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«Manche schweigen das Sterben tot» – Die Präsidentin des Forums Palliative Care Tannenberg über das Ende des Lebens

Die Gossauer Hausärztin Nadia Kherbèche-Ehrenzeller ist Präsidentin des Forums Palliative Care Tannenberg. Sie spricht über den letzten Lebensabschnitt, wie man sich darauf vorbereitet – und weshalb sie sich gern damit beschäftigt.
Interview: Adrian Lemmenmeier
«Sterben beginnt nicht mit einer Diagnose» – Nadia Kherbèche-Ehrenzeller in ihrer Praxis in Gossau. (Bild: Ralph Ribi)

«Sterben beginnt nicht mit einer Diagnose» – Nadia Kherbèche-Ehrenzeller in ihrer Praxis in Gossau. (Bild: Ralph Ribi)

Was für eine Beziehung haben Sie zum Sterben?

Kherbèche-Ehrenzeller: Ich würde sagen, eine natürliche. Das Sterben gehört zum Leben – genauso wie die Geburt. Berufsbedingt habe ich natürlich immer wieder mit sterbenden Menschen zu tun.

Sie sind Hausärztin, aber auch Präsidentin des Forums Palliative Care Tannenberg. Weshalb?

Palliative Betreuung ist mir ein grosses Anliegen. Bereits als junge Assistenzärztin habe ich im Kantonsspital auf der Onkologie und auf der Palliativ-Station gearbeitet. Und auch in meiner Familie hatte ich ein prägendes Erlebnis.

Vortragsreihe des Forums

Am Dienstag, 5. Mai, findet der zweite Vortrag der Reihe «Demenz und Palliative Care» statt. Matthias Mettner spricht im Pfarreizentrum Waldkirch zum Thema «Mehr Leben als du ahnst – Annäherung an die Lebenswirklichkeit demenzkranker Menschen». Mettner ist Studienleiter von «Palliative Care und Organisationsethik». Am 16. Mai halten Cristina De Biasio Marinello und Ursula Steffen in der alten Turnhalle Engelburg einen Vortrag darüber, wie Angehörige demenzkranke Menschen begleiten. Er beginnt um 19 Uhr.
Das Forum Palliative Care Tannenberg wurde im Jahr 2015 gegründet. Es ist eine Untergruppe von Palliative Ostschweiz – einem Netzwerk von Spezialisten im Gesundheits- und Pflegebereich.

Welches?

Meine Grossmutter ist zu Hause gestorben, ich war damals im Studium. Das war mein erster Kontakt mit dem Sterben. Wir haben bei ihr übernachtet, haben sie begleitet. Darauf war ich auch ein bisschen stolz. Als ich nach Gossau­ kam, wollte ich mich freiwillig engagieren – aber für eine Sache, die mir am Herzen liegt.

Was fasziniert Sie denn am Sterben?

Nicht das Sterben fasziniert mich, sondern der letzte Lebensabschnitt. Mich interessiert das Gespräch mit den Patienten. Teil einer guten Betreuung zu sein – das motiviert mich. Mich stört es, wenn eine medizinische Maschinerie über einen Patienten gestülpt wird.

Wie meinen Sie das?

Wenn zum Beispiel ein Patient mit dem Krankenwagen ins Spital gebracht wird, obwohl er die letzten Tage lieber zu Hause verbracht hätte. Mit einer guten Begleitung kann man einer solchen Situation vorbeugen.

Wir alle wissen, dass wir sterben. Trotzdem sind wir geschockt, wenn wir den Zeitpunkt erfahren...

...in der Regel ja. Für mich als Ärztin ist es wichtig, aufzuzeigen, dass das Sterben nicht mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit beginnt. Sondern, dass die Zeit zwischen Diagnose und Sterben eine lebenswerte sein kann. Das Sterben selber erlebe ich oft als Erlösung.

Wann beginnt denn das Sterben?

Für mich beginnt das Sterben, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht. Das ist eher eine kurze Phase: zwischen wenigen Stunden und einigen Monaten, je nach Alter und Zustand des Menschen.

Palliative Betreuung fokussiert auf die Phase zwischen der Diagnose und dem Ende. Was genau gehört dazu?

Wichtig ist das Gespräch mit den Patienten und den Angehörigen über die Symptome und Bedürfnisse. Es geht darum, aufzuzeigen, dass man mit einer guten Betreuung eine gute Lebensqualität erreichen kann. Dazu muss man ein Netzwerk von Leuten und Institutionen aufbauen, die den Patienten unterstützen. Dieses Netzwerk muss immer wieder überprüft und nötigenfalls angepasst werden. Dieser Prozess beginnt unter Umständen Jahre vor dem Sterben – zum Beispiel bei einer Demenz.

Muss denn Demenz der Anfang vom Ende sein?

Nein. Demenz verursacht ja nicht den Tod. Aber der Anfang einer Demenz ist ein guter Zeitpunkt, sich Gedanken darüber zu machen, wie man sein Lebensende regelt. Was will ich, wenn ich nicht mehr urteilsfähig bin? Will ich von meinem Partner gepflegt werden? Man sollte die Zeit nutzen, um Dinge wie eine Patientenverfügung oder einen Vorsorgeauftrag zu regeln.

Sollte man das nicht schon vor einer beginnenden Demenz regeln?

Im Idealfall Ja. Am besten sollte man sich schon als junger Mensch darum kümmern.

Haben Sie eine Patientenverfügung?

Ja.

Die meisten Leute beschäftigen sich aber erst mit dem Tod, wenn er vor der Tür steht.

Es ist eine Frage des Alters. Bei älteren Menschen ist das Sterben auch ohne Diagnose ein Thema. Als Hausärztin spreche ich mit den Patienten immer wieder über das Ende des Lebens.

Auch mit jungen Menschen?

Junge Menschen wollen selten über das Sterben reden, aber es kommt vor. Vor allem, wenn im eigenen Umfeld etwas passiert.

Sprechen wir allgemein zu wenig über das Sterben?

Wir sprechen sicher eher wenig darüber. Ich erlebe immer wieder, dass man tabuisiert über das Sterben spricht. Übers Sterben sollten wir aber sprechen, wie über jedes andere Thema auch.

Was meinen Sie mit «tabuisiert»?

Es gibt tatsächlich Menschen, die nicht über das Sterben sprechen. Als Ärztin ist mir wichtig, dass ich einmal gesagt habe, dass es bald zu Ende geht. Dann kann man auch wieder über anderes sprechen. Ablenkung ist auch eine Strategie. Aber der Umgang mit dem Sterben ist so individuell wie die Menschen selbst: Einige Leute müssen darüber reden, manche schweigen das Sterben tot.

Wie wollen Sie sterben?

Am liebsten überraschend – sodass ich den Zeitpunkt im Voraus möglichst lange nicht kenne. Das wollen übrigens die meisten Leute, mit denen ich spreche.

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