«Man kann die letzte Wiese doch nicht einfach zubetonieren»: IG in Engelburg wehrt sich gegen «Dorfverschandelung»

Eine Gruppe Engelburger stört sich daran, dass die Gemeinde die Kirchwiese an Private verkaufen will.

Perrine Woodtli
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Die Kirchwiese befindet sich im Engelburger Dorfzentrum. Auch die drei angrenzenden Wohnhäuser (unten) sollen der Überbauung weichen.

Die Kirchwiese befindet sich im Engelburger Dorfzentrum. Auch die drei angrenzenden Wohnhäuser (unten) sollen der Überbauung weichen.

Bild: Ralph Ribi (6. Februar 2020)

Mitten in Engelburgs Dorfzentrum, unterhalb des Friedhofs und der katholischen Kirche, hat es ein grünes Fleckchen: die Kirchwiese. Sie befindet sich zwischen der Gallus- und Oberhaldenstrasse. Eigentlich sollte diese Wiese schon längst nicht mehr grün sein. Geplant waren dort sechs Mehrfamilienhäuser mit 46 Wohnungen. Der entsprechende Gestaltungsplan wurde vor einem Jahr jedoch aufgehoben (siehe Kasten).

Einer, der sich gegen die Überbauung schon länger wehrt, ist Marcel Bleiker. Er wohnt neben der Kirchwiese. Nun ärgert es ihn noch etwas: Die Gemeinde hat ihre Schutzverordnung von 1994 revidiert. Als er einen Blick in diese wirft, sieht er, dass die Kirchwiese und die drei angrenzenden Häuser dort ausgeklammert sind.

Tschirkys Befangenheit stoppte das Projekt vorerst

Die Überbauung auf der Kirchwiese in Engelburg war auf Grundstücken der politischen Gemeinde, der Kirchgemeinde und dreier Privaten geplant. 2018 hätten eigentlich die Bagger auffahren sollen. 2017 legten aber sieben Anwohner Einsprache gegen das Projekt ein. 2018 wies der Gaiserwalder Gemeinderat diese ab, woraufhin drei Anstösser, darunter Marcel Bleiker, beim Kanton Rekurs einlegten. 2019 hiess das Baudepartement die Rekurse gut und hob den Gestaltungsplan «Kirchwiese» auf. Grund: Gemeindepräsident Boris Tschirky war bei der Beurteilung der Einsprachen befangen.

Von 2014 bis 2016 wurden Workshops durchgeführt, in denen der Gestaltungsplan ausgearbeitet wurde. Mit dabei waren Vertreter der politischen Gemeinde, der Kirchgemeinde, des Amtes für Raumentwicklung und Geoinformation, der Denkmalpflege sowie private Eigentümer. Tschirky präsidierte das Verfahren. Es sei deshalb nicht von der Hand zu weisen, dass er sich bei den anschliessenden Gemeinderatsentscheiden an einen «Vorentscheid» gebunden fühlte, hiess es im Entscheid des Baudepartements. Tschirky räumte den Fehler ein. (woo)

«Mehr denkwürdig als schutzwürdig»

Für Bleiker ist es unverständlich, dass diese Objekte aus der Schutzverordnung genommen wurden. Der Boden sei zwar als Bauland eingezont, jedoch wäre die Höhe der Überbauung wegen der Schutzklausel begrenzt gewesen, sagt Bleiker. «Man hätte also nicht so hoch bauen dürfen, wie man will. Das ist nun nicht mehr so.» Und dies nur, weil die politische Gemeinde und die Kirchgemeinde die Überbauung realisieren wollten. Das erscheine ihm eher denkwürdig als schutzwürdig.

Marcel Bleiker, IG Dorfbild Engelburg

Marcel Bleiker, IG Dorfbild Engelburg

Bild: PD

Dabei sei die Kirchwiese wertvoll für das Dorfbild. Dieses müsse man erhalten und schützen. Es sehe so aus, als würden als Ersatz nun «willkürlich» einige Häuser an der St.Gallerstrasse und an der Bächlistrasse, inklusive einer alten Trafostation, in die Schutzverordnung eingebunden.

Bleiker findet zudem, dass die externe Fachperson, die das Ortsbildinventar überarbeitet hat, das Dorf nicht kennt. Im Gegensatz zu ihm, der seit 61 Jahren in Engelburg lebt.

