Lernbegleiterin aus Speicher sammelt Ideen gegen die Langeweile zu Hause: Putzpartys und Corona-Fangis

Regula Immlers Blog sammelt Ideen, was Familien während der Coronakrise zu Hause unternehmen können.

Perrine Woodtli
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Regula Immler will den Alltag auch in Coronazeiten kreativ gestalten.

Regula Immler will den Alltag auch in Coronazeiten kreativ gestalten.

Bild: Benjamin Manser (3. April 2020)

Auf einmal ist alles anders. Die Kinder sitzen zu Hause statt in ihren Schulzimmern. Papa hat den Esstisch in seinen Arbeitsplatz verwandelt. Mama hat im Wohnzimmer ihr Homeoffice eingerichtet. Das Coronavirus stellt unser Leben auf den Kopf  – und einige Familien vor Betreuungsprobleme. Es schafft aber auch unverhoffte Familienzeit. Diese sinnvoll zu nutzen, ist nicht immer einfach.

Inspirationshilfe finden Eltern unter www.familienzeiten.ch. Dort gibt es über 100 Ideen für Aktivitäten und Rituale, für die man kein Geld ausgeben muss. Die Liste ist vielfältig: Löwenzahnsirup machen, Amphibien retten, ein Znacht à la «Blinde Kuh», ein Kindertag, an dem die Kleinen bestimmen, oder ein Regentropfen-Wettrennen. Zusammengestellt hat die Sammlung Regula Immler. Die 47-Jährige arbeitet als Lernbegleiterin an der SBW Secundaria Häggenschwil. In den letzten Wochen hat sie ihren Blog mit Ideen für Coronazeiten ergänzt.

Blog wird dank Corona mehr gelesen

Den Blog gibt es seit zwei Jahren. Regula Immler und ihr Mann Mark Riklin nahmen sich mit ihren zwei Töchtern, die heute zehn und zwölf Jahre alt sind, eine Auszeit und reisten mit dem Wohnmobil drei Monate lang durch Europa. «Wir haben damals als Familie von Familien Ostschweiz den Auftrag erhalten, Ideen und Rituale für die Familienzeit zu sammeln», sagt Regula Immler. Familien Ostschweiz (Famos) ist ein Verbund von Fachstellen und Institutionen für Familienfragen. Mit dabei sind die Kantone St.Gallen, Thurgau und Ausserrhoden sowie die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St.Gallen, das Bistum St.Gallen und die Christkatholische Kirchgemeinde St.Gallen.

Die Situation während der Reise sei der aktuellen gar nicht unähnlich gewesen, sagt Immler. «Die gewohnte Tagesstruktur war weg.» Die Familie notierte Rituale und Ideen für ihren neuen Alltag. Zurück im Zuhause in Speicher fragte Immler dann auch andere Familien, wie diese ihre Familienzeit gestalten. Daraus entstand schliesslich der Blog.

Dieser erlebt nun einen Aufschwung. Normalerweise werde die Seite 30- bis 40-mal täglich aufgerufen, sagt Immler. «Jetzt sind es zwischen 400 und 1500 Klicks pro Tag.» Sie stelle eine bis zwei neue Ideen pro Woche online statt eine pro Monat. «Ich erhalte derzeit sehr viele Geschichten und Anfragen.» Sie sei immer auf der Suche nach neuen Ideen. Wer eine hat, kann diese an regiimmler@hotmail.com schicken.

Kochkurs bei Mama und Glücksmomente sammeln

Auf dem Blog gibt es nun auch die Kategorie «Corona-Zeiten». Dort finden Familien Ideen, die sich in den eigenen vier Wänden umsetzen lassen. Eine Putzparty zum Beispiel. Mit vereinten Kräften und zu lauter Musik soll sogar die Haushaltreinigung Spass machen. «Bei uns funktioniert das meist wunderbar», so Immler. Für Familien sei jetzt vor allem eine Tagesstruktur mit fixen Zeiten wichtig. Helfen soll ein Tagesplan, wo alles festgehalten wird. Auch Rituale können laut Immler hilfreich sein und Halt und Orientierung geben. Ein mögliches Ritual ist der Literaturstart. Nach dem Aufwachen am Morgen lesen die Kinder unter der Decke zuerst eine halbe Stunde. Beim Frühstück tauscht man sich dann aus. Ein anderes Ritual, das bei Familie Immler/Riklin funktioniert, ist das Sammeln von Glücksmomenten. Die Idee: Einmal am Tag erzählt man sich, was einen heute besonders gefreut hat.

Regelmässig gibt Regula Immler auch einen Kochkurs. Die Töchter wünschen das Gericht. Mama bringt es ihnen bei. «Wir essen zwar weniger gesund», sagt Immler lachend. «Aber sie freuen sich immer darauf.» Eine andere Idee stammt von den Töchtern. Sie haben ein Corona-­Fangis erfunden. Um genügend Abstand zu halten, darf man nur auf eingezeichneten Wegen am Boden rennen. Gefangen wird mit einer weichen Schwimmnudel.

«Diese Zeit ist einmalig»

Wichtig ist auch der Kontakt zur Aussenwelt. Dazu gibt es die «Grüsse von Zuhause». Am Kühlschrank hängt eine Liste mit Personen, an die man denken will. Jeden Tag hat jemand anders Postdienst. Wie die Grüsse zum Empfänger finden, entscheidet jeder selber. «Zuerst fanden die Kinder die Schreibmaschine toll», sagt Immler. «Mittlerweile schicken sie lieber eine SMS.» Jede Familie müsse die Ideen selber ausprobieren und herausfinden, was zu ihnen passt. Macht etwas Freude? Toll. Funktioniert etwas nicht? Auch egal. «Man muss nur offen sein.»

Diese Zeit sei «einmalig». «So lange zusammen zu sein, ohne Ablenkungen: Das gibt es wohl nie mehr», sagt Immler. Sie finde es lässig. Aber es sei auch eine Herausforderung und nicht immer einfach. Auch in ihrer 3,5-Zimmer-Wohnung herrsche längst nicht nur Harmonie. «Es knallt und tätscht auch bei uns hin und wieder.»