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Serie

Leben in der Agglo (I): Autofahrer müssen Opfer bringen

Niemand nennt seine Heimat so, doch wir alle leben in der Agglomeration. Doch was ist das überhaupt? Kantonsplaner Ralph Etter weiss es.
Interview: Johannes Wey
Kantonsplaner Ralph Etter ist seit Februar im Amt. Bild: Ralph Ribi

Kantonsplaner Ralph Etter ist seit Februar im Amt. Bild: Ralph Ribi

Unsere Serie «Leben in der Agglo»

Beim Wort Agglomeration denken wir an Betonwüsten und Stau, aber nicht an unsere Wohngemeinden. Doch ob Landgemeinde wie Muolen oder Kleinstadt wie Gossau: Sie alle liegen im Sog der Stadt St.Gallen und bilden damit eine gemeinsame Agglomeration. In dieser Serie widmet sich die Redaktion Gossau/St.Gallen und Umgebung der «Agglo»: ihrem Verkehr, dem Wandel vom Bauerndorf zur Shoppingmeile und den politischen Grenzen, die sich in ihr immer mehr verwischen.

Im Volksmund bezeichnet die Agglomeration das Häusermeer entlang der Autobahn oder der Bahnlinie. Für Ralph Etter bedeutet der Begriff etwas anderes. Etter ist seit Februar Leiter des Amts für Raumentwicklung und Geoinformation. Er empfängt im vielgeschossigen Betonblock des Baudepartements zum Gespräch.

Niemand will in der «Agglo» wohnen. Was ist die Agglomeration?

Die Agglomeration ist eine Ansammlung von Agglomerationsgemeinden, was wiederum ein definierter Begriff des Bundesamts für Statistik ist. Es sind Gemeinden mit hohen Dichten an Einwohnern oder Arbeitsplätzen und vielen Zu- und Wegpendlern.

Das negative Bild der «Agglo» stimmt nicht mehr. Es hat seinen Ursprung in den 1950er- und 1960er-Jahren. Damals sind viele Gemeinden schnell gewachsen und achteten dabei zu wenig auf städtebauliche Qualität. Dabei entstand viel Verkehr, der wiederum zu Lärm führte. Dieses Bild der Agglomeration haben die Leute bis heute vor Augen.

Agglomeration muss also nicht «Agglo-Brei» bedeuten?

Heute versuchen wir mit Agglomerationsprogrammen den Verkehr auf die Siedlung abzustimmen, damit wenig Zusatzverkehr entsteht und dies wo immer möglich als öffentlicher oder Langsamverkehr. Es sollen lebenswerte Siedlungsräume gestaltet werden.

Dann ist der Pendlerverkehr das grosse Übel der Agglomeration?

Der Verkehr per se ist eigentlich nichts Schlechtes. Er bringt Personen und Güter vom einen an den anderen Ort. Doch wenn er ein zu grosses Ausmass annimmt, hat er negative Auswirkungen: verstopfte Strassen, verspätete Busse, Lärm, zerschnittene Landschaften. Auch diese Zersiedelung während der letzten Jahrzehnte ist ein Übel.

Von wo bis wo erstreckt sich für Sie als Kantonsplaner die Agglomeration St.Gallen?

Der Perimeter reicht von Romanshorn bis Teufen und von Flawil bis Thal. Eine Agglomeration ist ein funktionaler Raum, der dynamisch ist und sich mit der Zeit auch verändern kann.

Sie haben die Agglomerationsprogramme angesprochen, die Massnahmen für den Verkehr enthalten. Müsste man sie nicht Verkehrsförderprogramme nennen?

In erster Linie versuchen wir mit diesen Programmen, den Verkehr zu vermeiden. Zusätzlicher Verkehr entsteht nicht durch Agglomerationsprogramme, sondern durch mehr Leute, die im Raum wohnen, arbeiten oder auch die Freizeit geniessen.

Ein Ansatz, damit umzugehen, ist die Wege kurz zu halten. Damit vermeidet man Verkehr. Der zweite Ansatz ist, den motorisierten Individualverkehr auf andere Verkehrsformen zu verlagern. Und der dritte ist, den Verkehrsraum benutzerfreundlich zu gestalten. Das heisst, dass der Strassenraum eine Qualität hat und dass sich Fussgänger und Velofahrer sicher fühlen. Dazu gibt es verschiedene Massnahmen.

Das «benutzerfreundlich» schliesst die Autofahrer wohl nicht mit ein.

Letztlich geht es um das Ausbalancieren der Ansprüche aller Verkehrsteilnehmer.

In der Vergangenheit war die Strassenraumgestaltung stark auf den Autofahrer ausgerichtet, der damit alle Vorteile hatte. Dieses Missverhältnis wird nun korrigiert.

Verkehr liesse sich auch vermeiden, wenn Arbeits- und Wohnort näher beieinander liegen würden.

