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Tagesbetreuung in St.Gallen: Kritik an teuren Provisorien

Die Provisorien für die städtische Tagesbetreuung sind in der Regel wie definitive Bauten geplant und ausgestattet. Das stösst auf Kritik. Politiker von links bis rechts sehen Sparpotenzial. Doch der Stadtrat will am bisherigen Kurs festhalten.
Christina Weder
Zeitlich befristet, aber voll ausgestattet: Die Küche im Containerprovisorium für die Tagesbetreuung Hebel-Bach in St.Georgen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Zeitlich befristet, aber voll ausgestattet: Die Küche im Containerprovisorium für die Tagesbetreuung Hebel-Bach in St.Georgen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Handelt es sich bei den Provisorien für die Tagesbetreuung um Luxuslösungen? Diese Frage stellt FDP-Stadtparlamentarier Karl Schimke mit Blick auf die ­Kosten. Und die stossen ihm sauer auf. Denn seit kurzem ist klar: Der Ausbau der Tagesbetreuung wird teurer als erwartet. Der Stadtrat rechnet für die zu erstellende Infrastruktur mit knapp 33 Millionen Franken – statt wie bisher mit 23 Millionen.

Er erklärt den Kostenanstieg unter anderem mit dem Bau von Provisorien, die in der ursprünglichen Planung nicht enthalten waren. Jenes auf der Sömmerliwiese soll 2,75 Millionen Franken kosten; der Containerbau beim Hebelschulhaus schlägt mit 1,38 Millionen zu Buche. Beide Bauten sollen für die Dauer von rund fünf Jahren genutzt werden.

Karl Schimke findet, der Massstab sei bei den Provisorien hoch angesetzt. Zu hoch. Er hat das Container-Provisorium auf dem Schulhausplatz Hebel in St.Georgen besucht und stellt fest:

«Alles ist top. Es fehlt an nichts.»

Das sei zwar schön. Er bezweifelt aber, ob es auch nötig sei. Mit anderen Worten: Dürfte ein Provisorium nicht etwas provisorischer sein? Schliesslich handle es sich nicht um eine dauerhafte Lösung. In seinem Vorstoss mit dem Titel «Wie weiter mit FSA plus?» gelangte er mit Fragen an den Stadtrat. Dessen Antworten liegen nun vor.


1. Könnte man die Provisorien weniger grosszügig planen?

Um den Raumbedarf für die Tagesbetreuung zu ermitteln, gehen die städtischen Planer von der Maximalbelegung aus. Sie nehmen an, dass langfristig rund 50 Prozent der städtischen Schüler ein Betreuungsangebot besuchen und dass 70 Prozent von diesen am Spitzentag anwesend sind. Zudem rechnen sie damit, dass jedes Kind am Mittagstisch vier Quadratmeter Platz braucht. Diese Berechnung wenden sie auf Dauerlösungen wie auch auf Provisorien an.

Bis jetzt sind die Prognosen betreffend Schülerzahlen noch nicht eingetroffen. Knapp 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler besuchten 2018 die städtische Tagesbetreuung. Die Belegungszahlen steigen zwar, aber nicht ex­plosionsartig. Die Spitzenwerte werden zwei- bis dreimal pro Woche zur Mittagszeit erreicht. Trotzdem will der Stadtrat an der Berechnung festhalten – auch bei Provisorien. Eine Reserve sei «notwendig und sinnvoll, denn es wird weiterhin mit steigenden Kinderzahlen gerechnet».


2. Benötigt jedes einzelne Kind am Mittagstisch vier Quadratmeter Platz? Oder könnte dieser Wert in Provisorien unterschritten werden?

Bei mehrjährigen Provisorien ist der Stadtrat dagegen, den Richtwert zu unterschreiten. Die zur Verfügung stehende Fläche sei ein pädagogisches Qualitätsmerkmal: «Kinder, die ein Tagesbetreuungs-Provisorium besuchen, benötigen nicht weniger Raum als andere Kinder.» Im Vergleich mit anderen Städten befindet sich St. Gallen in guter Gesellschaft. Winterthur, Bern und Basel rechnen mit ähnlichen Werten.


3. Braucht jedes Provisorium zwingend eine voll ausgestattete Küche?

Der Stadtrat findet ja. Er spricht sich für «frisch zubereitetes Essen» aus (siehe Zweittext). Dies will er auch Kindern im Provisorium nicht vorenthalten. Zudem zieht er einen Vergleich zwischen einem Standort mit Frischküche (Heimat-Buchwald) und einem mit angeliefertem Essen (Engelwies) und kommt zum Schluss: Ein Verzicht sei kaum kostengünstiger. Denn auch an einem Standort mit angeliefertem Essen brauche es eine Küche und «Küchenpersonal in nicht unerheblichem Umfang». Die Mahlzeiten müssten aufgewärmt, warmgehalten und das Geschirr gespült werden. Küchengeräte wie Steamer oder Geschirrspüler, die in den Provisorien zum Einsatz kommen, sollen später in den definitiven Gebäuden installiert werden.


