Wegen Pilzbefall: Linden vor der Tonhalle in St.Gallen sind nicht mehr

Ein Jahrhundert lang sind bei der Tonhalle sechs Silberlinden gestanden. Die Bäume waren aber von einem Pilz befallen. Deshalb werden sie am Dienstag und Mittwoch  gefällt. Sie sollen durch neue, robustere Linden ersetzt werden.

Christoph Renn
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Die sechs Silberlinden neben der Tonhalle waren von einer Pilzkrankheit befallen. Gestern wurden sie gefällt. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die sechs Silberlinden neben der Tonhalle waren von einer Pilzkrankheit befallen. Gestern wurden sie gefällt. (Bild: Hanspeter Schiess)

Es ist kurz vor 8 Uhr. Die Temperatur liegt weit unter dem Gefrierpunkt. Einzelne Passanten schreiten bei klirrender Kälte in dicke Jacken eingepackt an der Tonhalle vorbei. Doch an diesem Dienstagmorgen wird die winterliche Morgenruhe plötzlich durch ein lautes Aufheulen einer Motorsäge gestört. Mitarbeiter von Stadtgrün (dem ehemaligen Gartenbauamt) in gelbleuchtenden Westen fällen die sechs majestätischen, knapp 100-jährigen Silberlinden vor der Tonhalle.

Die sechs Linden mit Baumumfängen von bis zu 270 Zentimetern werden vor der Tonhalle eine Lücke hinterlassen. «Wir werden sie mit neuen, klimafesteren Silberlinden der Sorte Brabant ersetzten», sagt Christoph Bücheler, Dienststellenleiter Stadtgrün. Die gestern gefällten Bäume waren bereits beim Bau der Tonhalle im Jahre 1909 eingepflanzt worden.

Die Fällung war laut Bücheler dringend nötig – auch wenn er sie bedauere und der Entscheid schweren Herzen gefallen sei. «Der Pilzbefall ist bei diesen sechs Silberlinden aber sehr stark.» Deshalb sei das Risiko von herabstürzenden Ästen zu gross und auch die Standsicherheit nicht mehr gegeben. «Unsere Einschätzungen haben wir zudem von externen Fachleuten bestätigen lassen.»

Alle 9000 Bäume werden regelmässig analysiert

Die Fällung der Silberlinden vor der Tonhalle waren laut Christoph Bücheler sicherlich kein Schnellschuss. «Wir beurteilen die knapp 9000 Bäume auf Stadtgebiet in einem Turnus von fünf Jahren», sagt er. Die gefällten Silberlinden stünden schon seit Längerem unter genauerer Beobachtung. «Wir mussten in den vergangenen Jahren immer wieder Totholz von den von Pilz befallenen Linden entfernen», sagt Werner Heim, Gruppenleiter bei Stadtgrün. Zudem seien die alten Bäume im Innern faul.

Die sechs Silberlinden sind laut Christoph Bücheler nicht die einzigen Exemplare auf Stadtgebiet, die krank sind. Einer der Gründe verortet er im Klimawandel. «Wegen der warmen Sommer und der anhaltenden Trockenheit sind viele Bäume stark geschwächt.» Deshalb seien sie anfälliger auf Schadorganismen.

«Zudem sind die verschiedenen Pilze bei diesen Wetterbedingungen besonders aggressiv.» Deshalb werden vor der Tonhalle nun standortgerechte, robustere Linden gepflanzt. «Doch wir können nicht im ganzen Stadtraum dieselben Arten verwenden», ergänzt Bücheler. Ein bestimmter Schädling könnte dann den gesamten Baumbestand zerstören.

Die umliegenden Gebäude schützen

Die Fällung der sechs rund 20 Meter hohen Bäume geht nur langsam voran. «Wir können die Linden nicht in einem Stück fällen», sagt Werner Heim. Zu nahe seien die umliegenden Gebäude. Auch die städtische Infrastruktur müsse vor den herabstürzenden Ästen geschützt werden. Deutlich wird das beim ersten Exemplar der Reihe. Unter den überhängenden Ästen der 100-jährigen Silberlinde steht eine Telefonkabine. Eine gläserne Kabine, die Angesicht der Wucht der herabfallenden Baumstücke umso zerbrechlicher erscheint.

Doch die Mitarbeiter von Stadtgrün müssen nicht hetzen. Die Blumenaustrasse blieb gestern Dienstag bis am Abend gesperrt und heute bis am Mittag. Ast für Ast werden die Bäume gefällt, bis nur noch die dicken Baumstämme stehen, die mit einem sauberen Schnitt vorbereitet und dann mit einer Seilwinde gezielt zum Sturz gebracht werden.

Nach rund eineinhalb Stunden liegen Teile der ersten Silberlinde verstreut auf der Strasse. Trotz klirrender Kälte begeben sich die Mitarbeiter bald wieder auf die Hebebühne. «Uns macht die Kälte nichts aus», sagt Heim. «Jedoch verändert sich die Struktur des Holzes und somit das Fallverhalten der Silberlinden. Das müssen wir zusätzlich in Betracht ziehen.»

Nach einer kurzen Verschnaufpause beginnt der Prozess für die Männer von vorne. Zuerst fallen die kleinen Äste, dann geht es mit dem Kran zur Baumspitze in luftiger Höhe. Die Arbeiten dauerten den ganzen Tag und sollten bis Mittwochmittag abgeschlossen sein. Dann sind die Bäume bei der Tonhalle nicht mehr – vorerst.