Das Angebot an Arbeitsplätzen liegt nicht in staatlichen Händen. Wir auf Kantonsseite können lediglich versuchen, bei neuen Arbeitsplatzgebieten die Voraussetzungen zu schaffen, dass man mit dem Velo oder dem ÖV gut dorthin gelangen kann.

Eine weitere Möglichkeit ist, dort, wo sich ein Quartier wandelt – wenn beispielsweise eine Industriebrache umgenutzt wird – auf einen Nutzungsmix zu achten, damit Arbeiten und Wohnen am gleichen Ort möglich sind.

St. Gallen wird auch gerne als Agglomeration von Zürich bezeichnet. Trifft das zu?

Wie gesagt, ob Agglomeration oder nicht ist eine statistische Frage. St. Gallen ist die Kerngemeinde einer Agglomeration. Aber es liegt auch im Einflussbereich von Zürich. Mit Blick auf die Bewegungen von Pendlern und Gütern ist das ganz klar zu bejahen. Das zeigt sich auch im Raumkonzept Schweiz, in dem Zürich die Kraft einer Metropole auf europäischer Ebene hat.

Bezogen auf die Agglomerationen in St. Gallen ist der Einfluss Zürichs aber in der Region Obersee am besten spürbar.

Gemäss Definition bilden Abtwil und Wittenbach zusammen mit der Stadt St. Gallen den Agglomerationskern. Wie viel Sinn machen da politische Grenzen?

Für eine wirkungsvolle Abstimmung von Siedlung und Verkehr ist es wichtig, Gemeinde- oder Kantonsgrenzen in den Köpfen auszublenden. Man muss sich die Frage stellen, wo die Ursache eines Problems liegt und dort auch nach einer Lösung suchen.

Verdichten bedeutet nicht mehr Hochhäuser, sagt Ralph Etter. (Bild: Ralph Ribi)

Verdichten bedeutet nicht mehr Hochhäuser, sagt Ralph Etter. (Bild: Ralph Ribi)

Und diese Grenzen situativ auszublenden reicht aus?

Entscheidend ist die Zusammenarbeit. Durch Zusammenschlüsse wie die Regio Appenzell AR – St. Gallen – Bodensee haben wir eine funktionierende Trägerschaft. Nach wie vor entscheiden im Einzelfall die jeweiligen Behörden, aber die Abstimmung hat in der Vergangenheit gut funktioniert. Grenzen müssen kein Hindernis darstellen.

So einig ist man sich nicht immer. Ein Beispiel ist die geplante Pförtneranlage in der Liebegg. St. Gallen soll entlastet werden, in Teufen hat man Gegenwehr angekündigt.

Die Gemeinden haben eigene Interessen, die gelegentlich hoch gewichtet werden. Am Ende sollte man sich mit Blick auf das gesamte Agglomerationsprogramm auf Lösungen einigen, die alle mittragen. Gerade diese Pförtneranlage wird nach wie vor diskutiert. Am Ende wird man gemeinsam entscheiden müssen – und in Kauf nehmen, dass es Gewinner und Verlierer gibt.

Urbane Gemeinden wie Wittenbach und Gossau sollen den grossen Teil des Bevölkerungswachstums im Kanton schlucken. Doch auch in solchen Gemeinden fürchten sich die Bewohner vor verdichteter Bauweise. Wie kann man den Leuten die Ängste nehmen?

Man muss den Menschen ein Bild vermitteln, mit dem sie sich identifizieren. Das erreicht man, wenn man die Leute von Anfang an einbezieht.

Verdichtung heisst nicht, überall Hochhäuser zu bauen.

Wenn anstatt eines zweigeschossigen Einfamilienhauses ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus entsteht, kommen doppelt so viele Leute auf der gleichen Fläche unter. Das Einfamilienhäuschen am Siedlungsrand mit Arbeitsplatz in der nächsten Stadt hat zu den heutigen Verkehrsflüssen und zur Zersiedelung geführt. Davon will man abkehren.

Auf der anderen Seite fürchten kleine Gemeinden um ihre Entwicklung.

Starkes Wachstum im urbanen Raum bedeutet im Umkehrschluss weniger Wachstum in ländlichen Gemeinden. Die ländlichen Gemeinden müssen herausfinden, wie sie sich entsprechend dem kantonalen Raumkonzept positionieren können.

Die Raumplanung wird zentral gesteuert: Der Bund macht den Kantonen Vorgaben und diese geben sie an die Gemeinden weiter. Das klingt wie Planwirtschaft.

Die Raumplanung war schon immer hierarchisch organisiert. Die Rahmenbedingungen sind aber mit dem neuen Raumplanungsgesetz strenger geworden. Was die Schweiz von einer Planwirtschaft nach kommunistischem Vorbild unterscheidet, ist der demokratische Einbezug der Bevölkerung sowie die Beachtung des Subsidiaritätsprinzips. Die Gemeindeautonomie wird noch immer sehr hoch gehalten.

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