4. Wäre es möglich, andere Schulräume wie die Turnhalle für den Mittagstisch zu nutzen?

Die Turnhalle eignet sich gemäss Stadtrat nicht für den Mittagstisch. Würden die Kinder in der Turnhalle essen, wäre dies mit grossem Aufwand verbunden. Der Boden müsste abgedeckt, Möbel angeschleppt und wieder entfernt werden. Es sei aber eine gängige Praxis, an Spitzentagen die Turnhalle und weitere Schulräume nach dem Essen zu nutzen, damit sich die Kinder austoben können. Umgekehrt werden Räume der Tagesbetreuung mehrfach genutzt: etwa für Religionsunterricht, Deutsch für Mütter oder Gruppenarbeiten.


Karl Schimke FDP-Stadtparlamentarier.

Karl Schimke FDP-Stadtparlamentarier.

Der Stadtrat will also am bisherigen Kurs festhalten. FDP-Parlamentarier Schimke hat zwar Verständnis für die Richtwerte. Trotzdem bleibt er dabei: Er sei überzeugt, dass man die Provisorien weniger grosszügig bauen könnte. In Zukunft werde er bei den FSA-plus-Vorlagen genauer hinschauen. «Wir brauchen vernünftige Lösungen und keine vergoldeten.» Ihm fehle ein kreativer Ansatz. Mit seiner Kritik, es könnten Kosten gespart werden, steht er nicht alleine da. Auch die SVP stellt sich auf den Standpunkt, dass die Stadt «zu teuer baut». Das sagt Fraktionspräsidentin Karin Winter. Sie plädiert dafür, das Raumkonzept für die Tagesbetreuung zu überdenken, gemietete oder gebrauchte Container zu verwenden und Mahlzeiten anliefern zu lassen.

Auch die Linke macht sich Gedanken, wie man Kosten sparen könnte. Peter Olibet, Präsident der städtischen SP, mag zwar mit Blick auf die Provisorien nicht von Luxus sprechen. Doch räumt auch er ein, es werde «sehr grosszügig» geplant. «Ich bin der Meinung, dass die Qualität der Tagesbetreuung weniger vom Raumangebot abhängt als von den Betreuungspersonen, die dort arbeiten.» Zu Spitzenzeiten am Mittag könnten die Schüler ruhig etwas zusammenrücken oder gestaffelt essen. Zudem schlägt die SP vor, die Mittagspause zu verkürzen, um Betriebskosten einzusparen. Olibet fordert, die Stadt solle weniger nach Schema planen, dafür mehr improvisieren. So verfolgt die Linke zwar ähnliche Ansätze wie die Bürgerlichen. Das Ziel ist aber ein anderes. Mit dem eingesparten Geld will die SP/Juso/PFG-Fraktion doch noch dem von ihr geforderten Gratis-Mittagstisch zum Durchbruch verhelfen. Einen entsprechenden Vorstoss hat der Stadtrat kürzlich abgelehnt – mit Verweis auf die Kosten.

Ein Koch für mehrere Kitas

Verpflegung  In der städtischen Tagesbetreuung sollen die Mahlzeiten an möglichst jedem einzelnen Betreuungsstandort frisch zubereitet werden – auch in den Provisorien. Darauf legt die Stadt Wert. Mit Blick auf die Kostenfrage ist nun aber die Frage aufgetaucht, ob jedes Provisorium zwingend eine voll ausgestattete Küche braucht oder ob es nicht zumutbar wäre, die Mahlzeiten anliefern zu lassen. Andreas Bühler, Vizepräsident der Globi-Kinderkrippen, ist überzeugt, dass das möglich wäre. Das sagt er aus Erfahrung. Die private Globi-Kinderkrippe, die er mitbegründet hat, beliefert ihre verschiedenen Standorte von einer zentralen Küche aus. Die Kita beschäftigt einen Koch. Er plant das Menü, erledigt den Einkauf, kocht die Mahlzeiten, füllt sie in Wärmebehälter-Boxen ab und liefert diese vor dem Mittag mit dem Auto selbst aus. Auf seiner Tour beliefert er vier von fünf Standorten in St.Gallen und Region. So verpflegt er insgesamt bis zu 100 Kinder und 40 Betreuungspersonen. Der fünfte Standort, der noch im Aufbau ist, soll künftig ebenfalls beliefert werden.

«Diese Lösung ist kostengünstiger»

«Wir nutzen den Synergieeffekt», sagt Bühler. Die Organisation mit einer zentralen Küche biete weitere Vorteile: Die Qualität des Essens sei an jedem Standort gleich. Die Betreuungspersonen müssten sich nicht um die Verpflegung kümmern, sondern könnten sich voll auf die Kinderbetreuung konzentrieren. Damit sie trotzdem einmal mit den Kindern etwas kochen können, verfügt zwar jeder Standort über eine eigene Küche, doch diese müsse nicht mit den gleichen Geräten ausgestattet sein wie die Hauptküche. Diese Lösung sei kostengünstiger, als wenn jede Kita selber kochen würde, sagt Bühler: «Wenn der Koch 100 statt 50 Mahlzeiten zubereiten muss, hat er nicht den doppelten Aufwand.» Er ist überzeugt: Auf diese Weise liesse sich auch die Verpflegung für eine grössere Anzahl Kinder organisieren. Ob es sich dabei um eine Kindertagesstätte mit Klein- und Vorschulkindern handelt oder um eine Tagesbetreuung mit Schulkindern, spiele letztlich keine Rolle. Und Bühler spinnt den Gedanken weiter: Die Auslieferung des Essens liesse sich zum Beispiel auch mit Hilfe von Pensionierten organisieren. (cw)

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