblut, sein Ein und Alles. Und dennoch will er es nun verkaufen. «Der Rücken», sagt Salvini und verzieht das Gesicht. 2018 erlitt er einen Bandscheibenvorfall und liess sich operieren. Seither plagen ihn Schmerzen.

«Ich brauche morgens zwei Stunden, bis ich eingelaufen bin.»

Sein Herrensalon Chez Mario blieb deswegen ein Jahr lang geschlossen. Viele Kunden hätten sich einen neuen Coiffeur gesucht. «Die Fans sind zurückgekehrt.» Jener Mann zum Beispiel, der seine Haare seit den 1970er-Jahren von Salvini schneiden lässt. «Ein lic. oec.», sagt der Italiener. Vom Bankdirektor bis zum Studenten, alle habe er begrüsst. Auch jene mit langen Haaren, die von anderen Coiffeurs nicht geduldet gewesen seien. «Sie glaubten immer gleich, einen Junkie auf dem Stuhl sitzen zu haben.»

Lange Haare, Santana und einen über den Durst

Anders Salvini: Er spezialisierte sich zu Hippie- und Rockerzeiten auf üppige Männermähnen. Und wenn er von der Goliathgasse früher und damit vom Anfang seines Lädeli erzählt, dann leuchten seine Augen. Im «Africana», dem legendären «Aff», seien damals Santana und andere bekannte Musiker aufgetreten. «Wir haben auch mal eins über den Durst getrunken. Dafür mussten wir ins Lokal gegenüber gehen.

Im Africana gab es keinen Alkohol. Von anderen Drogen habe ich mich ferngehalten», betont Salvini. Wilde Zeiten seien das gewesen. Und goldene. «Das Lädeli florierte.» Davon zeugen heute noch die Stiche an den Wänden. Sie bilden historische Coiffeur-Szenen ab. Ein Freund Salvinis, ein Weltenbummler, hat sie von Reisen mitgebracht. «Bis zu 1500 Franken habe ich dafür bezahlt.»

Seit jeher braucht Salvini 30 Minuten pro Kunde. Auch an der Technik hat er festgehalten: klassisch, mit Kamm und Schere. Viele neue Berufskollegen würden mit der Maschine arbeiten, sagt er. Und nimmt eine Karikatur von der Wand, die er geschenkt bekommen hat. Darauf ist ein Coiffeur zu sehen, der mit dem Rasenmäher Haare stutzt.

«Nie hätte ich gedacht, dass das mal wahr wird.»

Salvini ist in Mailand aufgewachsen. Sein Vater fällt im Krieg, die Mutter wandert in die Schweiz aus, um Arbeit zu finden. In einer Strumpfhosenfabrik in St.Gallen bekommt sie eine Stelle. «Damals untersagte das Gesetz Italienerinnen, ihre Kinder mitzunehmen. Erst als sie hier heiratete und Schweizerin wurde, durften wir ihr folgen.» Zwölf Jahre alt ist er damals. «In der Schule haben sie mich Tschingg genannt. Ich habe schnell Deutsch gelernt, um mich wehren zu können», erzählt er.

In Mailand hatte er oft einem Untermieter zugesehen, einem Bildhauer, der sein Geld als Coiffeur verdiente. «Die Millimeterarbeit hat mich fasziniert und ich habe das Klick-Klack der Schere gerne gehört.» So sehr, dass er sich selber für eine Coiffeurlehre entscheidet.

Das «Chez» stammt aus der Westschweiz

Zuerst arbeitet er in der Westschweiz. Aus dieser Zeit stammt das «Chez» vor «Mario». Lausanne, Lutry, dann Genf. «Eine arrogante, überteuerte Stadt, deshalb bin ich zurückgekommen.» Hier lernt er seine Frau kennen, eine Deutsche. Seit 54 Jahren ist er mit ihr zusammen. Sprayt sie sich mal wieder die Haare in Form, schickt er sie auf den Balkon. «Ich hasse diesen Geruch seit meiner Ausbildung in einem Damensalon.»

Das Handwerk, der Kontakt zu den Menschen, beides verleidet ihm in all den Jahren nie. «Als Coiffeur ist man auch Psychologe. Man beginnt mit Banalem und landet bei Ernsthaftem.» Und sei mal einer gekommen, der «kein Blabla wollte», so habe er halt still vor sich hingearbeitet. Schwer muss ihm das gefallen sein. Ihm, der so lebendig erzählt. «Der Italiener in mir», meint er.

Zwar ist er immer wieder 900 Kilometer weit in die Marken gefahren, hat dort in den Ferien «Meer und frischen Fisch» genossen. Nun ist ihm der Weg aber zu weit. Vermisst er Italien? «Jein!» Er sei in St.Gallen zu Hause, sagt er. Fehlen werden ihm sein Lädeli, die Kunden, die Gespräche. Darum hat er einen Plan B: Sobald er einen Käufer gefunden hat, wird er bei einem ebenfalls in die Jahre gekommenen Berufskollegen aushelfen. «Damit ich nicht in ein Loch falle.»

Die Hippiezeit miterlebt

An der Goliathgasse betreibt Mario Salvini seit 40 Jahren den Coiffeursalon «Chez Mario». Über sein Geschäft und das Quartier weiss er viel zu erzählen.
Michael Juon