Lesezirkel, Repair-Café, Probelokal: 37 Interessenten wollen einen Raum in den alten Schulhäusern in Wittenbach mieten

Ab 2021 sollen die alten Schulhäuser der Schulanlage Dorf in Wittenbach zwischengenutzt werden. Rund 40 Interessentinnen und Interessenten haben sich gemeldet. Sie alle wollen einen Raum in einem der über 100 Jahre alten Gebäude mieten. Gemeinderat Bruno Brovelli glaubt, dass mit den neuen Mietern eine völlig neue und spannende Atmosphäre in den Häusern entstehen wird.

Perrine Woodtli
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Eines der zwei Schulhäuser, die ab 2021 anderweitig genutzt werden sollen.

Eines der zwei Schulhäuser, die ab 2021 anderweitig genutzt werden sollen.

Ralph Ribi

Jahrzehntelang gingen in der Schulanlage Dorf auf dem Wittenbacher Dorfhügel zahlreiche Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonen ein und aus. Schon bald aber verlassen sie die Gebäude Richtung Grüntal. Das neue Primarschulhaus Sonnenrain ist im Herbst fertig. Dann wird gezügelt. Die beiden alten Schulhäuser mit Baujahr 1822 und 1907 werden dann ihren Zweck erfüllt haben.

Schon im nächsten Januar aber sollen sie sich wieder mit Leben füllen. Die Gemeinde will verhindern, dass die Gebäude in einen Dornröschenschlaf fallen. Statt sie leer zu lassen, vermietet die Gemeinde die 20 Räume ab 2021 – im Rahmen einer vorübergehenden Zwischennutzung. Denn was mit den historischen Bauten dereinst passiert, ist offen.

Die Häuser sind in Wittenbach längst zu einem Politikum geworden: Während einige Bewohnerinnen und Bewohner die alten Gebäude abreissen wollen, kämpfen andere für deren Erhalt.

Nicht mit so einer grossen Nachfrage gerechnet

Im Frühling teilte die Gemeinde mit, dass man sich für die Schulräume bewerben könne. Um die 40 Interessenten meldeten sich daraufhin, wie Bruno Brovelli, Gemeinderat und Präsident der zuständigen Arbeitsgruppe, sagt. Über die grosse Nachfrage war er positiv überrascht, er hatte nicht mit so vielen Bewerbungen gerechnet.

Bruno Brovelli (SVP), Gemeinderat Wittenbach und Präsident der Arbeitsgruppe Schulhäuser Dorf

Bruno Brovelli (SVP), Gemeinderat Wittenbach und Präsident der Arbeitsgruppe Schulhäuser Dorf

PD
«Es war schwierig abzuschätzen, wie viele sich melden. Manche prophezeiten mir, dass wir überrannt werden. Andere sagten, dass sich niemand für diese Räume interessieren würde.»

Einigen der interessierten Mieterinnen und Mietern musste die Arbeitsgruppe aber absagen, da sie für den Raum eine gewerbliche Nutzung vorsahen – dies ist in der Zone für öffentliche Bauten und Anlagen jedoch nicht erlaubt.

Insgesamt seien es nun 37 Kandidatinnen und Kandidaten, sagt Brovelli. Unter diesen befinden sich mehrere Bands und Musiker, aber beispielsweise auch Frauenvereinigungen. Auch die Ideen für die Räume sind breit gemischt; so will jemand einen Lesezirkel initiieren, zudem soll das Repair-Café in die Schulanlage zügeln. Es hätten sich sowohl junge als auch ältere Personen beworben. Die meisten stammen aus Wittenbach. Der Rest wohnt in den umliegenden Gemeinden.

Ziel ist, dass alle Platz haben

Am 20. Oktober treffen sich alle Interessenten und die Arbeitsgruppe in den leer geräumten Schulhäusern. Dort können sie die 20 Räume besichtigen und Wünsche anbringen. Brovelli sagt:

«Ziel ist es, dass wir die Räume vor Ort zuweisen und sich alle einigen können.»

Man wolle die Zimmer nicht einfach zuteilen. Die Leute sollten auch untereinander schauen, was sinnvoll wäre. «Weniger sinnvoll wäre beispielsweise, wenn die Jazzband neben dem Lesezirkel wäre.» Er hat die Hoffnung, dass sich einige Mieter, vielleicht Bands, auch einen Raum teilen würden. Damit möglichst alle Platz finden. Sonst müsse die Arbeitsgruppe entscheiden. Dabei hätten die Wittenbacher Vorrang.

In den beiden Schulhäusern Dorf wird nach den Herbstferien nicht mehr unterrichtet.

In den beiden Schulhäusern Dorf wird nach den Herbstferien nicht mehr unterrichtet.

Ralph Ribi

Mieter dürfen mindestens fünf Jahre bleiben

Beim Treffen wird den Interessenten auch der Mietvertrag vorgelegt. Laut Brovelli müssen nur noch letzte Details geklärt werden. Unter anderem rechne man derzeit die Nebenkosten aus. Der künftige Mietzins beträgt für alle 100 Franken pro Raum – die Anzahl Quadratmeter spielt kein Rolle. Dieser Betrag reiche der Gemeinde, um die Kosten für die Hauswartung zu decken.

Die Gemeinde hat festgelegt, dass sie nichts mehr in die Schulhäuser investieren wird. Falls die Mieter selber kleine Anpassungen in ihren Räumen vornehmen wollen, dürfen sie das. Im Vertrag ist festgehalten, dass die Mieter sicher für fünf Jahre bleiben können. Begründet wird dies mit der Raumplanung in Wittenbach, die mindestens noch so viel Zeit beanspruche. Und diese entscheidet, welchen Weg die Gemeinde bezüglich der Schulanlage gehen wird.

Nicht jeder will sich von einer Zwischennutzung wieder trennen

Dass die Häuser zwischengenutzt werden, wurde in Wittenbach mehrheitlich begrüsst, auch von den Parteien. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass Zwischennutzungen auch zum Fluch werden können – zumindest für die Verantwortlichen. Obwohl jeweils angekündigt wird, dass es sich um ein Projekt auf Zeit handelt, wird das Ende nicht überall gleich gut akzeptiert. Einmal liebgewonnen, fällt es Nutzern und Befürwortern oft schwer, wieder Abschied zu nehmen. Nicht selten gipfeln die Diskussionen in Petitionen.

Darauf angesprochen sagt Bruno Brovelli, er sei sich diesem möglichen Szenario durchaus bewusst. Er hoffe aber, dass eine offene Kommunikation dieses verhindere. Wie die Wittenbacher beim Ende der Zwischennutzung reagieren, hänge zudem stark davon ab, was in der Raumplanung beschlossen werde.

Eine neue und interessante Atmosphäre

Brovelli ist zudem der Meinung, dass man die Häuser trotz dieses Risikos nicht leer stehen lassen sollte. «Das wäre blöd. Denn offensichtlich besteht die Nachfrage.» Er ist überzeugt, dass durch die breite Durchmischung eine «völlig neue und interessante Atmosphäre» in den Schulhäusern entstehen wird.

«Dadurch kommen auch Leute zusammen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Das kann spannend sein.»
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Ab Herbst stehen die Klassenzimmer in der Schulanlage Dorf leer. Der Gemeinderat will die Räume ab 2021 vermieten - so lange, bis klar ist, was mit den historischen Gebäuden passiert. Die Ortsparteien finden eine Zwischennutzung sinnvoll. Diese soll aber zeitlich befristet sein. Die FDP will nicht, dass sich die Gemeinde verzettelt.
Perrine Woodtli