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Kosakengesänge in Häggenschwil: Ein russisches Ensemble reist von Dorf zu Dorf

Das Sängerquartett "Russische Seele" aus St.Petersburg tingelt derzeit durch die Gemeinden der Region. Ohne Auto, ohne Reisebudget – aber mit viel Vertrauen in die hiesige Gastfreundschaft.
Adrian Lemmenmeier
Konzert in der Kirche Häggenschwil: Am Mittwochabend trat hier ein Vokalquartett aus St.Petersburg auf. (Bild: Ralph Ribi)

Konzert in der Kirche Häggenschwil: Am Mittwochabend trat hier ein Vokalquartett aus St.Petersburg auf. (Bild: Ralph Ribi)

So etwas hört man in Häg­genschwil selten: Am Mittwochabend dröhnen die vier Stimmen des St.Petersburger Vokalquartetts Russische Seele durch die Kirche St.Notker. Und zwar mit solcher Inbrunst, dass beim Schlussapplaus mancher der gut 50 Zuschauer vor Rührung feuchte Augen hat. «Einer von denen würde reichen, um unseren ganzen Männerchor zu ersetzen», sagt eine Frau beim Rausgehen.

Kein Wunder. Sind doch Rimma Egorutina (Mezzosopran), Vladimir Matygulin (Tenor), Alexey Buzakin (Bariton) und Felix Zaretsky (Bass) professionelle Sänger aus St. Petersburg. Matygulin und Buzakin singen im Klosterchor Aleksandr Nevskij. Egorutina in der russischen Staatsoper. Derzeit aber klappern sie die Dörfer der Ostschweiz und Süddeutschlands ab, singen orthodoxe Kirchenlieder und russische Romanzen.

Mitfahrgelegenheit und Kollekte

«Wir fragen jeweils, ob wir die Kirche für ein Konzert nutzen dürfen», sagt Felix Zaretsky. Der stämmige Bass hat als Sänger halb Europa und die USA bereist. «Ebenso fragen wir, ob wir in der Gemeinde privat übernachten können, etwa bei einer Familie zu Hause.»

Die vier reisen auch ohne Auto; nach einem Konzert bitten sie jeweils darum, dass sie jemand in die nächste Gemeinde chauffiert. So hält das Ensemble die Reisekosten tief. Für seine Konzerte verlangt es keinen Eintritt, sondern erhebt eine Kollekte. Auch verkauft es CDs und russische Souvenirs.

Die Kirche St.Notker in Häggenschwil. (Bild: Ralph Ribi - 12. August 2013)

Die Kirche St.Notker in Häggenschwil. (Bild: Ralph Ribi - 12. August 2013)

So steht am Mittwochabend in der Kirche St.Notker ein kleiner Tisch mit golden schimmernden Heiligenbildern, ineinander schachtelbaren Matroschka-Puppen und Ohrringen aus Bernstein. Mit ihrer Tournee bessern die Sänger ihre tiefen Gehälter auf. «Ein professioneller Sänger verdient in St.Petersburg nicht mehr als 500 Euro im Monat, dies bei hohen Lebenskosten», sagt Zaretsky. Mit einem Teil der Einnahmen unterstützt das Ensemble ein Waisenhaus in einer Petersburger Vorstadt.

«Besser, als auf der Strasse zu schlafen»

Die Konzerte seien unterschiedlich erfolgreich, sagt Felix Zaretsky. «In Rorschach zum Beispiel hatten wir Pech. Da kamen gerade einmal neun Leute.» Auch mit der Gratis-Unterkunft klappe es nicht immer. So habe das Quartett auch schon auf ein Hotel ausweichen müssen. Doch das sei die Ausnahme. «In Sulgen hat uns der Gemeindepräsident bei sich zu Hause untergebracht», sagt Zaretsky.

In Häggenschwil bot die Gemeinde den Sängern eine Wohnung im Gemeindehaus an – allerdings unmöbliert, mit ein paar Matratzen am Boden und anfangs ohne Licht. Doch Zaretsky will sich nicht beklagen: «Das ist auf jeden Fall besser, als auf der Strasse zu schlafen.»

Kulturelle Unterschiede

Eigentlich hatte die Kirchgemeinde Häggenschwil eine Gastfamilie gesucht. «Es gäbe schon Leute, die Platz hätten», sagt Mesmerin Maria Wiget. Doch manche fühlten sich nicht wohl beim Gedanken, vier Fremde unterzubringen. Schliesslich gäbe es ja auch kulturelle Unterschiede. In Muolen hätte es vor Jahren ein ähnliches Konzert gegeben. Und dort hätten die Gäste im Pfarreizentrum «eine Sauerei» hinterlassen.

Als letzte Zugabe singt das Ensemble das auch in Westeuropa bekannte Volkslied «Kalinka». Häggenschwil schunkelt in den Kirchenbänken. Danach fragt Felix Zaretsky, ob jemand das Ensemble am nächsten Tag mit dem Auto ins Thurgauische Bussnang fahren könnte. Bevor die Kirche ganz leer ist, gelingt es Mesmerin Maria Wiget, einen Mann zu überreden, die vier Sänger-Profis mitzunehmen. Er ist Holländer.

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