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Leuchtturm-Projekt oder Unsinn? Misstöne um Orgel-Erweiterung für die St.Galler Laurenzenkirche

Die Laurenzenkirche im Herzen St.Gallens soll eine Orgel erhalten, welche die Zuhörer von allen Seiten her beschallt. Die Kirchenvorsteherschaft ist überzeugt, dass die Installation einer 3D-Orgel weit über St.Gallen hinausstrahlen wird. Kirchbürger hingegen bezeichnen das 2,4-Millionen-Projekt als grössenwahnsinnig.
Daniel Walt
Grosse Pläne für die St.Galler Laurenzenkirche: Die Orgel soll umfassend revidiert und erweitert werden. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Grosse Pläne für die St.Galler Laurenzenkirche: Die Orgel soll umfassend revidiert und erweitert werden. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

In der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde St.Gallen-Centrum herrscht derzeit etwas weniger Harmonie als auch schon. Auslöser für die Misstöne ist die Erweiterung der Orgel in der St.Laurenzenkirche.

Bereits seit mehreren Jahren beschäftigt sich die Kirchenvorsteherschaft mit dem Grossprojekt. 2,4 Millionen Franken soll die Revision und Erweiterung der bestehenden Orgel laut den Berechnungen der Verantwortlichen kosten. Ziel der Investition ist es, dass die Klänge des frisch revidierten Instruments künftig nicht mehr nur frontal, sondern von allen Seiten her auf die Zuhörer in den Kirchenbänken einwirken. Innerhalb der Kirchenvorsteherschaft ist deshalb die Rede von einer 3D-Orgel.

«Überwältigendes Hörerlebnis»

In der Kirchgemeinde geistern zahlreiche Fragen zum Grossprojekt herum, über das bislang nicht öffentlich informiert worden ist. Die Unterlagen zur Kirchbürgerversammlung treffen dieser Tage in den Haushaltungen ein, denn das Geschäft ist für die Versammlung vom 28. April traktandiert.

Christian Kind, Kirchenpräsident. (Bild: pd)

Christian Kind, Kirchenpräsident. (Bild: pd)

Christian Kind ist Präsident der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde St.Gallen-Centrum. «Dass ein solches Vorhaben Fragen aufwirft und dass nicht alle sofort dahinter stehen können, ist klar», hält er auf Anfrage fest.

Noch nie umfassend revidiert

Am Ursprung des 3D-Orgelprojekts stand die Tatsache, dass die aus dem Jahr 1979 stammende Laurenzen-Orgel revidiert werden muss. Laut Christian Kind ist das bald 40-jährige Instrument abgesehen von einem kleinen Umbau im Jahr 2003 noch nie umfassend instand gestellt worden. 275'000 Franken würde eine reine Revision laut dem Kirchenpräsidenten kosten. Die Durchführung einer solchen Revision wird alle 25 Jahre empfohlen.

Mit Experten wurden zeitgleich zu den Revisionsabklärungen mögliche Verbesserungen an der Orgel geprüft. Dies vor dem Hintergrund, dass das Instrument Schwächen in den Basslagen habe und nicht so mächtig töne, wie Christian Kind festhält.

Die bestehende Orgel habe Schwächen in den Basslagen, argumentieren die Verantwortlichen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die bestehende Orgel habe Schwächen in den Basslagen, argumentieren die Verantwortlichen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

In der Folge brachte Organist Bernhard Ruchti die Idee ein, die besondere Raumgestaltung der Laurenzenkirche für ein neuartiges Orgelkonzept zu nutzen. Dieses sieht vor, dass auf den diversen Emporen zusätzliche Orgelwerke installiert werden, die von einem einzigen Spieltisch aus bedient werden können. Die Zuhörer erhalten durch diese Neuerung den akustischen Eindruck, dass sie sich inmitten der Orgel befinden. Christian Kind sagt:

«Wir nehmen damit Rückgriff auf frühere Zeiten, als die Kirchenchöre auf die verschiedenen Emporen verteilt wurden.»

In der Laurenzenkirche fand auch bereits ein Test statt – der Kirchenpräsident bezeichnet das Hörerlebnis als «überwältigend».

Gesamtkosten nicht alleine zu stemmen

Ein Knackpunkt beim Grossprojekt ist laut Christian Kind die Statik. Bei einer Realisierung der 3D-Orgel müssen zwei Emporen fürs Anbringen der zusätzlichen Pfeifen leicht verstärkt werden. Als gänzlich zu schwach hat sich die Westempore beim Kircheneingang erwiesen – hier müsste das Podest mit den Pfeifen mittels eines Stahlträgers aufgehängt werden. Keine Bedenken hingegen gebe es aus denkmalpflegerischer Sicht, sagt der Kirchenpräsident.

Eins stand für die Verantwortlichen von Anfang an fest: Die Kirchgemeinde kann die Gesamtkosten von rund 2,4 Millionen Franken für die 3D-Orgel unmöglich alleine stemmen. «Gleichzeitig dürfen wir nicht erwarten, dass Spenderinnen und Spender das gesamte Projekt finanzieren», sagt Christian Kind.

