Kultur
Die Kulturszene lebt und trotzt dem Regen – 325 Kulturschaffende zeigen am Neustart-Festival in der Stadt St.Gallen ihre Künste

14 Stunden lang haben an 45 verschiedenen Orten Darbietungen stattgefunden. Die Veranstalter sind zufrieden. Von erhöhtem Puls und starkem Regen.

Renato Schatz
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Initiator Karl Schimke bei einer der vielen Darbietungen am Neustart-Festival.

Initiator Karl Schimke bei einer der vielen Darbietungen am Neustart-Festival.

Bild: Michel Canonica

Das Künstlerpaar Charlotte Mäder und Gügi Eugster steht an einem der Bistrotische in der Lokremise. Es ist kurz vor 10 Uhr. Ein Mann läuft an ihnen vorbei. «Hat er mich jetzt nicht gesehen oder tut er einfach so?», sagt Mäder und lacht. «Es fängt wieder an.» Man sieht und übersieht sich wieder in der St.Galler Kulturszene. Denn heute Samstag ist das Neustart-Festival, bei dem 325 Kulturschaffende an 45 verschiedenen Orten auftreten.

Das Festival ist für Mäder tatsächlich ein Neustart. Sie hatte schon abgeschlossen mit der Kunst. Doch dann kam die Ausschreibung der Veranstalter. Sie bewarb sich. Nun darf sie auftreten, im Parfin de Siècle, einem Theater in der Nähe vom Mühleggbähnli.

Stadtpräsidentin Maria Pappa sagt in ihrer Eröffnungsrede ein paar Minuten später, dass mit dem Coronavirus auch ein «tieferer Lebenspuls» kam. Für Kulturschaffende schlug das Herz noch langsamer. Sie konnten monatelang nicht auftreten. Eugster sagt: «Man kann ja nicht einfach nicht mehr Künstler sein. Künstler, das ist man einfach.» Auch heute. Nur mit höherem Puls.

Das Neustart-Festival zelebrierte am Samstag an 45 Standorten mit 315 Kulturschaffenden die vielfältige St.Galler Kulturlandschaft und ihre Rückkehr zur Normalität.
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Das Neustart-Festival zelebrierte am Samstag an 45 Standorten mit 315 Kulturschaffenden die vielfältige St.Galler Kulturlandschaft und ihre Rückkehr zur Normalität.

Bild: Michel Canonica

Sie schreiben die Leser fort

11 Uhr, Point-Jaune-Museum im Linsebühl-Quartier. Zehn Leute haben sich in einem Raum verteilt, dem man die Zeit ansieht. Überall Antiquitäten, hinter allem eine Geschichte, Holzgeruch. Zwei dieser zehn Leute sind Schriftsteller: Laura Vogt und Karsten Redmann. Sie lesen vor, aus ihren Kolumnen und Büchern. Draussen verhandeln zwei Männer die Leistungsfähigkeit eines Töffs. Die Stimmen dringen in den Raum. Doch wer Vogt zuhört, ist nicht mehr im Linsebühl-Quartier, nicht mehr Motorradexperte, der ist woanders, in Vogts Buch, ist Mutter. Denn darüber schreibt sie: übers Muttersein. Die Kunst, andere in eine neue Welt zu schreiben.

Die beiden Autoren Laura Vogt und Karten Redmann lesen im Point-Jaune-Museum.

Die beiden Autoren Laura Vogt und Karten Redmann lesen im Point-Jaune-Museum.

Bild: Michel Canonica

15.30 Uhr Richtung Stadtpark. Technomusik und der Rauch einer Nebelmaschine strömen aus dem Talhof. Ein Dayrave macht den Tag zur Nacht. Es ist heiss. Es ist keine Wolke am Himmel zu sehen. Karl Schimke, der zusammen mit der IG Kultur Ost die Idee für das Festival hatte, fährt mit dem Velo vorbei.

Eine halbe Stunde später im Frauenpavillon im Stadtpark kann man fernsehen, überall. Vor einer Wand mit einem Beamer, auf Bildschirmen am Boden, auf Röhrengeräte in der Ecke. Wer Kopfhörer aufsetzt, kann auch zuhören. Einer der Bildschirme am Boden zeigt eine Frau, die Verkehrshüte auf ihrem Körper platziert. Sie sagt: «Eine Frau hat viele Hüte auf.»

