KULTUR
Vom Geldgeber zum Geldsucher: St.Galler Ex-Stadtpräsident Thomas Scheitlin setzt sich als Stiftungsratspräsident fürs Museum im Lagerhaus ein

Die Stiftung hinter dem Museum im Lagerhaus bekommt einen neuen Präsidenten: Peter Schorer tritt Anfang Jahr ab, Thomas Scheitlin übernimmt. Der ehemalige Stadtpräsident von St.Gallen soll vor allem Wachstum bringen.

Diana Hagmann-Bula
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Sie engagieren sich für Kunst von gesellschaftlichen Aussenseitern: Der ehemalige Stadtpräsident Thomas Scheitlin (l.) tritt die Nachfolge von Peter Schorer an und übernimmt Anfang Jahr den Vorsitz der Stiftung, die hinter dem Museum im Lagerhaus steht. Sie beide mögen das Bild von Hedi Zuber, auf dem der St.Galler Bahnhof zu sehen ist.

Sie engagieren sich für Kunst von gesellschaftlichen Aussenseitern: Der ehemalige Stadtpräsident Thomas Scheitlin (l.) tritt die Nachfolge von Peter Schorer an und übernimmt Anfang Jahr den Vorsitz der Stiftung, die hinter dem Museum im Lagerhaus steht. Sie beide mögen das Bild von Hedi Zuber, auf dem der St.Galler Bahnhof zu sehen ist.

Bild: Michel Canonica

Er hätte noch lange weitermachen können. «In den USA überlegt man sich mit 75 Jahren, Präsident zu werden. Hier in der Schweiz ist das aber nicht so», sagt Peter Schorer. Deshalb habe er sich dazu entschieden, Anfang Jahr den Vorsitz der Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art brut, der Trägerin des Museums im Lagerhaus (MiL), abzugeben. Grund für die Medienkonferenz von Freitag im MiL. «Es war ein Vernunftsentscheid», sagt der 75-jährige Rechtsanwalt und ehemalige St.Galler Stadtrat (1981 bis 1996).

In dieser Funktion war Schorer für das Soziale und die Sicherheit zuständig gewesen. Die Kunst habe eine andere Facette in sein Leben gebracht. Die Begeisterung ist in seinen Augen zu sehen, in seinen Worten zu spüren. Ein USP sei dieses Museum, so Schorer. «Ein Unique selling point. Ein Alleinstellungsmerkmal und deshalb so besonders.» Das Museum im Lagerhaus fokussiert sich auf Art brut und Naive Kunst und ist damit neben der Collection de l'Art Brut in Lausanne das einzige Kunstmuseum in der Schweiz, das Werke von Künstlerinnen und Künstlern am Rande der Gesellschaft zeigt, von Menschen die geistig oder psychisch beeinträchtigt sind oder andere Aussenseiter. Schorer:

«Was mich daran fasziniert ist, dass Menschen jeder gesellschaftlichen Gruppe Kreativität hervorbringen. Auch Menschen, auf die im normalen Leben heruntergeschaut wird, die belächelt oder gar nicht erst wahrgenommen werden.»

Wie um die Anwesenden eines Besseren zu überzeugen, hat der scheidende Stiftungsratspräsident neben sich wirkungsvolle Bilder aufstellen lassen. Eines stammt von Hedi Zuber, einer Textilarbeiterin, der St.Galler Bahnhof ist darauf zu sehen. «Diese Bildaufteilung, diese Dynamik. Unglaublich, was die 1,30 Meter kleine Frau da zum Ausdruck bringt!», schwärmt Schorer. Und man stimmt seiner Aussage von zu Beginn zu: Seine Begeisterung hätte locker für weitere Jahre als Stiftungsratspräsident gereicht. «Ich werde nie verstehen, warum die Fachwelt gewisse Werke als Kunst betrachtet und andere nicht. Ich sehe in diesen Bildern eindeutig Kunst. Auch wenn diese Künstlerinnen und Künstler nicht Kunst studiert haben.»

Ein Juwel, das noch mehr strahlen kann

Seit 1999 engagiert sich Schorer im Stiftungsrat, seit 2008 als Präsident. In den 14 Jahren habe er vieles planen und umsetzen können, sagte er. Ziel sei es stets gewesen, die Künstlerinnen und Künstler sowie ihre Werke qualitativ möglichst gut zur Geltung zu bringen. «Das ist uns gelungen.» Der Abtretende hat während seiner Amtszeit das Jahresbudget des Museums auf rund 700'000 Franken verdoppelt, das Museum mit internationalen Ausstellungen bekannter gemacht (siehe Kasten), Wert auf professionelle Katalogisierung, Digitalisierung und korrekte Lagerung gelegt. Er hat das Museum baulich verbessert. Ein neuer Boden, eine professionelle Beleuchtung, dazu die räumliche Erweiterung im Erdgeschoss. Das Museum habe sich unter Schorer «europaweit als Kompetenzzentrum für Outsider Art» etabliert, heisst es.

