Ein Industrieareal im Wandel: Lärm, Gestank und Arbeit haben die Rorschacher Feldmühle geprägt

Über die Jahrhunderte war das Feldmühleareal südlich der Rorschacher SBB-Linie wiederholt Schauplatz unterschiedlicher Entwicklungen. Noch heute profitiert die Stadt von der Infrastruktur aus jener Zeit. Für die Zukunft steht eine Umnutzung bevor.

Richard Lehner
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Das Hauptgebäude der Feldmühle AG entstand zwischen 1905 und 1907 nach Plänen des Rorschacher Architekten Adolf Gaudy. (Bild: Archiv Richard Lehner)

Das Hauptgebäude der Feldmühle AG entstand zwischen 1905 und 1907 nach Plänen des Rorschacher Architekten Adolf Gaudy. (Bild: Archiv Richard Lehner)

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Feldmühle im 14. Jahrhundert. Wie der Rorschacher Historiker Louis Specker in seinem Buch «Rorschach im 19. Jahrhundert» schreibt, tritt die Feldmühle «in den Einkunft- und Besitzesrodeln der Ministeralen von Rorschach auf. Später erscheint das Feldmühlegut als verbrieftes Freilehen; der Feldmüller war wie alle anderen Angehörigen seines Berufes und ebenso wie die Bäcker an eine Berufsordnung gebunden und als solcher nicht Träger eines selbstständigen Gewerbes, sondern Lohnmüller».

Die Mühle und weitere Gebäude wurden 1845 abgerissen. An ihrer Stelle entstand die Fallersche Dampfbäckerei, welche Teigwaren herstellte. Später kam eine Sägerei dazu. Beide Betriebe bestanden bis 1874 als Aktiengesellschaft zur Feldmühle, bevor dann 1881 der Konkurs erfolgte. Für damals stolze 225000 Franken erwarb die St. Galler Firma Loeb & Schoenfeld die Feldmühle und die südlich davon liegende Wiese und eröffnete bereits ein Jahr später in den zwei Gebäuden ihre Fabrik mit über 50 Stickmaschinen und sechs Webstühlen. Waren es zu Anfang knapp hundert Arbeiterinnen und Arbeiter, stieg die Zahl der Beschäftigten bis in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg auf fast 3000 Angestellte.

Verwendete Quellen und weiterführende Literatur

Bärtschi, Hans-Peter, Industriekultur in der Ostschweiz, Rotpunktverlag, Zürich 2012; Elsener, Otmar, Rorschach – Geschichten aus der Hafenstadt, Appenzeller Verlag, Rorschach 2011; Lehner, Richard, Feldmühle – Geschichten von Arbeitern, einem Patron, von Mädchen und einer Stadt, Schwan-Verlag, Rorschach 2007 (vergriffen); Specker, Louis, Rorschach im 19. Jahrhundert, Löpfe-Benz AG, Rorschach 1999; Stender, Detlef, Industriekultur am Bodensee, Verlag Stadler, Konstanz 1992; Archiv Evangelisch-Reformierte Kirchgemeinde, Rorschach; Internet: www.feldmühle.ch (Steiner AG). (rle)

Diese auch für damalige Verhältnisse enorm hohe Mitarbeiterzahl hatte nicht nur Auswirkungen auf die Entwicklung des Feldmühleareals, sondern sorgte auch für nachhaltige Veränderungen in der Stadt Rorschach in allen Lebensbereichen. Noch heute profitiert die Stadt von der Infrastruktur, die dank der Feldmühle AG zwischen 1882 und 1910 entstand. Dazu gehören nicht nur Gastro-, Konsum- und Freizeitangebote, sondern auch Schulen, Strassen, Wohnquartiere und Elektrizität. Auf dem Höhepunkt des Stickereibooms zählte die Stadt Rorschach fast 14000 Einwohnerinnen und Einwohner, und auch die Maschinen- und Nahrungsmittelfabriken wie die Roco entwickelten sich im Umfeld der Feldmühle AG prächtig.

Erfolg bringt Bauten, Lärm und Gestank

Ein Blick auf die Baugeschichte der Feldmühle AG spiegelt die Entwicklung des Areals wider. Waren es zu Beginn der Firma Loeb & Schoenfeld zwei Produktionsstätten, entstanden über die Jahrzehnte zahlreiche neue Fabrik- und Bürogebäude zwischen Neuquartier und Eisenbahn. Von 1895 bis 1907 wurden acht neue Fabrikbauten erstellt, entworfen von damals namhaften Architekten wie Carl Herkommer und Adolf Gaudy. Besonders markant ist noch heute das von Adolf Gaudy konzipierte Hauptgebäude mit seiner mächtigen Nordfassade entlang der Feldmühlestrasse. Baumeister war Pietro Bagattini-Fischer, der damals in Rorschach und Umgebung für den Bau zahlreicher Häuser verantwortlich war.

