Kreisgericht St.Gallen
Nach der Olma im Bett gelandet: Gericht spricht Schweizer vom Vorwurf der Schändung frei

Ein 36-jähriger Schweizer musste sich wegen Schändung vor Schranken verantworten. Er habe mit der Freundin seiner Partnerin geschlafen, ohne dass sich diese wehren konnte. Das Kreisgericht St.Gallen sprach ihn von Schuld und Strafe frei.

Claudia Schmid
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Die Frau sagte vor dem Kreisgericht aus, der Geschlechtsverkehr geschah gegen ihren Willen.

Die Frau sagte vor dem Kreisgericht aus, der Geschlechtsverkehr geschah gegen ihren Willen.

Bild: Getty

Dem Beschuldigten wurde vorgeworfen, er habe gegen ihren Willen mit der Freundin seiner Partnerin geschlafen, obwohl er wusste, dass sie ziemlich viel Alkohol getrunken hatte und damit zum Widerstand unfähig war. Er verneinte die Tat.

Nach dem Ausgang ging sie zum Beschuldigten

Die Privatklägerin erzählte vor dem Kreisgericht St.Gallen, dass sie zunächst mit Arbeitskollegen und später mit Freunden an der Olma war. Weil ihr die Zigaretten ausgegangen seien, habe sie den Beschuldigten angerufen und gefragt, ob er ihr welche bringen und noch ein Glas mit ihr und ihren Freunden trinken wolle. Nach einiger Zeit in einer Bar ging die junge Frau mit dem Beschuldigten nach Hause, um dort zu übernachten. Sie gab an, sie habe ihren Schlüssel bei der Chefin vergessen.

Nachdem sie gemeinsam auf dem Balkon noch ein Bier getrunken hätten und der Beschuldigte dabei einen Joint geraucht habe, sei sie so müde gewesen, dass sie ins Bett gewollt habe, erklärte die Privatklägerin. Sie habe bald darauf geschlafen und sei erst erwacht, als sie den Beschuldigten in ihr drin gespürt habe. Seit jener Nacht gehe es ihr schlecht. Sie habe zwei Monate lang nicht arbeiten können und habe noch heute Albträume.

Beschuldigter verneint Schändung

Der Beschuldigte bestätigte den ersten Teil der Geschehnisse. Die Schändung aber bestritt er. Er habe der Freundin seiner Partnerin die Wahl gelassen, wo sie schlafen wolle. Als sie sich für das Bett entschieden habe, habe er beabsichtigt, auf der Couch zu schlafen. Sie aber habe zu ihm gesagt, er könne ebenfalls ins Bett kommen.

Nachdem sie sich hingelegt hätten, habe er sie geküsst und gestreichelt und sie habe mitgemacht. Es stimme nicht, dass sie tief geschlafen habe. Zudem sei sie nicht so stark betrunken gewesen, dass sie sich nicht hätte wehren können. Auch er führte aus, dass es ihm nach dem Vorfall und der Anzeige sehr schlecht gegangen sei, weil er seine Partnerin betrogen habe. Er habe sich in stationäre psychiatrische Behandlung begeben müssen.

Geschehnisse unter vier Augen

Die Staatsanwältin verlangte eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten und eine Busse. Sie räumte in ihrem Plädoyer ein, dass nicht zweifelsfrei zu klären sei, was sich in jener Nacht genau zugetragen habe. Es handle sich um ein klassisches Vier-Augen-Delikt. Für die Rechtsvertreterin des Opfers war jedoch klar, dass ihre Mandantin die Wahrheit sagte. Sie habe stets konstant und glaubhaft ausgesagt. Die noch sehr junge Frau habe nach der Tat den Boden unter den Füssen verloren.

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch vom Vorwurf der Schändung. Auch er wies darauf hin, beim vorliegenden Fall stehe Aussage gegen Aussage. Tatsache sei, dass die Privatklägerin den Beschuldigten kontaktiert habe, weil sie ihn habe sehen wollen. Sie habe es darauf angelegt, dass sie bei ihm übernachten könne. Zudem habe sie gewusst, dass die Partnerin zu jenem Zeitpunkt in den Ferien weilte.

Zwei subjektive Wahrheiten erzählt

Das Kreisgericht St.Gallen sprach den Beschuldigten vom Vorwurf der Schändung frei. Sowohl er als auch die Privatklägerin hätten an sich glaubhafte Aussagen gemacht, die in einem Teil übereinstimmten, sich im Kernbereich aber widersprechen würden, erklärte der vorsitzende Richter. Das Gericht gehe davon aus, dass beide ihre subjektive Wahrheit erzählt hätten. Für die Willensunfähigkeit der Frau gebe es keine ausreichenden Anhaltspunkte. Sie selber habe gesagt, sie sei angetrunken, aber nicht sturzbetrunken gewesen.

Für den Konsum von Marihuana wurde der Beschuldigte mit einer Busse von 100 Franken belegt. Die Verfahrenskosten belaufen sich auf rund 24'500 Franken. Der 36-Jährige hat daran lediglich 200 Franken zu zahlen, der Rest trägt der Staat.