«Liebe ist stärker als jede Angst»: Lesbische Pfarrerin hält Gottesdienst in St.Gallen

Annette Spitzenberg ist Pfarrerin und lesbisch. Sie will ihre Community und die Kirche wieder zusammenführen.

Interview: Diana Hagmann-Bula
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Annette Spitzenberg wünscht sich eine Ehe, aber auch eine Kirche für alle.

Annette Spitzenberg wünscht sich eine Ehe, aber auch eine Kirche für alle.

Bild: Ralph Ribi

Wenn die 55-jährige Annette Spitzenberg diesen Sonntag Gottesdienst hält, geht es ihr für einmal um ein persönliches Anliegen: Homosexuelle, Transmenschen, Queere, sie alle sind richtig so, wie sie sind. Auch die Kirche solle das endlich anerkennen. Gefeiert wird die Regenbogenliebe mit anschliessender Tanzparty.

Annette Spitzenberg, sind Sie ein mutiger Mensch?

Wenn ich mich mit Aktivisten in Ländern vergleiche, in denen Homosexualität unter Strafe steht, dann nicht.

Aber es braucht doch auch in der Schweiz immer noch Mut, als Pfarrerin hinzustehen und zu sagen: Ich liebe Frauen. Eben das tun Sie morgen als Veranstalterin eines Gottesdienstes für die Queer-Community.

Mein Mut ist mit der Zeit gewachsen. Ich war verheiratet, habe zwei Kinder und bin eine Spätzünderin. Erst vor zwölf Jahren habe ich gemerkt, dass ich homosexuell bin. Ich hatte mich damals in eine Frau verliebt. Es war mir sofort klar, dass ich mich oute. Zuerst sprach ich mit engen Freunden darüber, dann mit weniger engen Freunden, der Kreis wurde immer grösser. In der Öffentlichkeit hielt ich mich zurück, um meine Kinder zu schützen. Ich wollte nicht, dass sie leiden und sich wegen mir Sprüche anhören müssen.

Queer: Ein Wort ist wieder da

«Queer» nennt sich die Gemeinschaft jener Menschen, die eine Liebe leben, die nicht dem gängigen gesellschaftlichen Bild entspricht. Dazu gehören Schwule, Lesben, Transmenschen und Intersexuelle. Das Wort stammt aus dem Englischen und bedeutet zu Deutsch so viel wie «seltsam» oder «sonderbar». Einst wurde es denn auch als Schimpfwort benutzt, um die Gay-Community zu beschreiben. Heute ersetzt der Begriff Queer immer häufiger die Bezeichnung LGBTIQ, die bisher für Homosexuelle, Bisexuelle und Transmenschen stand. Dass die Community selber ein ehemaliges Schimpfwort für sich verwendet, zeigt auch: Sie legt an Selbstvertrauen zu. (dbu)

Wie hat Ihr Mann reagiert?

Er war erleichtert. Mein Coming Out hat ihn entlastet. Er konnte meine Homosexualität als meinen Anteil am Zerbrechen unserer Ehe einordnen.

Wie gehen Ihre Berufskollegen damit um, dass Sie als Pfarrerin Ihre Homosexualität offen ausleben?

Für die meisten ist es kein Problem. Doch es gibt auch in der reformierten Kirche noch immer Kollegen, die Homosexualität ablehnen. Ich spüre das jeweils am Pfarrkonvent. Und sage mir dann: Sie haben nichts gegen mich persönlich, sondern gegen die Art, wie ich liebe. Damit muss ich umgehen können.

Gelingt Ihnen das immer?

Meistens schon. Wenn Menschen aber glauben, Homosexualität sei eine Krankheit oder eine Fehlentwicklung, die sich heilen oder therapieren lasse, dann kämpfe ich mit innerer Wut.

Uns zu verstehen zu geben, dass wir falsch sind oder schuldig, ist eine Form von Gewalt.

Papst Franziskus erachtet die Ehe zwischen Mann und Frau nach wie vor als einzig richtige Liebe. Fällt es Ihnen nicht schwer, für eine Arbeitgeberin tätig zu sein, die ganz andere Ideale als Sie vertritt?

Homophobie ist auch ausserhalb der Kirche Realität. Die reformierte Kirche hat heute zum Glück eine liberale Haltung im Unterschied zu den meisten evangelischen Freikirchen und der katholischen Kirche.

Als ich mich in Reute-Oberregg beworben habe, erwähnte ich, dass ich lesbisch bin. Und ich habe die Pfarrstelle bekommen. Zu meiner Studienzeit in den 1990er-Jahren noch verschwieg man Homosexualität. Zu sehr fürchtete man sich vor Reaktionen und Konsequenzen.

Annette Spitzenberg bei ihrer Amtseinsetzung im September dieses Jahres.

Annette Spitzenberg bei ihrer Amtseinsetzung im September dieses Jahres. 