Deshalb schlägt die Vorsteherschaft nun einen Kompromiss vor: Die Kirchgemeinde soll 1,1 Millionen Franken beisteuern, also nicht ganz die Hälfte. Für den Restbetrag sollen Sponsoren aufkommen. Die entsprechende Suche wurde bereits gestartet – und sie verläuft vielversprechend: «Bislang haben wir gegen 900'000 Franken an Spendenzusagen», freut sich Kind (siehe auch Zweittext unten).

«Wird Kirche und Orgelstandort weiter aufwerten»

«Unsinn», «viel zu teuer», «grössenwahnsinnig»: In der Kirchgemeinde sind diverse kritische Stimmen zum Vorhaben der Vorsteherschaft zu vernehmen. Christian Kind entgegnet, das Projekt sei zwar teuer, es lohne sich aber:

«Es handelt sich um ein Leuchtturmprojekt, das weit über St.Gallen hinaus ausstrahlen wird.»

Eine 3D-Orgel in der Art, wie sie jetzt für St.Laurenzen geplant sei, gebe es nämlich weder in der Schweiz noch im benachbarten Ausland. Kind ist überzeugt: «Das Projekt wird die Laurenzenkirche und den ohnehin schon exzellenten Ruf St.Gallens als Orgelstandort weiter aufwerten.»

«Können uns keine Kirchbürger kaufen»

Kritische Stimmen geben zu bedenken, dass eine solche Grossinvestition in Zeiten zunehmender Kirchenaustritte keinen Sinn ergebe. Die Kirche solle ihre Mittel besser in andere Aktivitäten stecken, um neue Mitglieder zu gewinnen. Und überhaupt: Wer sich für dieses spezielle Orgelprojekt begeistere und künftig vielleicht vermehr an Konzerte in die Laurenzenkirche komme, besuche nicht zwingend auch andere Anlässe der Kirchgemeinde.

Christian Kind kann diese Kritik durchaus nachvollziehen, wie er sagt. Er argumentiert aber:

«Kirchenmusik ist ein wichtiger Teil des Kernauftrags unserer Zentrumsgemeinde, in den es sich zu investieren lohnt. Mit unseren kostenlosen Konzerten erreichen wir Menschen, die nicht zu den gewohnten Kirchgängern gehören.»

Die Kirchgemeinde St.Gallen-Centrum verfügt laut Christian Kind aktuell über ein Eigenkapital von 9,5 Millionen Franken. «Das ist stattlich», sagt der Kirchenpräsident und fügt an, mit diesem Geld könne man sich leider keine neuen Kirchbürger kaufen.

«Mit der Investition in die Orgel können wir aber vielleicht Menschen von einem Austritt abhalten, die sich für Kirchenmusik interessieren.»

Ein Geheimrezept, wie man die Menschen wieder vermehrt an die Kirche binde, gebe es nicht, sagt Kind weiter. Strategisch gehe es aber darum, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen – also in die Kirchenmusik zu investieren und gleichzeitig auch andere Aktivitäten zu fördern. «Beispielsweise betreiben wir eine intensive Kinder- und Jugendarbeit.»

«Vor Überraschungen nie gefeit»

Sogar die Geschäftsprüfungskommission der Kirchgemeinde sei in Sachen 3D-Orgel vor einem Jahr noch skeptisch gewesen, sagt Christian Kind und fügt an:

«Sie fand, wir seien grössenwahnsinnig.»

Mittlerweile habe der Wind aber gedreht – insbesondere auch aufgrund der Spendenzusagen, die bereits getätigt worden seien.

Wie schätzt Christian Kind die Chancen ein, dass die Kirchbürger ihre Zustimmung zum Grossprojekt geben? «An Versammlungen ist man vor Überraschungen nie gefeit», antwortet der Kirchenpräsident. Er sei aber recht optimistisch – insbesondere wenn sich die Kirchbürger nun fundiert mit dem Vorhaben auseinandersetzen könnten.

Suche nach weiteren Geldgebern

Gegen 900'000 Franken an Spenden sind für die Revision und Erweiterung der Orgel in der St.Laurenzenkirche bereits zusammengekommen. Grosse Beiträge zugesagt haben laut Kirchenpräsident Christian Kind unter anderem die Ortsbürgergemeinde St.Gallen, die Stadt St.Gallen und der kantonale Lotteriefonds. Dazu kommen Zusagen von zwei Stiftungen. «Mit einer professionellen Spendensammlung wollen wir nun noch zu den restlichen 400'000 Franken kommen. Und vielleicht sogar noch etwas mehr Geld hereinholen, damit sich der geplante Anteil der Kirchgemeinde von 1,1 Millionen Franken im Sinne einer Defizitgarantie sogar noch reduziert», sagt Christian Kind. Ein in Entstehung begriffenes Patronatskomitee für die neue St.Laurenzen-Orgel soll vom früheren St.Galler Stadtrat Fredy Brunner angeführt werden. (dwa)

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