Berufsverband Visarte kritisiert St.Galler Stadtrat wegen Beitragskürzungen scharf

In einem offenen Brief zeigt sich der Berufsverband visuelle Kunst empört über die Streichung der Beitragserhöhungen ans Palace und das Sitterwerk. Er fordert den Stadtrat auf, den Entscheid zu überdenken.

Luca Ghiselli
Drucken
Teilen
Das Sitterwerk mit seiner Kunstgiesserei zieht nicht nur an der Museumsnacht zum Mitternachtsguss viel Publikum an. (Bild: Michel Canonica)

Das Sitterwerk mit seiner Kunstgiesserei zieht nicht nur an der Museumsnacht zum Mitternachtsguss viel Publikum an. (Bild: Michel Canonica)

Diese Kröte wollen die Kulturschaffenden der Stadt nicht einfach so schlucken. Das macht der Berufsverband visuelle Kunst Ostschweiz (Visarte Ost) in seinem offenen Brief an Stadtrat und Stadtparlament sehr deutlich. Zwar handelt es sich beim Schreiben, das derzeit in den sozialen Medien kursiert, erst um einen Entwurf. Bis Donnerstagabend haben aber bereits rund 200 Personen das Schreiben unterzeichnet. Anlass für den offenen Brief ist die Streichung bereits beschlossener Beitragserhöhungen an das Palace und das Sitterwerk. Der Stadtrat hatte sie nach der Budgetsitzung kurz vor Weihnachten wieder gestrichen.

Visarte Ost bedauere es ausserordentlich, «dass für die Botschaft ‹sparen schmerzt eben› als erstes und einziges die Kultur hinhalten muss», heisst es in dem offenen Brief. Dabei stelle sich die Frage, wo der Stadtrat künftig seine Prioritäten setze. Generell liest der Vorstand des Berufsverbands den Entscheid des Stadtrats als «bitteres Zeichen für die gesamte St. Galler Kulturszene». Deshalb gelte es nun, sich solidarisch zu zeigen, hinzustehen und zu sagen: «Wir brauchen eine lebendige und vielseitige Kulturszene in der Stadt. Jede Sparmassnahme trifft uns alle.»

Stadtrat soll Streichung nochmals überprüfen

In dem offenen Brief bittet Visarte Ost gemeinsam mit allen Mitunterzeichnern den Stadtrat, die beschlossene Streichung der Beitragserhöhungen ans Palace und das Sitterwerk nochmals zu überprüfen. Kulturschaffende bräuchten eine Stadt, die bereit sei, für sie einzustehen. «Dazu gehört auch eine stabile finanzielle Basis.» Ausserdem fordert der Verband, der Stadtrat solle künftig umfassend aufzeigen, wie Sparmassnahmen umgesetzt werden sollen. Den Brief beenden die Verfasser mit einem Zitat aus dem Palace-Newsletter: «Wer nicht in die kulturelle Zukunft investiert, der hat keine.»

Angela Kuratli, Co-Präsidentin von Visarte Ost, doppelt auf Anfrage nach: «Es ist nicht das erste Mal, dass zuerst bei der Kultur gespart wird. Wir können das nicht mehr akzeptieren.» Die Stadt sei für Kulturschaffende ein sehr wichtiger Partner. «Darauf muss man sich verlassen können.» Nicht zuletzt seien Beitragserhöhungen nämlich auch ein wichtiges Signal nach aussen und können zur Generierung weiterer Drittmittel beitragen. Zwar handelt es sich bei den wieder gestrichenen Beitragserhöhungen um verhältnismässig geringe Beträge.

Kommentar

Der St.Galler Stadtrat setzt den Rotstift am falschen Ort an

Nach der Steuerfuss-Senkung um drei Prozent leitet die St.Galler Stadtregierung Sparmassnahmen ein. Im ersten Schritt macht sie für 2019 vorgesehene Beitragserhöhungen für zwei Kulturinstitutionen rückgängig. Sie generiert dabei einen Spareffekt von 25'000 Franken. Für Daniel Wirth, Leiter der «Tagblatt»-Stadtredaktion, ist diese Massnahme angesichts eines Budgets von 600 Millionen Franken peinlich.
Daniel Wirth

Für die Kulturbetriebe sei dieses Geld aber zentral, um den Betrieb weiterzuentwickeln und sicherzustellen. «Die 25000 Franken, die der Stadtrat hier zusammengespart hat, bringen ihm nicht viel, soll er doch fast fünf Millionen Franken einsparen. Die Kulturbetriebe schmerzt das aber», sagt Angela Kuratli. Da stelle sich die Frage, wo als nächstes der Rotstift angesetzt werde. Mit dem offenen Brief wolle man deshalb auch ein Zeichen setzen: «Nicht mit uns!»

Das Schreiben wird am Montag verschickt

Heute Freitag, 16 bis 18 Uhr, lädt Visarte Ost nun in den Kunstraum Nextex an der Frongartenstrasse 9. Beim Treffen wird der offene Brief, der bereits seit Mittwochabend auf der Plattform «Open Petition» aufgeschaltet ist, bearbeitet, verfeinert und unterzeichnet. «Es sind alle Interessierten eingeladen, mitzuwirken», sagt Angela Kuratli.

Kommenden Montag wird das Schreiben dann an Stadtrat und Parlament verschickt. Von den ersten Reaktionen auf ihre Initiative ist Kuratli positiv überrascht: «Zahlreiche Kulturschaffende haben den Brief unterzeichnet.» Und auch einige Politikerinnen und Politiker haben ihre Unterstützung zugesichert.»

Kopfschütteln von links bis rechts

In der Debatte um den Voranschlag 2019 war die Beitragserhöhung für Palace und Sitterwerk kein Thema. Das Parlament genehmigte das Budget, in dem auch diese Erhöhungen eingestellt waren. Das Palace hätte bei einem jährlichen Beitrag von 200000 Franken fünf Prozent oder 10000 Franken mehr erhalten, das Sitterwerk bei einem Jahresbeitrag von 70000 Franken rund 20 Prozent oder 15000 Franken mehr.

Gleichzeitig hat das Parlament am 11. Dezember 2018 aber auch den Steuerfuss um drei Prozentpunkte gesenkt. Das bewog den Stadtrat, die Erhöhung wieder zu streichen. Stadtpräsident Thomas Scheitlin hielt damals fest, dass sich die Stadt mit der Steuerfusssenkung die Erhöhung dieser Beiträge jetzt nicht leisten könne.

Aus dem Parlament hagelte es hingegen Kritik gegen den Entscheid des Stadtrats. Während bei der SP von «niederträchtigem Verhalten» die Rede war, hiess es bei der FDP, die Streichung sei übereilt. (ghi)