Lieferengpässe, Kurzarbeit und Absatzrückgänge: Die Ausbreitung des Corona-Virus verlangsamt die Wirtschaft in der Stadt St.Gallen

Die Wirtschaft in der Stadt St.Gallen kämpft wegen der Pandemie mit Lieferengpässen und Absatzrückgängen. Wegen den durch das Corona-Virus verursachten Produktionsausfällen beantragen Firmen im Kanton auch Kurzarbeit.

Sandro Büchler
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Die DGS Druckguss Systeme AG in Winkeln erwartet wegen des Corona-Virus ein schwaches erstes Halbjahr.

Die DGS Druckguss Systeme AG in Winkeln erwartet wegen des Corona-Virus ein schwaches erstes Halbjahr.

Bild: Urs Bucher

«Wir erwarten ein schwaches erstes Halbjahr», sagt Andreas Müller. Der Geschäftsführer der DGS Druckguss Systeme AG spricht während der Mittagspause über die Aussichten seines Unternehmens. Zwar habe das sich nun in der Schweiz ausbreitende Corona-Virus vorerst noch keine direkten Auswirkungen auf die Produktion in Winkeln. «Doch beim Rohmaterial Magnesium mussten wir wegen drohenden Engpässen eine zusätzliche Versorgung sicherstellen», erklärt Müller. Deshalb greife man zurzeit auf Lagerbestände im Hafen von Rotterdam zurück.

«Gegenüber dem Vorjahr verzeichnen wir deshalb einen Rückgang beim Absatz von etwa 10 Prozent.»
Andreas Müller, CEO DGS Druckguss Systeme AG.

Andreas Müller, CEO DGS Druckguss Systeme AG.

Bild: Urs Bucher

Er blickt unsicheren Zeiten entgegen. «Die Gesamtwirtschaft schwächelt.» Immerhin habe das Werk in China nur einen Lieferrückstand von einer Woche.

«Dort müssen die Mitarbeiter regelmässig Fieber messen. Und wenn zwei Personen im Büro sitzen, tragen sie Schutzmasken.»

Das Fieber eines chinesischen Mitarbeiters habe sich glücklicherweise als Mandelentzündung herausgestellt. «Hätte er sich mit dem Corona-Virus infiziert, hätten wir die ganze Produktion stilllegen müssen.»

Innovative Ideen sind gefragt

«Es ist nicht lustig», sagt auch Hermann Merz, Präsident des Industrie- und Gewerbevereins St.Gallen West. Die Lieferengpässe, etwa bei Photovoltaik- Komponenten, verursachten gravierende Mehrkosten. «Vermehrt müssen Bauarbeiten deswegen eingestellt werden.»

Einige Firmen würden nun zusätzliche Laptops anschaffen, damit ihre Mitarbeiter auch von zu Hause aus arbeiten könnten. «Doch ironischerweise sind die Lieferfristen von IT-Geräten ebenfalls markant angestiegen.» Mit besorgten Firmenchefs führt Merz aktuell Gespräche. Er rät zur Vorsicht und besonnenem Handeln.

«Aber es ist erschreckend, wenn man die grossen Beträge sieht, die bachab gehen.»

Es sei jedoch eine spannende Zeit. Der Gewerbevereinspräsident blickt zuversichtlich in die Zukunft: «Wir lernen aus der Situation. Wenn neue Ideen unter Druck gefragt sind, wirkt sich das positiv auf die Innovationskraft aus.»

Karin Jung, Leiterin des Amts für Wirtschaft und Arbeit.

Karin Jung, Leiterin des Amts für Wirtschaft und Arbeit.

Bild: PD

Wegen den durch das Corona-Virus verursachten Produktionsausfällen beantragen Firmen im Kanton St.Gallen aber auch Kurzarbeit. Karin Jung, Leiterin des Amts für Wirtschaft und Arbeit, bestätigt aktuell sechs Voranmeldungen für Kurzarbeit im Kanton. Davon seien zwei bereits bewilligt worden, eine Voranmeldung wurde zurückgezogen und drei Anmeldungen seien noch in Bearbeitung.

«Weitere Voranmeldungen sind bereits telefonisch angekündigt worden.» Bei der bewilligten Kurzarbeit handelt es sich laut Jung um zwei Produktionsbetriebe, die Vorprodukte oder Komponenten aus China nicht mehr erhalten, weil die Zulieferfirmen vorübergehend schliessen mussten. Unter den drei offenen Voranmeldungen seien zwei Marktfahrer, sowie ein Beratungsdienstleister.

«Die Anfragen für Kurzarbeit kommen mehrheitlich aus der Gastronomie, Hotellerie, von Marktfahrern und Messebauern.»

Spätfolgen lassen sich noch nicht abschätzen

Felix Keller, Geschäftsführer des kantonalen Gewerbeverbands St.Gallen.

Felix Keller, Geschäftsführer des kantonalen Gewerbeverbands St.Gallen.

Bild: PD

Mit Sorge beobachtet auch Felix Keller die Situation. Er ist nicht nur Stabschef des regionalen Führungsstabs St.Gallen-Bodensee, sondern auch Geschäftsführer des kantonalen Gewerbeverbands St.Gallen. Die Absagen grosser Veranstaltungen träfen den Tourismussektor, aber auch Gastrobetriebe.

«So braucht es zum Beispiel kein Catering mehr an einer Messe oder einer Generalversammlung.»

Keller will den Teufel nicht an die Wand malen. «Doch für die Jahresabschlüsse 2020 werden sich gewisse Konsequenzen ergeben.» Das könne auch zu Steuerausfällen führen. Laut dem Betriebsökonom werden einige Auswirkungen verzögert zu Tage treten. Etwa, weil grosse Firmen im angespannten Klima eher zurückhaltend investierten. «Das merkt das lokale Gewerbe erst, wenn Aufträge ausbleiben.»

«Die Situation ist für alle neu und niemand weiss so richtig, wie damit umzugehen ist», sagt Alessandro Sgro. Welche wirtschaftlichen Konsequenzen die Ausbreitung des Corona-Virus für die Stadt St.Gallen und die Region hat, kann auch der Chefökonom der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell nicht beziffern, weil in so kurzer Frist die relevanten Daten noch nicht vorliegen.

Alessandro Sgro, Chefökonom der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell

Alessandro Sgro, Chefökonom der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell

Bild: PD

Er stellt aber eine hohe Unsicherheit fest. Das belaste insbesondere Exportunternehmen und generell die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. «Die Ostschweiz hat einen sehr hohen Exportanteil an der Gesamtwirtschaft – viel höher als der Schweizer Durchschnitt.»

Verzögerten sich Lieferungen und werde das Güterangebot knapper, könnten Preissteigerungen die Folge sein. «Im schlimmsten Fall könnte es durch einen starken Inflationsanstieg zu einem schockartigen Zinsanstieg kommen.» Noch sei es nicht so weit. Aber die Aussichten für die Ostschweizer Wirtschaft seien zurzeit «eher eingetrübt». «Schon jetzt von einer möglichen Rezession zu sprechen, wäre aber weit gefehlt und unseriös», sagt Sgro.