Kultur der «Kleberei»: Am Donnerstag startet die Veranstaltungsreihe auf dem Rorschacher Feldmühleareal mit einer Premiere

Das «Kleberei»-Team bespielt die einstige Kantine auf dem Rorschacher Feldmühleareal von Juli bis November. Mit dem Ziel: Einen Ort für Kleinkultur in der Stadt zu schaffen. Die Theke des geschichtsträchtigen Orts brachte nun gar über 100-jährige Ziegelsteine zum Vorschein.

Jolanda Riedener
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Das «Kleberei»-Team schafft Platz für Kleinkunst: Jan Hasler (von links), Richard Lehner und Efisio Prasciolu.

Das «Kleberei»-Team schafft Platz für Kleinkunst: Jan Hasler (von links), Richard Lehner und Efisio Prasciolu.

Bild: Jolanda Riedener

Die einstige Kantine der Feldmühle-Fabrik nimmt Gestalt an. Über der Eingangstüre, auf der Nordseite des einstigen Verwaltungsgebäudes, steigt Jan Hasler vom Veranstaltungsteam auf eine Leiter und befestigt den Schriftzug: «Kleberei»:

Letzte Vorbereitungen für die Premiere der «Kleberei» am Donnerstag laufen: Jan Hasler bringt die letzten Striftzüge an.

Letzte Vorbereitungen für die Premiere der «Kleberei» am Donnerstag laufen: Jan Hasler bringt die letzten Striftzüge an.

Bild: Jolanda Riedener

Die diesjährige Veranstaltungsreihe auf dem Fabrikareal ist die zweite Ausgabe von «Kultur in der Feldmühle» und dauert bis November. Für das Fabrikareal existiert ein Überbauungsplan, der Wohn- und Gewerberaum schaffen soll.

«Im vergangenen Jahr ging es auch darum, Abschied zu nehmen von der Feldmühle und ihrer bewegten Geschichte», sagt Projektleiter Richard Lehner. Nun wolle man sich weiterentwickeln und in Rorschach explizit einen Ort für Kleinkultur bieten. So ein Ort fehle in Rorschach, zumal im Würth-Haus vor allem Hochkultur und im «Treppenhaus» Jugendkultur zelebriert werde.

Kantinentheke wurde aus Ziegeln des Industriekamins gebaut

In diesen Tagen wird die Bühne angeliefert. Sie kommt dort zu stehen, wo einst die Kantinentheke stand. Für die «Kleberei» haben die Veranstalter die Theke abreissen lassen, um mehr Platz zu erhalten und den Raum für individuell an die verschiedenen Veranstaltungen anzupassen:

So sah die Theke in der Fabrikkantine aus. Die Backsteine stammen von einem Industriekamin.

So sah die Theke in der Fabrikkantine aus. Die Backsteine stammen von einem Industriekamin.

Bild: Ralph Ribi

Die Kantinentheke wurde aus Backsteinen eines ehemaligen Kamins der Fabrik gebaut. Das war in den 70er-Jahren. Lehner ist Autor des Buchs «Feldmühle» und beleuchtete damit ein wichtiges Kapitel der schweizerischen Industriegeschichte. Er sagt:

«Die Ziegel sind weit über 100 Jahre alt.»

Beim Abtragen der Bar habe man darauf geachtet, dass die Ziegelsteine nicht beschädigt werden. Sie sollen wenn möglich wiederverwendet werden – Interessierte könnten sich bei Richard Lehner melden.

Kantine weckt Erinnerungen

Efisio Prasciolu ist für die Sicherheit verantwortlich.

Efisio Prasciolu ist für die Sicherheit verantwortlich.

Bild: Ralph Ribi

Efisio Prasciolu arbeitete während 47 Jahren auf dem Fabrikareal, erst für die Feldmühle, anschliessend für die Nachfolgebetriebe Cellux und Scapa. Er erinnert sich an die Kantine, in der auch er viele Mahlzeiten eingenommen hatte:

«Arbeiter von verschiedenen Fabriken haben hier gegessen.»

