«Manchen kommen die Tränen»: Unterwegs mit einem Corona-Einkaufshelfer aus Wittenbach

Seit das Coronavirus unser Leben auf den Kopf stellt, müssen Menschen aus den Risikogruppen daheim bleiben. Möglich machen dies zahlreiche Helfer: Sie erledigen für Senioren und Kranke die Einkäufe. Einer der Freiwilligen ist Thomas Rudolf aus Wittenbach.

Marco Cappellari
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Der 35-jährige Wittenbacher Thomas Rudolf geht bis zu ein Dutzend Mal pro Woche einkaufen.

Der 35-jährige Wittenbacher Thomas Rudolf geht bis zu ein Dutzend Mal pro Woche einkaufen.

Bild: Marco Cappellari

Manchmal kommt Thomas Rudolf mehrmals täglich in den Supermarkt. «Bis zu 15 Personen betreue ich momentan», sagt der Einkaufshelfer aus Wittenbach. Der 35-jährige Familienvater ist einer der über 100 Freiwilligen des Netzwerks Corona-Einkaufshilfen SG/AR/AI, die den Wocheneinkauf für Menschen aus der Risikogruppe erledigen.

An diesem Vormittag steht allerdings nur ein Einkauf an. «Das ist jeden Tag anders», sagt Rudolf. «Insgesamt wende ich etwa sieben bis acht Stunden pro Woche auf.» Dabei arbeitet der VBSG-Chauffeur eigentlich Vollzeit. «Wegen des reduzierten Fahrplans sind es aber nicht ganz 100 Prozent aktuell.» Bei der Arbeit sehe er viele Ältere, die sich nicht an die Empfehlungen des Bundes halten und mehrmals täglich Bus fahren würden.

«Auch deshalb habe ich mich freiwillig gemeldet, um der Risikogruppe zu ermöglichen, zu Hause bleiben zu können.»

Rudolf begibt sich zu einem Mehrfamilienhaus in Wittenbach, klingelt und wird eingelassen. Die ältere Dame, für die er an diesem Tag einkaufen geht, hat ihm die Einkaufsliste, Tragtaschen und eine Hunderternote beim Briefkasten hinterlegt. «Da ich regelmässig für sie einkaufen gehe, vertraut sie mir.» Nach einem kurzen Kontrollblick auf die Einkaufsliste macht sich Rudolf auf den Weg in den Supermarkt.

Einkaufsodyssee durch neun Geschäfte

Negative Erfahrungen habe er erst ein, zwei Mal gemacht, so Thomas Rudolf. «Eine Frau hat mich für ihren Einkauf an neun verschiedene Orte geschickt. Die Bananen wollte sie aus der Migros, die Cola aus der Landi, die Äpfel vom Denner, bei der Post sollte ich Briefe einwerfen und bei der Bank Geld abheben.» Zweieinhalb Stunden sei er unterwegs gewesen.

«Daraufhin habe ich ihr gesagt, dass ich sehr gerne ihren Einkauf erledige, aber keine Zeit habe, drei Stunden pro Person aufzuwenden.»

Als die Frau beim zweiten Mal eine ähnlich grosse Liste präsentiert habe, habe er höflich, aber entschieden abgelehnt.

«Das war aber ein Ausnahmefall. Die meisten, denen wir helfen, sind sehr dankbar für die Unterstützung», sagt Rudolf. Viele würden sich auch über einen kurzen Schwatz freuen.

Im Supermarkt angekommen, schreitet Rudolf zielsicher die Regale ab und beginnt, den Einkaufswagen zu füllen – nachdem er sich die Hände desinfiziert hat. Heute ist Rudolf in der Migros – auch das Detailhandelsunternehmen
hat im Übrigen zusammen mit Pro Senectute eine Nachbarschaftshilfe lanciert. Ein paar Verkäuferinnen grüssen.

«Zu Beginn haben sie sich wohl schon gewundert, wieso ich mehrmals pro Tag grosse Mengen einkaufen komme.»

Anfangs habe er bei einigen speziellen Produkten fragen müssen, wo sie sich befinden. «Zum Beispiel bei Lebensmitteln für Allergiker oder Batterien für Hörgeräte. Heute finde ich alles relativ schnell.»

Immer der Einkaufsliste nach...

Immer der Einkaufsliste nach...

Bild: Marco Cappellari

Zu viel WC-Papier

Als zu Beginn der Coronakrise das WC-Papier auf eine Packung pro Person beschränkt wurde, musste Rudolf die Einkäufe separat einscannen. «Einen Einkauf habe ich an die Kasse gebracht, die anderen zwei zum Self-Checkout.» An diesem Tag ist die Einkaufsliste etwas kürzer. Die Kasse zeigt 85 Franken an. «Oft sind es etwas mehr», sagt Rudolf.

Zurück beim Mehrfamilienhaus. Rudolfs Klientin wartet bereits. Da er diesmal nicht alleine auftaucht, ist sie nicht sehr gesprächig. Sie bedankt sich, und die beiden verabschieden sich. «Oft sind die Leute froh, wenn sie noch ein wenig plaudern können», sagt er. «Manchen kommen die Tränen, weil die ganze Situation eine grosse Belastung für sie ist.»

Einkaufshilfen St.Gallen-Appenzell

Gehören Sie selbst zur Risikogruppe, können Sie sich beim Netzwerk Corona-Einkaufshilfen SG/AR/AI unter 079-270-10-61 (St.Gallen), 079-949-52-75 (Appenzell) oder einkaufshilfen.sg.ar@gmx.ch melden.