Als das Museum noch ausschliesslich den ersten Stock eingenommen habe, sei es oft übersehen worden. Unten befinden sich nun eine zusätzliche Ausstellungsecke, ein Museumsshop und das Café. In Zukunft solle man diesen Raum mieten können, zum Beispiel für Sitzungen oder kleine Vereinstreffen, sagt Thomas Scheitlin, der am 1. Januar 2022 das Stiftungsratspräsidium übernehmen wird. «Auch damit wollen wir die Bekanntheit des Museums verbessern.»

Der ehemalige Stadtpräsident Thomas Scheitlin erklärt an der Medienkonferenz im Museum im Lagerhaus, warum er sich für das Haus engagieren will. Im Hintergrund: der abtretende Stiftungsratspräsident Peter Schorer.

Der ehemalige Stadtpräsident Thomas Scheitlin erklärt an der Medienkonferenz im Museum im Lagerhaus, warum er sich für das Haus engagieren will. Im Hintergrund: der abtretende Stiftungsratspräsident Peter Schorer.

Bild: Michel Canonica

Von «einem Glücksfall» spricht Schorer. Thomas Scheitlin sei eine grosse Persönlichkeit, politisch und wirtschaftlich vernetzt, kulturell interessiert. «Einen besseren Nachfolger könnte ich mir nicht vorstellen», sagt Schorer. Scheitlin gibt das Kompliment umgehend zurück: «Und ich mir keinen besseren Vorgänger.» Überhaupt sind sich die beiden in allem einig an diesem Vormittag. Auch darin, dass das Museum ein Juwel sei. «Ein Juwel, das aber noch mehr zum Strahlen gebracht werden muss.» In dem man die finanziellen Ressourcen weiter steigere und die Kommunikation verbessere, meint Schorer. Indem man internationale Kooperationen mit anderen Museen eingehe und die Besucherzahlen erhöhe, meint Scheitlin. Zwischen 8'000 und 12'000 Gäste gehen pro Jahr im MiL ein und aus. 20'000 sollen es in zehn Jahren sein, so das Ziel von Scheitlin.

Kunst als Sprache und mit gesellschaftlicher Bedeutung

«Natürlich haben diese Gäste eine wirtschaftliche Bedeutung für das Museum, aber sie haben auch noch eine andere. Mehr Besucherinnen und Besucher tragen dazu bei, dass die Bedeutung von Art brut erkannt wird», sagt Scheitlin. Und fügt hinzu:

«Kunst ist die Sprache dieser Aussenseiter, ihre Art, sich mitzuteilen.»

Diese Kombination von Kultur und Gesellschaft sei es, die ihn fasziniere und motiviere, die Zukunft des Museums als Stiftungsratspräsident mitzugestalten. Als ehemaliger Stadtpräsident sei er nach wie vor bemüht, die Qualitäten St.Gallens gegen aussen zu zeigen. «Das Museum im Lagerhaus ist ein Mosaikstein davon.»

Seit einem Jahr sitzt der 68-Jährige im Stiftungsrat, er kennt das Museum aber schon viel länger. «Als Stadtpräsident war ich für die Kultur zuständig und habe Leistungsaufträge mit dem Haus vereinbart. Ich wechsle nun die Rolle und werde vom Geldgeber zum Geldsucher.» Auch beim MiL sind die Finanzen immer wieder ein Thema. Scheitlin: «Man kann es gut betreiben, aber grosse Sprünge liegen nicht drin, trotz Subventionsbeiträgen der Stadt.» Welche grossen Sprünge will er als Stiftungsratspräsident denn unternehmen? «Die Ausstellungsfläche abermals erweitern.»

Monika Jagfeld, Leiterin des Museums im Lagerhaus.

Monika Jagfeld, Leiterin des Museums im Lagerhaus.

Bild: Arthur Gamsa

Museumsleiterin Monika Jagfeld freut sich auf die Zusammenarbeit mit Scheitlin:

«Als Stadtpräsident und Geldgeber musste er uns kritisch beurteilen. Wir brauchen diesen kritischen Blick. Wir müssen weitergehen und uns weiterentwickeln.»

Thomas Scheitlin, «super vernetzt und mit wirtschaftlichem Know-how», sei dafür der richtige Mann.

Wie Schorer habe er viel Herzblut fürs MiL, betont Scheitlin. «Er musste mich nicht fünf Mal fragen, ich musste auch nicht fünf Mal darüber schlafen. Ich wusste sofort, ich will mich wieder für Kultur einsetzen.»

Das Museum im Lagerhaus

Die Sammlung des Museums im Lagerhaus umfasst unterdessen 27'000 Werke, darunter die 2014 angekaufte Ostschweizer Sammlung Mina und Joseph John sowie der 2019 integrierte Nachlass der Karl und Hanna Uelliger Stiftung. Die Werke lagern in zehn unterirdischen klimatisierten Räumen des Lagerhauses. Bei der Sammlung liegt der Fokus auf Schweizer Kunstschaffenden, die jährlich vier Ausstellungen sind hingegen national und international ausgelegt. Der abtretende Stiftungsratspräsident Peter Schorer hat zusammen mit Museumsleiterin Monika Jagdfeld diesen Schritt gewagt. Besonders gerne erinnert sich der 75-jährige Rechtsanwalt an die Ausstellung «Art Brut Japan – Schweiz» im Jahr 2014. (red.)

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