Das Kantinenpersonal habe in vier Schichten gearbeitet, bereits zum Frühstück seien viele gekommen oder nach Feierabend zum Abendessen geblieben. «Das Weihnachtsessen mit bis zu 200 Arbeitern fand ebenfalls hier statt», sagt Prasciolu. Der Rittersaal nebenan war damals fürs Kader reserviert.

Die Grundmauern der Feldmühle bleiben auch nach ihrem Umbau erhalten.
18 Bilder
Die Maschine war zu gross für den Verkauf nach Ägypten.
Auch das Treppenhaus soll erhalten bleiben.
Immer wieder zeugen Maschinen noch von der einstigen Fabrik.
Das Areal wird teilweise abgerissen und zur Wohnsiedlung umgebaut. Hier sollen einmal Wohnungen entstehen.
Jugendliche brachen in das Areal ein und hinterliessen Graffiti und die Reste einer Vodka-Flasche.
Die Maschine produzierte Klebebänder.
Das Dach über der Maschine ist aus Holz.
Das Dach des Raumes musste aufgrund eines Brandes im Dezember 1993 ersetzt werden.
Auch von Aussen zeigt sich der Verfall.
Hier wurden die Chemikalien für den Kleber einst angemischt.
Auch hier haben Jugendliche ihre Spuren hinterlassen.
Die Wohnungen in der Feldmühle bekommen eine schöne Aussicht.
Im Labor wurden neue Kleber ausprobiert. Die Schubladen sind beschriftet.
Die Treppe im Verwaltungsgebäude.
Dieser Raum befindet sich im Verwaltungsgebäude. Hier wurde sich einst zum Mittag getroffen.
Der Turm ist das Erkennungsmerkmal der Feldmühle. Der lange Schlot wird auch nach den Umbauten bleiben und an die vergangene Zeit erinnern.
Der Eingang von der Pestalozzistrasse.

Die Grundmauern der Feldmühle bleiben auch nach ihrem Umbau erhalten.

Bilder: Ralph Ribi

Geschichtsträchtig startet die «Kleberei» am Donnerstag, 2. Juli, in die Saison: Dann wird der Feldmühle-Film «Fabrikleben» von Felix Karrer gezeigt. Der Film wurde mit den Originalbändern des Schweizer Fernsehens neu digitalisiert und ist jetzt in einer limitierten Auflage als DVD erhältlich. Bei schönem Wetter wird der Film im Freien gezeigt. Lehner sagt:

«Es wird ein einmaliges Erlebnis sein, den Film vor der Originalkulisse zu sehen.»

Regionale Künstler erleben und selber aktiv werden

Efisio Prasciolu ist für die Sicherheit während der Kulturveranstaltungen verantwortlich. Das Lokal bietet Platz für knapp 100 Personen, bestuhlt werde jedoch nur für 60 Personen, um Abstände einhalten zu können. Der Raum verfügt ausserdem über einen Zweiteingang und einen grosszügigen Vorplatz, wo Konzerte und andere Events bei schönem Wetter ausgetragen werden können.

Girlanden aus Klebern, die einst auf dem Areal produziert wurden, schmücken den Aussenbereich. Ausserdem können sich die Gäste an den bunten Klebebändern bedienen und damit den Innenraum mitgestalten.

Neben zahlreichen regionalen Künstlern hat das Team auch den Jazzclub und das Schlofftheater eingeladen – beides sind Institutionen, die ihr Lokal in Rorschach aufgeben mussten und denen man so eine Plattform bieten wolle. Das komplette Sommerprogramm ist auf der «Kleberei»-Website einsehbar. Das Herbstprogramm wird im August vorgestellt. Das Team wolle jetzt erst einmal schauen, wie sich der Betrieb einspielt.