Karin Steffen

Papst Franziskus als Oberhaupt der katholischen Kirche aber hält fest an der klassischen Lehre. Wir leben in einer Zeit der vielen Veränderungen. Angst und Bewahrung sind eine Möglichkeit, darauf zu reagieren.

Welche Botschaft wollen Sie mit dem Gottesdienst vom Wochenende verbreiten?

Dass Liebe, egal welcher Art, stärker ist als jede Angst. Sie gibt einem die Kraft hinzustehen und mehr Akzeptanz zu fordern. Und dass wir viel zur Gesellschaft beitragen können.

Woran denken Sie dabei?

Jesus hat gesagt: Liebe deinen nächsten wie dich selbst. Denn er ist wie du. Wir als Nicht-Heterosexuelle können aufzeigen, wie vielseitig gelebte Liebe sein kann. Und was Toleranz wirklich bedeutet. Unser Selbstwerdungsprozess kann zudem anderen dabei helfen, ihren Rucksack zu akzeptieren.

Wir sind richtig, wie wir sind. Gott hat uns aus irgendeinem Grund so gemacht. Die Kirche vergibt sich viel spirituelles Potenzial, indem sie uns an den Rand drängt.

Warum ist ein Gottesdienst für Queer-Gemeinschaft dringend nötig?

Wir wollen uns unsere Spiritualität nicht rauben lassen. Die Kirche hat uns immer wieder verletzt und unsere Werte kritisiert. Viele von uns wollen deshalb nie wieder einen Fuss in die Kirche setzen. Umso mehr freut es mich, dass morgen Atheistinnen den Barbetrieb übernehmen. Auch der DJ hat mit Religion nichts am Hut. Als Christin gehöre ich zu einer Minderheit in dieser Bewegung.

Fühlen Sie sich als Pfarrerin in dieser Gruppe manchmal ausgegrenzt?

Es gibt durchaus Leute, die erstaunt auf meinen Beruf reagieren, aber ausgegrenzt werde ich nicht. In unserer Community herrscht nicht heile Welt.

In der Vergangenheit haben etwa Lesben Transfrauen diskriminiert, wenn es um Feminismus ging.

Sie seien keine richtigen Frauen und könnten die Anliegen nicht nachempfinden, warfen sie ihnen vor. Unser Zusammenhalt hat sich verbessert. Bei den Jungen sind die Grenzen ohnehin fliessender.

Nach dem Gottesdienst tanzen die Besucher zusammen in die Nacht hinein. Kritiker werden nun sagen: Typisch, dass die noch Party machen müssen!

Christentum und Lebenslust gehören doch zusammen. Christus ist auch vorgeworfen worden, dass er ein Fresser und Weinsäufer sei. Da passen wir gut dazu.

Findet der Anlass bewusst am Weltaidstag statt?

Ja. Als Aids ausgebrochen ist, haben fundamentalistische Christen gemeint: Jetzt sind die endlich bestraft für ihre Homosexualität. Aids bedeutete für die Community einen grossen Verlust. Freddie Mercury ist nur einer der prominentesten Vertreter, der früh gehen musste. Der Tag steht somit auch für die Stigmatisierung unserer Gemeinschaft.

Warum haben Sie als Austragungsort die Offene Kirche und nicht eine evangelische Stadtkirche gewählt?

Weil der Name der Kirche für den offenen Geist steht, den wir uns wünschen. Und weil sie ökumenisch getragen ist, bunt und farbig wie unsere Community und wie die Mitgestaltenden des Gottesdienstes aus Landes- und Freikirchen und von der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen.

Der Schweizerisch Evangelische Kirchenbund hat sich diesen Sommer für die Ehe für alle ausgesprochen. Danach gab es einen Aufstand der Gegner.

Der Grossteil der Delegiertenversammlung stützte den Entscheid. Aber es gibt eine kleine, laute Minderheit, die dagegen ist. Queere haben die gleichen Pflichten wie jeder andere Bürger, aber noch immer nicht die gleichen Rechte.

Was erhoffen Sie sich von der Kirche in den nächsten zehn Jahren für Ihre Community?

Dass sie das Doppelgebot der Liebe aus der Bibel ernst nimmt. So lange sie uns diskriminiert, tut sie das nämlich nicht. Einerseits begrüsse ich es, dass es in der katholischen Kirche Regenbogenpastorale gibt oder auf der reformierten Seite Aidspfarrämter. Eigentlich aber wünsche ich mir, dass wir selbstverständlich werden und es diese Spezialpfarrämter nicht mehr braucht.

Queer-Gottesdienst: Sonntag, offene Kirche. 18 Uhr: Gottesdienst, 19 Uhr: Teilete –jeder bringt etwas zum Essen mit, 20 Uhr: Disco mit DJ Naurasta Selecta (auch für Nichtgottesdienstbesucher)