Serie
Leben in der Agglo (III): Abtwil - Das Dorf hinter dem Säntispark

Bis Anfang der 1960er-Jahre interessierten sich nur die Abtwiler für Abtwil. Heute kennt man es als Einkaufs- und Vergnügungsmeile.

Perrine Woodtli
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Abtwil hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. (Bilder: Benjamin Manser (19. Juli 2019))

Abtwil hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. (Bilder: Benjamin Manser (19. Juli 2019))

Leben in der «Agglo»

Beim Wort Agglomeration denken wir an Betonwüsten und Stau, aber nicht an unsere Wohngemeinden. Doch ob Landgemeinde wie Muolen oder Kleinstadt wie Gossau: Sie alle liegen im Sog der Stadt St.Gallen und bilden damit eine gemeinsame Agglomeration. In dieser Serie widmet sich die Redaktion Gossau/St.Gallen und Umgebung der «Agglo»: ihrem Verkehr, dem Wandel vom Bauerndorf zur Shoppingmeile und den politischen Grenzen, die sich in ihr immer mehr verwischen.

Auf dem Trottoir stösst eine junge Frau den Kinderwagen vor sich her. Autos fahren die Hauptstrasse entlang durch das lang gestreckte Strassendorf. Es ist ein ruhiger Vormittag. Eine Frau fährt mit ihrem E-Bike den Sonnenberg hinauf. Hier, auf der Sonnenterrasse Abtwils, reihen sich alte, überwachsene Einfamilienhäuser an moderne Villen. Bis 1960 gab es ausserhalb des Dorfs nichts als Bauernhöfe und Wiesen. Abtwil war eingebettet zwischen Obstbäumen. Jeder kannte jeden. Dann begann das Dorf, das zur Gemeinde Gaiserwald gehört, rasant zu wachsen. Abtwil, arm und verschlafen, veränderte sich.

Paul Granwehr erinnert sich noch gut. Mit vier Jahren kam er 1940 von Winkeln nach Abtwil. Sein Vater August hatte den Bauernhof neben der alten Mühle und eine grosse Fläche des Sonnenbergs gekauft. «Abtwil war ein Bauerndorf. Es gab kaum Industrie», sagt Granwehr, der selber bis 70 «buurte». Während seiner Schulzeit seien gerade einmal zwei Häuser gebaut worden. Dann, in den 1950er-Jahren, erstellte die Gemeinde Strassen und Kanalisationen und verkaufte ein paar Parzellen am oberen Sonnenberg auf gemeindeeigenem Land. Granwehr:

«Erste bemerkten, dass es Abtwil überhaupt gibt und wie schön es hier ist.»

Der 83-Jährige baute 1964 sein Haus an der Sonnenbergstrasse auf Granwehr-Boden – eines der ersten.

Danach ging es Knall auf Fall. Alle (vor allem Städter) wollten raus aufs Land, die Gemeinde zonte grossflächig ein und baute im grossen Stil. «Eine Planung gab es nicht. Es war alles überstürzt», sagt Granwehr. Die fünf Bauern, denen der Sonnenberg gehörte, witterten ihre Chance, verkauften nach und nach Land und brachten es zu Wohlstand. Seine Familie habe «immer chli öppis» abgegeben, sagt Granwehr.

Die Gemeinde hingegen kaufte Liegenschaften, erschloss diese und verkaufte die Parzellen alle auf einmal. «Deshalb gab es diese Schübe.» Der Boden war spottbillig. «Der Quadratmeter kostete anfänglich weit unter 40 Franken», sagt Granwehr. Er und seine Frau Yvonne sitzen im Garten, von wo man eine Aussicht bis zum Säntis geniesst. «Weil es so billig war, kauften die Leute riesige Parzellen.» Heute werden jene Häuser teilweise abgerissen und die Parzelle mit zwei neuen bebaut.

Abtwil damals und heute

Eine Luftaufnahme von 1945 zeigt, wie das Dorf bis 1960 ausgesehen hat. (Bild: Sammlung Walter Beeler)

«Von oben schauen sie auf die Armen runter»

Ein Haus am Sonnenberg konnten sich damals nicht nur reiche Leute leisten. «Es waren Mittel- und Gutverdiener. Vor allem grosse Familien zogen hierher», sagt Granwehr. «Die Gemeinde war natürlich froh um die guten Steuerzahler.» Heute thronen am Sonnenberg eindrückliche Bauten. Wer hier lebt, ist privilegiert. «Es hat aber nicht nur Villen», sagt Yvonne Granwehr. Früher gab es in Abtwil den Spruch «Von oben schauen sie auf die Armen runter».

Im Dorf ging der Bauboom weiter. Ganze Quartiere wurden aus dem Boden gestampft, Abtwil wuchs in alle Richtungen. Die Bevölkerungszahl stagnierte nicht mehr, sondern explodierte. Zählte Abtwil 1964 noch 1600 Einwohner, waren es fünf Jahre später 2300. 1984 waren es 3280, fünf Jahre später lebten 1000 Menschen mehr dort. Heute zählt Abtwil 5200 Bürger, in Gaiserwald sind es total 8270 (1963 waren es 2700). «Auf einmal kannte man nicht mehr jeden», sagt Granwehr.

Ein Teil des Abtwiler Sonnenbergs.

Ein Teil des Abtwiler Sonnenbergs.

Wer mehr über Abtwil erfahren will, muss ins Beeler-Haus. Das grosse Bauernhaus mit der Schindelfassade an der Hauptstrasse fällt auf. Es ist eines der ältesten Häuser Abtwils. 1723 erbaut befindet es sich seit 1902 im Besitz der Beelers. Walter Beeler-Fischer, 1996 verstorben, hatte als Dorfchronist die Abtwiler Geschichte bis ins elfte Jahrhundert dokumentiert. Beeler war Schreiner – «wäre aber lieber Historiker und Journalist gewesen», sagt sein Sohn Walter Beeler-Enderle.