Langsam wird es Abend. Der Schatten legt sich über die Gassen und kühlt die heissen Pflastersteine in der Zeughausgasse, wo Kathrin Becker und Hans Rudolf Spühler aus Mark Twains «Bummel durch Europa» lesen. Wobei: Sie lesen nicht, sie erzählen. Becker und Spühler sind beides Schauspieler. Und ein bisschen spielen sie vor der Galerie vor der Klostermauer auch. Wenn sie die Sätze des anderen fertigsprechen, wenn sie rufen, flüstern oder lachen, die Stimmen hoch und runter gehen. Dann ist man mit Twain in Italien oder in der Schweiz und bummelt durch Europa. Gut 20 Leute hören zu. Sie bekommen eine Zugabe. Als die Laurenzenkirche verkündet, dass es 18 Uhr ist, sprechen Becker und Spühler noch ein wenig lauter. Auch das ist Kunst: Improvisation.

Sie treten auf, endlich

Die Sonne schafft es nur noch auf die Dächer der Marktgasse, Wolken im Westen. Schimke fährt mit dem Velo vorbei. Weiter zur Lokremise, wo um 18.30 Uhr die Atlantis Big Band auftritt.

Als die Band die Bühne betritt, stehen ein paar Leute auf den Seiten oder beim Eingang, weil alle 50 Plätze auf der Tribüne besetzt sind. Daniel Zeiter, der heute dirigiert, sagt, es sei der erste Auftritt der Band seit Oktober letzten Jahres. Zeiter: «Ich hoffe, Sie können das Konzert geniessen. Und sonst lassen Sie uns einfach die Freude, dass wir wieder spielen können.» Doch das Publikum geniesst, was es zu hören bekommt. In den Blicken der 21 Musikerinnen und Musiker ist irgendetwas zwischen Konzentration und Gelöstheit. Sie sind drin, sie treten auf. Endlich.

Die Atlantis Big Band spielt in der Lokremise.

Die Atlantis Big Band spielt in der Lokremise.

Bild: Reto Martin

Während die Atlantis Big Band Phil Collins «In The Air Tonight» spielt, legt im Parfin de Siècle Charlotte Mäder los. Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die ihr Kind verliert. Mit Tanz, mit Erzählung, mit Kunstwerken. Sie verbindet verschiedene Stilelemente. Überhaupt, das ist, was die 52-Jährige will: verbinden. Und das ist, was das Festival tut. Mäder sagt am Tag danach:

«Es war uh schön, all die Begegnungen, die professionellen Auftritte.»

Sie tanzen im schwachen Licht

Im Foyer der Lokremise steht Schimke. Dieses Mal ohne Velo. Mittlerweile ist es 19.30 Uhr. Einer sagt: «Ich war noch nie an einem Jazzkonzert, aber das war richtig cool.» Draussen ist der Himmel rot, die Abendsonne hat die Wolken, die jetzt über der Stadt sind, angemalt. Irgendwann beginnt es zu tröpfeln. Dann wird aus dem Tröpfeln Regen. Schliesslich stürmt es. Einer will eine Zigarette rauchen gehen und sieht in der Wetterapp nach, wann der Regen verschwinden wird. «Es regnet nur in St.Gallen, sonst nirgends», sagt er seinem Kollegen.

Die Menschen bleiben also, wo sie sind. In den Restaurants, Bars, Museen, Hallen. Wie viele die 45 Veranstaltungsorte des Neustart-Festivals besuchten, kann Barbara Affolter, Mitglied des Organisationskomitees, am Sonntag noch nicht sagen. Doch sie sagt: «Alle Orte wurden gut besucht.» Was bleibt von diesem Anlass? Affolter:

«Mehr Lust auf Kultur und Begegnungen sowie die Erkenntnis, dass beides wieder erlebbar ist

Es ist 21.30 Uhr, als aus dem Stürmen wieder Regen wird. Der Mann geht seine Zigi rauchen. Eine Gruppe bricht auf. «Palace? Wollen wir los?»

Palace. Der Tag hat keine Stunde mehr. Man übersieht sich nicht mehr, man sieht sich nur noch. Selbst im schwachen roten Licht. Köpfe bewegen sich hoch und runter, als nicken sie. Kreisende Hüften und nackte Füsse zum lauten Bass von Islandman. Ein Trio aus Istanbul, dessen Musik sich kaum zuordnen lässt. Pop- und Techno-Elemente, E-Gitarrenriffe mit arabischen Melodien. Es ist für alle etwas dabei. Und irgendwie, so scheint es, sind auch alle da. Das Palace ist voll.

Und der Puls ist hoch.

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