Der Erfolg der Stickereifabrik Feldmühle AG und der späteren Nachfolgebetriebe wie die Cellux AG brachte nicht nur neue Gebäude und Arbeitsplätze für immer mehr Menschen, sondern brachte auch Lärm und Gestank in die Stadt. Von der Firma, die im Mehrschichtbetrieb fast rund um die Uhr und über 360 Tage im Jahr produzierte, ging ein stetiges Brummen aus und über die Kamine verbreitete sich ein Geruch in der Stadt, der nach faulen Eiern roch. «Es schmeckt nach Rorschach» war über viele Jahre eine weitverbreitete Redewendung für dieses berühmt-berüchtigte Aroma. Mehr als einmal mussten in der nahen evangelischen Kirche Gottesdienste unterbrochen werden, weil der Gestank der Fabrik nicht auszuhalten war.

Kirche baut Begrenzungsmauer

Die Leitung der Evangelischen Kirchgemeinde Rorschach war es denn auch, die der Fabrikdirektion um Patron Theodor Grauer in Briefen nicht nur auf die Geruchsbelästigung hinwies, sondern die Firma aufforderte, zwischen dem Gelände der Kirchgemeinde und dem Fabrikareal eine Grenzmauer zu errichten. Dies als Schutz für den alten Friedhof westlich der Kirche, aber auch als Vorsichtsmassnahme bei Unfällen auf dem Fabrikgelände. Ein solcher ereignete sich im September 1942, mit tödlichem Ausgang für mehrere Personen innerhalb und ausserhalb des Geländes. Im Brief vom 11. April 1944 teilt die Direktion der Feldmühle AG der Kirchenvorsteherschaft Folgendes mit: «Wir haben die Angelegenheit inzwischen bei uns geprüft und im Beisein von Herrn Pfarrer Roggwiler unsere Bereitwilligkeit erklärt, eine solche Mauer zu bauen. Die Kosten dieser Mauer würden wir auf uns nehmen.»

Bereits ein Jahr später war die Mauer gebaut und trennt bis heute die beiden Areale. Gut möglich, dass die Mauer mit den geplanten Um- und Neubauten auf dem Feldmühleareal wieder verschwindet und damit künftigen Bewohnern oder Besuchern des Geländes neue Wege eröffnet.

Auf dem ehemaligen Feldmühle-Areal soll ein neuer Stadtkern entstehen. (Bild: PD)
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Gassen sollen den Blick auf die Evangelische Kirche freigeben. (Bild: PD)
Die Planer öffneten die Fabrikhallen für die Bevölkerung und zeigten die Überbauungspläne. (Bild: Jolanda Riedener)
Architekt Arno Bruderer erzählt am Stadtapéro, wie die Planer vorgegangen sind. (Bild: Jolanda Riedener)
Stadtpräsident Thomas Müller(links) und Beat Käser von der Steiner AG präsentierten ihr Vorhaben am Donnerstagabend. (Bild: Jolanda Riedener)

Auf dem ehemaligen Feldmühle-Areal soll ein neuer Stadtkern entstehen. (Bild: PD)

Zurück in die Zukunft

An der Strassenkreuzung Pestalozzi-/Industriestrasse weist seit Jahrzehnten ein Wegweiserschild «Feldmühle» in Richtung Osten, hin zum Gelände der ehemaligen Stickereifabrik. Vieles deutet darauf hin, dass die Steiner AG als neue Eigentümerin an der ursprünglichen Bezeichnung für das 28000 Quadratmeter grosse Areal südlich des Stadtzentrums festhalten wird. Das Wegweiserschild kann also an seinem angestammten Standort belassen werden, um Besucherinnen und Besuchern auch in Zukunft den Weg zur Feldmühle zu weisen. Die Architekten wollen verschiedene Haustypen realisieren. Die Fabrikhalle an der Feldmühlestrasse soll dabei erhalten bleiben. Mit dem Bau von Wohnungen und Räumen für Gewerbebetriebe wird in den nächsten Jahren auf der Feldmühle ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Hinweis

Dieser Text ist dem kürzlich verstorbenen Steinacher Bauingenieur Paul Furrer (1948–2019) gewidmet, einem fundierten Kenner der Feldmühle AG und seiner Bauten.

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