Das knapp 300 Jahre alte Beeler-Haus.

Das knapp 300 Jahre alte Beeler-Haus.

Auch er erlebte, wie Abtwil sich veränderte. Der «definitive Umbruch» sei 1986 gekommen. Als Abtwil landesweit bekannt wurde dank dem Säntispark. Das Projekt sorgte für Aufsehen. Manche sprachen von Grössenwahnsinn, andere waren stolz. Am 1. November 1986 eröffnete der Säntispark. «Von da an hiess es nur noch: «Abtwil? Das ist doch das Dorf hinter dem Säntispark!»

Der Säntispark brachte 250 neue Arbeitsplätze. Er hatte laut Beeler aber auch negative Auswirkungen. «Die Dorfgeschäfte schlossen. Von den meisten war die Zeit aber ohnehin abgelaufen.» Heute ist der Säntispark nicht mehr wegzudenken. Er ist ein beliebtes Einkaufs- und Ausflugsziel – auch für Abtwiler. «Der Säntispark, speziell auch wegen des Hotels, veränderte Abtwil und seine Aussenwahrnehmung. Er verhinderte, dass das Dorf zu einer Schlafgemeinde wurde.»

Der Säntispark veränderte das Dorf

Hier war der Säntispark, der 1986 eröffnet wurde, noch einer Baustelle. Insgesamt investierte die Migros gut 100 Millionen Franken in das Projekt. (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)

Wachstum bringt Unabhängigkeit

Abtwil hat sich vom Bauernkaff zur Vorstadtgemeinde und dank des Säntisparks zum Einkaufstempel verwandelt. Von 24 Bauern in den 1950er-Jahren sind vier übrig geblieben. Gemäss Definition gehört Abtwil zum Agglomerationskern der Stadt St.Gallen. Vor 60 Jahren wollte Gaiserwald noch zur grossen Stadt gehören. Diese war aber nicht interessiert. «Da waren wir ihnen noch zu arm», sagt Paul Granwehr und lacht.

Hört man sich heute bei Abtwilern um, wollen diese nichts davon wissen, dass sie bloss ein «St.Galler Aussenquartier» seien. «Ich sehe Abtwil nicht als ‹Agglo›», sagt Beeler. Klar sei man nahe an der Stadt und auf diese ausgerichtet. «Wir haben eine gute Beziehung zu St.Gallen.» Auch die Busverbindungen seien optimal. «Abtwil ist aber eigenständig. Früher hatte man alles im Dorf, um sich zu versorgen. Heute geht man in den Säntispark.» Durch das Bevölkerungswachstum sei man unabhängiger geworden. Bis 1989 besuchten die Kinder die städtische Oberstufe. Dies änderte sich, als damals das OZ Mühlizelg eröffnet wurde.

Dorfgefühl jein, Dorfkern nein

Auch heute wächst Abtwil noch. In den letzten Jahren entstanden etwa die Überbauungen Sonnenberg, Eggli und im Farnen. Existiert durch dieses Wachstum überhaupt noch ein Dorfgefühl? Von Entfremdung will Beeler nichts wissen. Man kenne sich nach wie vor im Dorf. «Von den Aussenquartieren bekommt man weniger mit.» Aber im Kern, da kenne man sich. Granwehrs sehen das ähnlich. Das Dorfgefühl sei noch mehr oder weniger vorhanden, das Vereinsleben sei gut. Klar gebe es Leute, die nichts mit dem Dorf zu tun hätten, sagt Yvonne Granwehr. «Die, die aber Anschluss finden wollen, finden ihn.» Sie überlegt kurz. Ein bisschen aber sei Abtwil schon ein Schlafdorf.

Die «Eintracht» (Bild: Sammlung Walter Beeler)

Die «Eintracht» (Bild: Sammlung Walter Beeler)

Etwas, darüber ist man sich in Abtwil einig, fehlt: ein Dorfkern. Früher befand sich dieser dort, wo sich die Haupt- und die Sonnenbergstrasse kreuzen und die Käserei und die «Eintracht» standen. Die alte Käserei wurde 1963 abgerissen und neugebaut. Die neue wich 2016 einer Wohn- und Gewerbeüberbauung. Die «Eintracht» war ein Schindelhaus aus dem 17. Jahrhundert, das in den 1960er-Jahren abgerissen wurde.

Im «Tagblatt» stand: «Niemand bedauert diesen Abbruch, denn das Haus war ein Verkehrshindernis mitten im Dorfkern (...) Wenn einmal auf diesem Platz ein schöner Dorfbrunnen den Mittelpunkt von Abtwil ziert, sind diese Scharten ausgewetzt». Der Brunnen kam nie.

Ein Zentrum, das kein richtiges ist. Rechts der Zentrumspark, der 1989 gebaut wurde.

Ein Zentrum, das kein richtiges ist. Rechts der Zentrumspark, der 1989 gebaut wurde.

Walter Beeler sitzt im Café Gschwend, eine ehemalige Stickerei, ein paar Meter weiter vom falschen Dorfkern. «Hier trifft man sich noch am ehesten.» Er sitzt an einem runden Holztisch. Gegenüber blättert ein Arbeiter durch die Zeitung. Zwei Frauen betreten das Café. Die Bedienung begrüsst sie mit Namen. Im Kern kennt man sich noch.

Im Rahmen der Serie bereits erschienen: