Vier Stichentscheide in einem Jahr sind rekordverdächtig: Nun tritt Barbara Frei als höchste Stadtsanktgallerin ab

Barbara Frei musste als Präsidentin des Stadtparlaments ungewöhnlich oft Stichentscheide treffen. Jetzt freut sie sich wieder aufs Politisieren.

Daniel Wirth
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Barbara Frei blickt zurück auf ein Jahr mit 200 besuchten Anlässen.

Barbara Frei blickt zurück auf ein Jahr mit 200 besuchten Anlässen.

Bild: Michel Canonica (20.Dezember 2019)

Sie wolle die gute Arbeit fortführen, die Gallus Hufenus (SP) und Franziska Ryser (Junge Grüne) vor ihr gemacht hätten, sagte die Freisinnige Barbara Frei im Januar, als sie zur Präsidentin des Stadtparlaments und somit für ein Jahr zur höchsten Stadtsanktgallerin gewählt wurde. Ein Anliegen sei ihr, die Parlamentssitzungen möglichst effizient abzuhalten. Das ist Barbara Frei tadellos gelungen.

Dabei war das im zu Ende gehenden Jahr gar nicht so einfach. Die Mehrheitsverhältnisse in der 63-köpfigen Legislative sind seit Anfang 2017 eng. Äusserst eng.

Im Mai behandelte das Stadtparlament eine Vereinbarung, welche die Stadt mit 15 Gemeinden in der Region eingegangen war für eine Zusammenarbeit im Bevölkerungsschutz. Das Geschäft war unbestritten.

Allerdings entflammte eine kontroverse und hitzige Debatte über eine gendergerechte Formulierung in der Vereinbarung. Die Diskussion darüber, ob «Kommandant» als Bezeichnung genüge oder ob es nicht besser «Kommandantin oder Kommandant» heissen solle oder geschlechtsneutral «Kommandierende», dauerte eineinhalb Stunden.

Frei brach die Debatte nicht ab. «Aber ich war kurz davor», sagt sie rückblickend. Chancengleichheit in der Karriere- und Familienplanung und gleiche Löhne für Frauen und Männer bei gleicher Arbeit und Qualifikation sind Frei wichtig, eine gendergerechte Formulierung in einer Vereinbarung ist für sie «vernachlässigbar». Im Parlament hielten sich die Stimmen über Gendergerechtigkeit exakt die Waage, Barbara Frei fällte den Stichentscheid; das Geschäft kam durch.

Es sollten weitere Stichentscheide folgen

Einen Monat später diskutierte das Stadtparlament über einen Jugendlichenvorstoss, den die Bildungskommission vertrat. Es ging um das Ausrufen des Klimanotstands in der Stadt.

Auch hier: kontroverse Debatte, gleich grosses Pro- und Kontra-Lager. Wieder musste die 61-jährige Ärztin Barbara Frei das Zünglein an der Waage spielen. Sie stimmte Nein. Auf das Ausrufen des Klimanotstands wurde verzichtet.

Im Dezember beugten sich die Parlamentarierinnen und Parlamentarier im Waaghaus über das Budget 2020. Die Debatte verlief ausufernd, die politischen Lager waren ausgeglichen. Zweimal lag es an der freisinnigen Präsidentin, einen Stichentscheid zu treffen.

Vier Stichentscheide in einem Jahr - das ist rekordverdächtig. Das ist gemäss Frei auch die Zahl der eingereichten parlamentarischen Vorstösse im Jahr 2019. Es waren um die 80.

Barbara Frei ist seit 2005 Mitglied des Stadtparlaments und damit eine der Amtsältesten im Rat. Vor fünf Jahren kandidierte sie für den Stadtrat. Sie unterlag Peter Jans (SP). Das Thema ist für sie abgehakt, wie sie sagt.

Eine Kandidatur für die Exekutive im Herbst 2020 ist für sie kein Thema: «Das Alter.» Für das Stadtparlament kandidiert die profilierte Politikerin noch einmal. «Ich freue mich jetzt wieder auf das Politisieren in der Fraktion.»

Repräsentationspflichten gerne und oft erfüllt

Im zu Ende gehenden Jahr war Barbara Frei nicht oft in ihrem Einfamilienhaus aus an der Peter-und-Paul-Strasse. Sie erfüllte gerne und oft Repräsentationspflichten als Parlamentspräsidentin. «Ich nahm an rund 200 Anlässen teil, zu denen ich eingeladen war», sagt sie.

Zwei davon seien ihr in sehr guter Erinnerung geblichen: zum einen die Mitgliederversammlung der Naturschule des Quartiervereins St.Georgen mit einem nachhaltigen Apéro der «Äss-Bar» mit Häppchen vom Vortrag, zum anderen das «wunderschöne» Jubiläumskonzert der Jugendmusikschule St.Gallen in der Linsenbühlkirche.

Für ihren Nachfolger Beat Rütsche von der CVP wünscht sich Barbara Frei weniger fundamentalische Meinungen und mehr Konsens im Parlament. Für die «attraktive und lebenswerte» Stadt erhofft sie sich im Mai 2020 ein Ja zur Neugestaltung des Marktplatzes.