Serie

Leben in der Agglo (II): «Agglomeration ist ein anonymer Begriff» – Wie Gemeinden im Speckgürtel Hand in Hand zusammenarbeiten

St.Galler Gemeinden wachsen mehr und mehr ineinander. Doch statt Gärtchendenken spannen sie zusammen. Ein Blick in die Gemeindeverwaltung bringt Erstaunliches zum Vorschein.

Sandro Büchler
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Blick von Wittenbach Richtung St.Gallen und Säntis: Hier an der Gemeindegrenze wächst die Stadt mit ihrer Nachbargemeinde nahtlos zusammen. (Bild: Ralph Ribi)

Blick von Wittenbach Richtung St.Gallen und Säntis: Hier an der Gemeindegrenze wächst die Stadt mit ihrer Nachbargemeinde nahtlos zusammen. (Bild: Ralph Ribi)

Unsere Serie «Leben in der Agglo»

Beim Wort Agglomeration denken wir an Betonwüsten und Stau, aber nicht an unsere Wohngemeinden. Doch ob Landgemeinde wie Muolen oder Kleinstadt wie Gossau: Sie alle liegen im Sog der Stadt St.Gallen und bilden damit eine gemeinsame Agglomeration. In dieser Serie widmet sich die Redaktion Gossau/St.Gallen und Umgebung der «Agglo»: ihrem Verkehr, dem Wandel vom Bauerndorf zur Shoppingmeile und den politischen Grenzen, die sich in ihr immer mehr verwischen.

«Eine Fusion mit St.Gallen steht heute nicht zur Diskussion», sagt Andreas Kappler, der Gemeinderatsschreiber von Gaiserwald. Noch vor 60 Jahren war die Antwort aus Abtwil und Engelburg genau umgekehrt. 1958 schlug Gaiserwald dem St.Galler Gemeinderat eine «Verschmelzung» vor. Doch das Ansinnen stiess in der Stadt auf taube Ohren. Ein vom Stadtrat in Auftrag gegebenes Gutachten riet von einer Fusion ab. Der «Ergänzungssiedlungsraum» – so wurde der heiratswillige Nachbar bezeichnet – bleibe auch ohne Zusammenschluss erhalten. Der St.Galler Stadtrat bescheinigte Gaiserwald, man wolle lieber die Zusammenarbeit pflegen.

Andreas Kappler, Gemeinderatsschreiber von Gaiserwald (Bild: PD)

Andreas Kappler, Gemeinderatsschreiber von Gaiserwald (Bild: PD)

Die Maxime von damals hat noch heute Bestand. Mehr denn je, sagt Kappler. «Gaiserwald arbeitet in zahlreichen Bereichen mit anderen Gemeinden zusammen.» Er nennt Beispiele. Das Abwasser der Dörfer Abtwil, Engelburg und St. Josefen wird in der Reinigungsanlage der Stadt St.Gallen aufbereitet. Den Abfall sammelt Gaiserwald gemeinsam mit rund 40 Gemeinden der A-Region und das Zivilstandsamt steht in Gossau. «Die sichtbaren Grenzen zwischen den Gemeinden verschwinden», sagt Kappler. Im Alltag nehme man die Zusammenarbeit meist gar nicht mehr wahr, so selbstverständlich sei sie geworden. «Man denke nur an den ‹grenzüberschreitenden› öffentlichen Verkehr.» So fahren die VBSG-Busse bis Abtwil.

Im falschen Gemeindehaus angemeldet

Auch die Stadt Rorschach und die Gemeinden Goldach und Rorschacherberg sind «völlig zusammengewachsen», sagt der Stadtpräsident von Rorschach, Thomas Müller. Die drei Gemeinden würden einen «funktionalen Stadtraum» bilden. «Teils verzichten wir gar schon auf die Ortstafeln.» Die verschwimmenden Grenzen führen zu kuriosen Blüten. Müller sagt:

«Oft schon sind Auswärtige, die sich in der Gemeinde anmelden wollten, ins falsche Gemeindehaus getappt.»
Thomas Müller, Stadtpräsident von Rorschach (Bild: PD)

