Abo statt Kauf, Leihen statt Besitzen: Ein St.Galler Jungunternehmer vermietet Kunst im Monatsabo

Von der Bohrmaschine bis zum Christbaum kann man heute fast alles mieten. Warum nicht auch Kunst? Das hat sich der St.Galler Leon Mehlau gefragt – und eine eigene Lösung entwickelt.

Roger Berhalter
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Zwei von aktuell 300 Kunstwerken aus dem Online-Shop: Der 29-jährige Leon Mehlau betreibt mit «Le Visual» eine Art Air BnB für Gemälde. (Bild: Ralph Ribi/1. Mai 2019)

Zwei von aktuell 300 Kunstwerken aus dem Online-Shop: Der 29-jährige Leon Mehlau betreibt mit «Le Visual» eine Art Air BnB für Gemälde. (Bild: Ralph Ribi/1. Mai 2019)

Zur Kunst hat er ein nüchternes, unverkrampftes Verhältnis. «Ein Gemälde, das ist letztlich eine Leinwand mit Farbe drauf», sagt Leon Mehlau. Kunst sollte weder abgehoben sein noch schwer zugänglich, findet der 29-Jährige. Ein Bild dürfe auch einfach als dekoratives Objekt dienen, als «schönes Unikat an der Wand». Vor allem aber soll Kunst laut Mehlau verfügbar sein. Für alle und möglichst ohne Hürden.

Deshalb hat der St. Galler Jungunternehmer «Le Visual» gegründet, eine Plattform zur Miete von Kunstwerken, die so einfach funktioniert wie ein Online-Shop. Die Idee: Wer ein Kunstwerk möchte, muss es nicht mehr teuer in einer Galerie kaufen, sondern kann es sich im Internet günstig zur Miete nach Hause bestellen. «Le Visual» wickelt den Transport und die Bezahlung ab. Das Bild geht direkt vom Künstler zum Kunden und wieder zurück.

Auf der Plattform sind aktuell etwa 300 Bilder von 40 Künstlerinnen und Künstlern verfügbar. Aus St. Gallen macht zum Beispiel der Portraitmaler Leo Braun mit. Das günstigste Bild ist für 11 Franken im Monat zu haben, am teuersten ist mit 270 Franken ein Gemälde der Baslerin Stephanie Künzli Ycaza.

Vom persönlichen Bedürfnis zur Geschäftsidee

Was für ihn Kunst ist und was in den Shop kommt, bestimmt Mehlau selber. «Am Ende ist es meine Entscheidung», sagt der HSG-Absolvent. Bei der Auswahl der Bilder halte er sich an den Grundsatz, nur mit professionellen Künstlern zusammenzuarbeiten. Im Katalog auf der Website sind die Gemälde nüchtern nach Grösse, Rahmenart, Sujet und Maltechnik sortiert.

«Le Visual» ist derzeit noch ein Ein-Mann-Betrieb. Leon Mehlau ist sowohl Geschäftsführer als auch Inhaber der GmbH, und er führt diese von seinem Zuhause in St. Gallen aus. Auf die Geschäftsidee sei er gekommen, als er genug davon hatte, daheim Poster und andere Massenware an die Wand zu hängen. Er suchte vielmehr ein Unikat, ein echtes Kunstwerk, für das er dennoch nicht viel Geld ausgeben wollte.

«Heute kann man alles mieten, von der Bohrmaschine bis zum Weihnachtsbaum. Warum also nicht auch Kunst?»

Ausgehend von dieser Frage entwickelte Mehlau aus seinem persönlichen Bedürfnis das Geschäftsmodell von «Le Visual». Wie die Theorie funktioniert, hatte er im Betriebswirtschaftsstudium an der HSG gelernt. Praktische Erfahrungen sammelte er zuletzt beim Onlinehändler Digitec Galaxus.
Vor ein paar Monaten hat er gekündigt und sich selbstständig gemacht. Jetzt arbeitet er Vollzeit daran, Kunst im Monatsabo unter die Leute zu bringen.

Leihen statt Besitzen liegt im Trend

«Meine Generation möchte etwas googlen und mit ein paar Klicks bestellen», sagt Mehlau, der zu den Millennials zählt, also zu den in den 1980er- oder 1990er-Jahren Geborenen. Diese Generation sei es gewohnt, einfach und ohne stationären Zwischenhändler zum Gewünschten zu kommen. Die Musik kauft sie nicht mehr im Plattenladen, sondern holt sie sich im Monatsabo bei Spotify. Filme kauft sie nicht mehr auf DVD, sondern streamt sie per Netflix in die Stube.

Abo statt Kauf, Leihen statt Besitzen: Diesen gesellschaftlichen Trend möchte sich Leon Mehlau zunutze machen. Auch er schaltet mit seinem Geschäftsmodell den Zwischenhändler aus. Konkret die Galerien, die beim Verkaufen von Kunst die zentrale Rolle spielen – und «Le Visual» als neuen Akteur im Kunstmarkt kritisch beäugen dürften. Mehlau sieht sich aber nicht als Konkurrent. Er spreche ein anderes Klientel an, zudem sei genug für alle da: «Es gibt heute klar ein Überangebot an zeitgenössischer Kunst.»

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