KOMMENTAR
VBSG-Fahrleitungen: Energiewende ja, aber bitte nicht vor meiner Haustür

Die Schwierigkeiten der VBSG, ihr Fahrleitungsnetz auszubauen und ihren CO2-Ausstoss gegen Null zu senken, offenbaren ein tieferliegendes Problem. Man kann zwar viel von Netto-Null 2050 reden. Wenn aber manche nicht bereit sind, auch nur kleine Zugeständnisse zu machen, wird die Energiewende zur Farce.

Luca Ghiselli
Luca Ghiselli
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Die VBSG sahen sich wegen des schleppend vorankommenden Fahrleitungsausbau gezwungen, auf den Linien 3 und 4 wieder auf die alte Dieselflotte zu setzen.

Die VBSG sahen sich wegen des schleppend vorankommenden Fahrleitungsausbau gezwungen, auf den Linien 3 und 4 wieder auf die alte Dieselflotte zu setzen.

Bild: Michel Canonica (15. Dezember 2021)

Mit 79,1 Prozent haben die Stadtsanktgaller Stimmberechtigten im September 2020 dem sogenannten Klimaartikel zugestimmt. Dieser gibt der Stadt das Ziel vor, bis 2050 klimaneutral zu werden.

Sogar 80,9 Prozent waren es, die 2018 der ersten Etappe der VBSG-Flottenerneuerung zugestimmt haben. Darin enthalten war auch der Ausbau des Fahrleitungsnetzes auf den Linien 3, 4 und 6.

Und 84,1 Prozent der Stimmberechtigten sagten diesen Herbst Ja zur zweiten Etappe dieser Flottenerneuerung.

Es sind zwei Dinge, die diese drei Vorlagen gemeinsam haben: Sie wurden mit einer überwältigenden Mehrheit angenommen, und sie bestärken die Stadt St.Gallen in ihrem Kurs, die Energiewende lieber früher als später herbeizuführen.

Wenn die Umsetzung eines kleinen Teils einer dieser drei Vorlagen – eben der Ausbau des Fahrleitungsnetzes – nun aber daran zu scheitern droht, dass einzelne Liegenschaftsbesitzer sich querstellen und dagegen wehren, dass man einen Haken an ihrer Hausfassade befestigt, gibt das gleich in mehrerlei Hinsicht zu denken. Und es stellen sich Fragen.

Wie soll die Energiewende gelingen, wenn fast alle sie zwar vordergründig befürworten, gewisse aber nicht einmal zu geringfügigen Zugeständnissen bereit sind? Was sendet das für ein Signal, wenn deshalb einen ganzen Winter lang Dieselbusse auf demokratisch längst elektrifizierten Linien unterwegs sind? Wie viele Hektoliter fossilen Brennstoff brauchen die VBSG deshalb? Um wie viele Kilogramm CO2 wird die St.Galler Stadtluft deshalb reicher sein nach diesem Winter? Und wie um Gottes willen soll man so bis 2050 klimaneutral werden?

Dass Fahrgäste zu Winterbeginn in den neuen Bussen frieren mussten, ist vor diesem Hintergrund eine Bagatelle – wenn auch eine ungesunde und peinliche. Auch hier sei aber eine Frage erlaubt: Wäre den Verkehrsbetrieben ein Zacken aus der Krone gefallen, wenn sie ihre missliche Lage aktiv kommuniziert hätten?

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