Thomas Müller, Stadtpräsident von Rorschach (Bild: PD)

Der Austausch innerhalb der drei Kommunen am See ist intensiv. Jeden Monat treffen sich die Gemeindepräsidenten von Rorschach, Goldach und Rorschacherberg. «Eine Entscheidung von uns hat immer direkte Auswirkungen für die anderen.» Wäre deshalb eine Fusion folgerichtig? Müller ist überzeugt, dass diese kommen wird. Doch die Fusionspläne scheiterten zuletzt vor fünf Jahren an der Urne. Die Stimmbevölkerung von Rorschacherberg und Goldach war dagegen. «Beim Steuerfuss bestanden damals grosse Differenzen», so Müller. Er glaubt zudem, dass die «internationale Bevölkerungszusammensetzung» von Rorschach Skepsis geweckt habe.

Die gesetzlichen Anforderungen werden komplexer

Auch Andwil lehnte vor drei Jahren eine Fusion mit der politischen Gemeinde Gossau ab. Der Andwiler Gemeinderatsschreiber Peter Thuma sagt, der Steuerfuss habe bei der Abstimmung vermutlich eine untergeordnete Rolle gespielt. Das Nein zur Fusion habe vielmehr den Wunsch der Andwiler nach Eigenständigkeit zum Ausdruck gebracht. «Für Neuzuzüger ist nicht nur der Steuerfuss massgebend, sondern auch die Zahl der Vereine, die ländliche Umgebung sowie die verkehrstechnisch vorteilhafte Lage von Andwil.»

Peter Thuma, Gemeinderatsschreiber Andwil (Bild: PD)

Peter Thuma, Gemeinderatsschreiber Andwil (Bild: PD)

Die Autonomie hat aber ihren Preis. Andwil ist klein – knapp 2000 Einwohner zählt die Gemeinde. Das fordert die kleine Verwaltung heraus. So werden verschiedene Ämter, wie das Einwohner- und das Sozialamt, von der gleichen Person geleitet. «Man muss mehrere Fachkompetenzen mitbringen», sagt Thuma. Die gesetzlichen Anforderungen an die Behörden nehmen zudem laufend zu.

«Die Gemeindeverwaltung spürt, dass es komplexer wird.»

Bei Verfahrensfragen erhalte man jedoch von den umliegenden Gemeinden fachliche Unterstützung.

Vereinheitlichen beginnt beim Kleinen

Oliver Gröble, Gemeindepräsident von Wittenbach (Bild: Michel Canonica)

Oliver Gröble, Gemeindepräsident von Wittenbach
(Bild: Michel Canonica)

Auf die Verflechtungen von Wittenbach angesprochen, greift Gemeindepräsident Oliver Gröble zu einer Grafik. Sie zeigt ein Netzwerk aus Kreisen und Verbindungen. «Nicht nur die Feuerwehr arbeitet im Verbund mit den Nachbargemeinden, auch die Musikschule.»

Muolen hat vor zwei Jahren das Grundbuchamt an Wittenbach übergeben. Aktuell werde der Zivilschutz mit der Stadt St.Gallen und 16 Gemeinden regionalisiert, sagt Gröble. Auch die Oberstufe betreibt man gemeinsam mit Muolen und Berg. Wittenbach gehöre zwar zur Agglomeration von St.Gallen, sagt der Gemeindepräsident.

«Agglomeration ist aber ein anonymer Begriff.»

Eine eigene Identität scheine der Gemeinde wichtig zu sein, sagt Gröble. «In einer Befragung lehnten 71 Prozent der Wittenbacher eine Fusion mit St.Gallen ab.» Bei dem Thema sei der Dialog mit den Bürgern extrem wichtig. Eine Zusammenarbeit kann aber auch im Kleinen geschehen: So will die politische Gemeinde Wittenbach die Schulsozialarbeit noch mehr mit der Schulgemeinde abstimmen und zu einem System vereinheitlichen.

Im Rahmen der Serie bereits erschienen: