Leerstellen bei den Lehrstellen: In Gossau können nicht alle Ausbildungsplätze besetzt werden

Des einen Freud, des andern Leid: Immer mehr Lehrstellen in Gossau bleiben unbesetzt. Dies erleichtert die Suche für die Schulabgänger – und führt umgekehrt zu Notlösungen in den Betrieben.

David Grob
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Berufe mit körperlicher Arbeit haben es in der Tendenz schwieriger, Lehrlinge zu finden: Ein Elektromonteur-Lehrling bei der Arbeit. (Bild: Gaetan Bally/Keystone, 23. Juli 2015)

Berufe mit körperlicher Arbeit haben es in der Tendenz schwieriger, Lehrlinge zu finden: Ein Elektromonteur-Lehrling bei der Arbeit. (Bild: Gaetan Bally/Keystone, 23. Juli 2015)

64 freie Lehrstellen zeigt der Lehrstellen-Nachweis (Lena) für Gossau an – und dies rund zwei Monate vor dem Lehrbeginn anfangs August. Lena weist aber eine gewisse Ungenauigkeit auf: So sind nicht alle Lehrstellen auf dem Portal zu finden, während andere zwischenzeitlich bereits besetzt, aber immer noch aufgeführt sind. Die Zahlen müssen demnach mit Vorbehalt betrachtet werden.

Die Schulabgängerbefragung, die seit Ende Mai für Gossau vorliegt, zeigt das gleiche Bild: Von den 125 Schülerinnen und Schülern, die im Sommer ihre obligatorische Schulzeit abschliessen, sind nur vier ohne Anschlusslösung. Drei Viertel aller Abgänger starten nach den Sommerferien eine Lehre. Die Tendenz scheint klar: Es ist für Lehrbetriebe schwierig, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen.

Markus Beeli, Vorstandsmitglied des Gossauer Gewerbevereins, bestätigt diese Einschätzung.

«Es ist schwieriger geworden, Lehrstellen zu vergeben.»

Er spricht von einem akuten Mangel an guten Leuten – ein Trend, der seit drei bis vier Jahren bestehe. Der Mangel führe beispielsweise dazu, dass Geflüchtete mittels Praktika oder Anlehre an eine Lehre herangeführt werden. «Anfangs waren dies Notlösungen, die sich inzwischen bewährt haben. Viele Flüchtlinge sind dankbar und zeigen grossen Einsatz», sagt Beeli.

Sinkende Schülerzahlen bei gleich vielen Lehrstellen

Was sind die Gründe für die sinkende Nachfrage? Beeli nennt die rückläufigen Schülerzahlen als Ursache. Sabine Reinecke, Leiterin der Zentralstelle für Berufsberatung vom Amt für Berufsbildung, teilt Beelis Einschätzung:

«Es sind hauptsächlich demografische Gründe, die die Nachfrage nach Lehrstellen sinken lassen.»

Zurzeit stiegen die Zahlen zwar wieder an, sagt Reinecke, jedoch auf tieferer Schulstufe. «Der Anstieg ist noch nicht auf der Sekundarstufe 1 angekommen.» Als weiteren Faktor sieht sie die Schwierigkeit, für eine Stelle einen geeigneten Kandidaten zu finden, der die geforderten Fähigkeiten mitbringe. Deshalb gebe es stets Schulabgänger, die trotz des Überangebots keine Lehrstelle fänden, sagt Reinecke.

Markus Beeli vermutet einen weiteren Grund: «Die zunehmende Akademisierung.» Eine These, die Reinecke so nicht bestätigen kann. Sie verweist auf den prozentualen Anteil an Maturanden, der in den letzten Jahren gleich geblieben sei. Dennoch stellt Reinecke einen Zusammenhang zwischen dem Anteil an Gymnasiasten und der klassischen Berufsbildung her. Weil die Schülerzahlen auf niedrigem Niveau seien, verschärfe sich das Problem. «Der Kampf um geeignete Lehrlinge nimmt zu.»

Das Überangebot zeigt sich insbesondere in Branchen, die unpopulär sind. In der Tendenz hätten es Berufe mit unregelmässigen Arbeitszeiten oder harter körperlicher Arbeit schwieriger, Lehrlinge zu finden, sagt Reinecke – um gleich wieder einzuschränken: «Es gibt natürlich immer Ausnahmen.» Beeli bestätigt:

«Viele wollen sich die Hände nicht mehr dreckig machen.»

Es ist einfacher geworden, eine Lehrstelle zu finden

Was die Arbeitgeber ärgert, freut indes Stadtrat Urs Blaser, der als Schulpräsident dem Departement Bildung vorsteht. «Für viele Schüler ist es einfacher geworden, eine Lehrstelle in ihrem Wunschberuf zu finden.» Erfreut zeigt er sich auch, dass nur wenige der Schulabgänger ohne Anschlusslösung dastehen.

«Vier der 125 Schulabgänger sind zurzeit noch auf der Suche. Vor einem Jahr waren es um diese Zeit noch zehn.»

121 Schulabgänger haben somit mit Lehre, einer weiterführenden Mittelschule, einem Brückenangebot oder einer individuellen Lösung einen Anschluss gefunden.

VW Polo und Goldvreneli

Der Gewerbeverein Gossau möchte mit der Einführung eines Bildungspreises die Lehre attraktiver machen – «eine Massnahme gegen die sinkende Nachfrage an Lehrstellen», wie Markus Beeli, Vorstandsmitglied des Gossauer Gewerbevereins sagt. Erstmals wird er Ende August vergeben. Der Gewinner erhält einen VW Polo zur privaten Benützung für ein Jahr. Die folgenden zehn Plätze erhalten ein 20er-Goldvreneli und eine Urkunde. Teilnahmeberechtigt sind Lehrabgänger mit einem Notendurchschnitt von 5 oder höher, Führerschein und die ihre Lehre in einem Betrieb gemacht haben, der Mitglied im Gossauer Gewerbeverein ist. (dar)