Mafia-Männerabend und Picknickkorb: Gossauer Fachgeschäfte und Restaurants kämpfen mit kreativen Ideen um ihre Existenz

Einige St.Galler Wirte nutzen die Crowdfunding-Plattform lokalhelden.ch, um die Krise zu überstehen. Jetzt ziehen auch die Gossauer Geschäfte nach - und hoffen auf Unterstützung vor der Haustür.

Melissa Müller
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Fachgeschäfte in Gossau machen bei Lokalhelden mit. Geschäftsmann Patrick Ammann (links) und Banker Roger Wichser (Mitte) wollen möglichst viele Betriebe ins Boot holen. Norbert Thaler von der Fachstelle Sport, Kultur und Freizeit (rechts) will die Vereine dazu bewegen, den Läden zu helfen.

Fachgeschäfte in Gossau machen bei Lokalhelden mit. Geschäftsmann Patrick Ammann (links) und Banker Roger Wichser (Mitte) wollen möglichst viele Betriebe ins Boot holen. Norbert Thaler von der Fachstelle Sport, Kultur und Freizeit (rechts) will die Vereine dazu bewegen, den Läden zu helfen.

Benjamin Manser

«Wenn ich durch Gossau an den geschlossenen Läden vorbei spaziere, blutet mir das Herz», sagt Geschäftsmann Patrick Ammann-Schäfler. Der Inhaber der Pius Schäfler AG hat sieben Papeterien und ist im Büroeinrichtungsgeschäft, im Bereich Print Solution und IT tätig. Seit einem Jahr gehört ihm auch die St.Galler Firma Markwalder & Co.

Infolge der Coronakrise seien drei Viertel seiner 150 Mitarbeitenden auf Kurzarbeit. In mageren Zeiten kaufe niemand Büromöbel; die Kunden hätten ihre Investitionen gestoppt. Die Ungewissheit nagt am Chef:

«Werden unsere Kundinnen und Kunden am 11. Mai in die Läden zurückkehren?»
Macht sich Sorgen um die Zukunft: Patrick Ammann-Schäfler beschäftigt 150 Mitarbeiternde.

Macht sich Sorgen um die Zukunft: Patrick Ammann-Schäfler beschäftigt 150 Mitarbeiternde.

Thomas Hary

Denn die Leute sind nicht in Kauflaune. Einige sagen sich: Die neue Küche kann warten, das alte Auto tuts' noch ein Jahr länger und Kleider habe ich schon genug im Schrank. Und wer will schon auswärts essen, wenn er dabei vielleicht eine Gesichtsmaske tragen muss?

Nach gleichem Muster wie die St.Galler

Statt zu verzagen, kämpfen die Gossauer Fachgeschäfte und Restaurants zusammen um ihre Existenz. Auch der Gewerbeverein Gossau und die Handels- und Industrievereinigung Gossau machen mit.

Zusammen lancieren sie ein Crowdfunding. Motto: «Gossau hilft Gossau» und «Jetzt erst recht! Damit wir auch nach der Krise noch für Sie da sein können». Auf der Raiffeisen-Plattform lokalhelden.ch/gossau kann man spenden und Wertgutscheine kaufen.

Als Vorbild dient die St.Galler Kampagne auf lokalhelden.ch. Diverse Restaurants nutzen die Plattform bereits und buhlen um die Solidarität ihrer Stammgäste. Mit Erfolg: Das «Drahtseilbähnli» sammelte in nur einer Woche 32'000 Franken.

Krise ist noch lange nicht ausgestanden

Nun hoffen auch die Gossauer auf Unterstützung vor der Haustür. Ist es dafür nicht zu spät, wo die Läden am 11. Mai bereits wieder öffnen? «Diese Krise ist noch lange nicht ausgestanden», sagt Patrick Ammann. Fachgeschäfte und Gewerbe würden die Auswirkungen noch empfindlich zu spüren bekommen.

Jetzt greifen zwar die Massnahmen von Bund und Kanton. Einige Firmen hätten noch Arbeit und seien bis im Sommer ausgelastet. Doch sie könnten keine neuen Aufträge mehr akquirieren.

«Das Loch kommt später, wenn die Bundessubventionen schon aufgebraucht sind.»

Ein spezielles Dankeschön

Roger Wichser, Vorsitzender der Bankleitung der Raiffeisen Gossau Andwil Niederwil, ist Mitinitiant von «Gossau hilft Gossau». «Lokalhelden ist ein Instrument zur Selbsthilfe im Lokalen», erklärt er. Es soll helfen, über die Runden zu kommen. Die Firmen müssten jedoch ihr eigenes Netzwerk aktivieren und die Kundschaft mit kreativen Ideen gewinnen.

Wichser spricht von «Mercis». Das Restaurant Kapricho etwa gewährt als «Merci» für eine Spende einen Gutschein für einen Brunch. Auch das Team von Schloss Oberberg hat sich etwas einfallen lassen. Wer 75 Franken zahlt, wird zu einem Männerabend zum Thema «Mafia» eingeladen, inklusive Getränke, Essen und Show.

Für Frauen gibt’s am 21. Juni das Mittsommernachtsfest «Pink Lady» mit Mythen und Bräuchen. Zudem können Gäste während des Lockdowns beim Schloss einen Picknickkorb bestellen und draussen picknicken.

Bank richtet Spendentopf ein

Die Raiffeisenbank Gossau hat einen Spendentopf von 15'000 Franken eingerichtet. Die Bank belohnt jedes Projekt, das 50 Unterstützer hat, die sich mit je mindestens 10 Franken engagieren, mit weiteren 500 Franken.

Das Telefon läuft heiss bei Patrick Ammann und Roger Wichser. Sie wollen möglichst viele der 70 Gossauer Fachgeschäfte ins Boot holen. Bereits dabei sind etwa die Buchhandlung Gutenberg, der Claro Laden, Braunwalder Sport, Foto Belos, die Bäckerei Lichtensteiger, der Walter-Zoo und das Scherzinger Babycenter. Die Bauern profitieren bereits von einer neu erwachten Wertschätzung des Lokalen. «Das muss jetzt auch für die Fachgeschäfte funktionieren.»

Gossauer Vereine greifen Sponsoren unter die Arme

Zwei Kampagnen, ein Ziel

Parallel zu «Lokalhelden» läuft in Gossau eine zweite Aktion, die das gleiche will. Mit der Kampagne «#teamgossau» rufen die IG Sport und die IG Kultur alle 186 Vereine und ihre rund 8000 Vereinsmitglieder sowie die ganze Bevölkerung auf, die Geschäfte in Gossau, Arnegg und Andwil zu unterstützen.

Die Anbieter können ihre Dienstleistungen in einem unkomplizierten Formular eintragen. Die Vereine vermarkten diese dann für sie auf verschiedenen Plattformen. Auf der Website der IG Sport (igsportgossau.ch sowie igkultur.ch) wird auf besondere Angebote hingewiesen. Beispielsweise auf Restaurants mit Take-away oder Geschäfte mit Heimlieferdienst, Gutscheinen oder Onlineshops. Täglich wird ein Angebot auf Facebook und Instagram präsentiert. «Wir verfolgen das gleiche Ziel wie die Lokalhelden», sagt Norbert Thaler, Leiter der Fachstelle Sport, Kultur und Freizeit der Stadt Gossau. «Das Gewerbe finanziert die Vereine seit Jahren. Jetzt wollen wir den Sponsoren etwas zurückgeben und ihnen Mut machen.» In einer Zeit, in der die Betriebe erschüttert und existenziell gefährdet sind, appelliere «#teamgossau» an den Gemeinschaftssinn.