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Serie

Leben in der Agglo (VI): Ohne Kinder verkümmert das Dorf

Mörschwil hat ein Dorfleben, Horn droht einzuschlafen. Zwei Agglomerationsgemeinden im Vergleich.
Daniel Wirth
Die Pfarrkirche in Mörschwil steht mitten im Dorfzentrum. (Bilder: Ralph Ribi)

Die Pfarrkirche in Mörschwil steht mitten im Dorfzentrum. (Bilder: Ralph Ribi)

Leben in der «Agglo»

Beim Wort Agglomeration denken wir an Betonwüsten und Stau, aber nicht an unsere Wohngemeinden. Doch ob Landgemeinde wie Muolen oder Kleinstadt wie Gossau: Sie alle liegen im Sog der Stadt St. Gallen und bilden damit eine gemeinsame Agglomeration. In dieser Serie widmet sich die Redaktion Gossau/St. Gallen und Umgebung der «Agglo»: ihrem Verkehr, dem Wandel vom Bauerndorf zur Shoppingmeile und den politischen Grenzen, die sich in ihr immer mehr verwischen.

Zwischen der Thurgauer Exklave Horn am Bodensee und der St.Galler Gemeinde Mörschwil liegen nur wenige Kilometer. Mörschwil und Horn sind finanzstark und gehören in ihrem Kanton zu den Kommunen mit dem tiefsten Steuerfuss. Beide Gemeinden sind nach St.Gallen orientiert und haben mehr Weg- als Zupendler, und beiderorts ist Wohnraum stark nachgefragt und die Infrastruktur à jour.

Der grosse Unterschied: Mörschwil hat ein aktives Dorfleben, Horn ist am Einschlafen. Womit hat das zu tun, weshalb identifizieren sich die Mörschwiler stärker mit ihrem Dorf als die Horner? Es gibt verschiedene Gründe. Einer dieser Gründe sind die Vereine.

Horn hat nicht einmal mehr ein Grümpelturnier

Wer in Mörschwil musiziert, kann das in der Bürgermusik oder in der Guggenmusik Adlerbrueter tun. Horn hat keine eigene Dorfmusik. Diejenige von Tübach nennt sich seit einigen Jahren zwar Musikgesellschaft Tübach-Horn – ihr Hauptquartier und ihr Stammpublikum hat sie indessen in Tübach. Beide Dörfer haben einen Turnverein. Derjenige in Mörschwil hat eine aktive Jugendabteilung, der TV Horn hat das nicht mehr.

Peter Schallberger, Soziologe und Professor an der FHS St.Gallen. (Bild: PD)

Peter Schallberger, Soziologe und Professor an der FHS St.Gallen. (Bild: PD)

Dorfvereine, in denen Kinder und Jugendliche ihrer Freizeitbeschäftigung nachkommen können, stiften auf natürliche Weise Identität. Dörfer mit solchen Vereinen laufen weniger Gefahr, zu einer Schlafgemeinde zu verkommen. «Kinder sind der Motor der Zusammengehörigkeit», sagt Peter Schallberger, Soziologe und Professor an der Fachhochschule St.Gallen (FHS). In Dörfern mit bäuerlicher Tradition sei das Vereinsleben ausgeprägter als andernorts, sagt er.

Mörschwil hat zwar mehr Einwohnerinnen und Einwohner als Horn. Dennoch entsteht der Eindruck: In Mörschwil kennt man sich – in Horn leben die Einwohner je länger, je stärker aneinander vorbei. Wer in Mörschwil im Volg, bei Metzger Bruno Ehrbar oder in der Bäckerei Füger einkauft, kommt nicht umhin, mit einem anderen Kunden ein paar Worte zu wechseln. Das bis Mitte letzten Jahres auch in der Molkerei Manser so. In Horn gibt es seit vielen Jahren weder eine Metzgerei noch eine Molkerei. Die Bäckerei Kölbener am See ist noch der einzige Laden, der nicht zu einem Grossverteiler gehört. Ein funktionierender Detailhandel ist ein ebenso wichtiger Grund wie die Vereine, weshalb man sich in einem Dorf bewegt oder nur schläft.

Die katholische Kirche in Horn wurde 1910 eingeweiht. Das Gotteshaus steht mitten im Dorf.

Die katholische Kirche in Horn wurde 1910 eingeweiht. Das Gotteshaus steht mitten im Dorf.

Zum Thema Zusammengehörigkeit: Wenn in Mörschwil ein Fest steigt, sind Jung und Alt mit von der Partie. Wenn die Fasnachtsgesellschaft Adlerbruet in den Adler-Saal lädt, wird dieser zwei Abende hintereinander bis auf den letzten Platz gefüllt. Das ist in Horn nicht so. Den legendären «Hornochsenball», den der Männerchor Horn bis in die 1990er-Jahre organisierte, gibt es nicht mehr. Der Männerchor fusionierte wegen Nachwuchsproblemen mit dem Männerchor Tübach. Es ist jungen engagierten Horner Müttern zu verdanken, dass es in der Thurgauer Exklave heute immerhin noch den «Hornöchsliball» für Kinder gibt. Soziologe Peter Schallberger:

«Zusammengehörigkeit in einem Dorf baut auf den Kindern.»

Ohne sie verkümmere das Dorfleben. In Mörschwil gibt es jedes Jahr ein Grümpelturnier. In Horn gibt es keines mehr. Der Sportclub Lipton-Sais verzichtete vor wenigen Jahren nach Jahrzehnten auf die Organisation; es gab immer weniger Mannschaften, die mitmachten. Und wieder verschwand ein Anlass, der das Dorf Horn ein Wochenende lang verband. Das Seefest, das jeweils im September auf dem einzigartigen Festplatz zwischen Hafen und Seebad Horn stattfindet, ist neben der Gemeindeversammlung bald der einzige Anlass, der das Dorf zusammenbringt – und längst nicht mehr das ganze. An die letzte Gemeindeversammlung kamen gut sechs Prozent der Horner Stimmberechtigten. Immerhin: Die Bundesfeier am See lockte dieses Jahr Hunderte von Gästen an, beim Schweizerpsalm mitzusingen.

Mörschwil schaut dem eigenen Nachwuchs besser

Beide Gemeinden sind in den vergangenen Jahren gewachsen. Horn sehr stark. Im Westen der Gemeinde sind in den vergangenen Jahren nach Plänen des in Horn aufgewachsenen Architekten Mario Branzanti 188 Wohnungen in mehreren Mehrfamilienhäusern entstanden. Sie lassen sich gut verkaufen oder vermieten. Die Lage ist gut, die Bauweise und Umgebungsgestaltung kommen offensichtlich an. Die Zuzüger werden vom Gemeinderat und den Vereinen begrüsst und mit Informationen bedient.

Das Interesse der Neo-Horner am Dorfleben ist aber gering. Diejenigen, die in der Feuerwehr, einer politischen Partei oder in einem Verein aktiv werden, sind an einer Hand abzuzählen. Sie kommen nach Horn, um zu wohnen. Arbeiten tun sie auswärts, die meisten von ihnen in der Stadt St.Gallen. Solche Zuzüger gibt’s auch in Mörschwil; der tiefe Steuerfuss lockt in beiden Gemeinden Einwohner an, denen das eigene Portemonnaie das Wichtigste ist. Mörschwil schaut aber seinem Nachwuchs – das stiftet Identität und lässt das Dorf nicht einschlafen.

Im Rahmen der Serie bereits erschienen:

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