Überarbeitet hat das Inventar eine Kunsthistorikerin. Diese macht jedoch nur Vorschläge. Was geschützt wird, entscheidet zuhanden der Auflage schliesslich der Gemeinderat. Im Planungsbericht wird die Auflösung der Schutzzone damit begründet, dass das Interesse an einer Innenentwicklung durch eine Überbauung überwiegt. Die mögliche Bebauungsstruktur sei in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege entwickelt worden, wird weiter festgehalten.

Boris Tschirky, Gemeindepräsident von Gaiserwald

Boris Tschirky, Gemeindepräsident von Gaiserwald

Bild. Benjamin Manser (8. März 2018)

Unabhängig von der Schutzverordnung ist der Überbauungsplan Dorfzentrum Engelburg von 1983 aufgrund der Aufhebung des «neuen Gestaltungsplanes» nach wie vor gültig, sagt Gemeindepräsident Boris Tschirky. Dieser sehe eine an die traditionelle Bauweise angepasste Bebauung des Areals vor. So sind etwa nur Giebeldächer mit Dachziegeln zulässig. Zudem muss die Baukommission der Farbgestaltung zustimmen.

«Diese Anforderungen gelten nach wie vor.»

Die Parzellen seien zudem in der Dorfzone. Für diese ist der Grenzabstand auf fünf Meter festgesetzt. Im Übrigen gelte das Einfügungsgebot des Planungs- und Baugesetzes. Dort heisst es etwa, dass die Erstellung von Bauten, die das Orts- oder Landschaftsbild verunstalten, untersagt ist.

Wann die Wiese überbaut werden soll, ist unklar. Seit der Gestaltungsplan aufgehoben wurde, steht das Projekt still. «Solange die Schutzverordnung nicht über die Bühne gebracht wurde, dürfte nichts geschehen», so Tschirky. Nicht die Gemeinde sei die Bauherrin, sondern die Oberhalden Park AG.

Gemeinderat handle aus «reiner Geldgier»

Schutzverordnung hin oder her: Marcel Bleiker stört sich seit längerem generell am Bauvorhaben. Ihm sei bewusst, dass man ihm als Anwohner vorwerfen könnte, er handle aus privatem Interesse. Dem sei aber nicht so. Die Kirchwiese sei der letzte freie Boden im Zentrum von Engelburg, welcher der Gemeinde gehöre. «Mich stört es, dass die politische Gemeinde und die Kirchgemeinde diesen für private Wohnungen hergeben wollen und so das Dorfbild verschandeln», sagt Bleiker. Ginge es um ein öffentliches Projekt, wäre dies etwas anderes.

«Aber man kann die letzte Wiese doch nicht einfach zubetonieren.»

Die Gemeinde solle das Land behalten für den Fall, dass sie dieses Mal brauche. «Wenn es sich um eine mausarme Gemeinde handeln würde, könnte ich das Ganze ja noch verstehen. Aber Gaiserwald gehört zu den reicheren Gemeinden.» Der Gemeinderat wolle die Wiese aus reiner Geldgier verbauen.

Tschirky widerspricht. Beim Entscheid, ein Grundstück für eine Bebauung freizugeben, würden immer Pros und Contras abgewogen.

«Mit Geldgier hat der Gemeinderatsentscheid jeweils nichts zu tun.»

IG erwägt auch Abstimmung

Einige Bürger haben nun die IG Dorfbild Engelburg gegründet. Diese zählt laut Bleiker rund 30 Mitglieder. Deren Ziel sei es, dass Anliegen der IG öffentlich zu machen, dafür zu sorgen, dass die richtigen Objekte geschützt werden und das Vorhaben des Gemeinderates zu verhindern. «Wir wollen der Gemeinde früh auf die Finger klopfen», sagt Bleiker.

Noch bis Mittwoch können beim Bauamt Stellungnahmen zur Schutzverordnung abgegeben werden. Danach entscheidet der Gemeinderat über diese und es gibt ein Auflageverfahren. «Viele von uns haben schon Rückmeldungen eingereicht», so Bleiker.

Auch die IG hat sich bei der Gemeinde gemeldet. Es sei wichtig, an mehreren Fronten zu kämpfen – «wie im Krieg». Die IG erwäge, auch eine Abstimmung zu erwirken.