Kommentar
Der Abgang des St.Galler Spitex-Geschäftsführers ist die Konsequenz eines fatalen Fehlstarts

Der Geschäftsführer der Spitex St.Gallen AG hat heute seinen sofortigen Rücktritt bekannt gegeben. An seine Stelle tritt vorerst eine Verwaltungsrätin. Der Leiter der Stadtredaktion, findet klare Worte.

Daniel Wirth
Daniel Wirth
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Über 30 Kündigungen hat die neu Gegründete Spitex St.Gallen AG bereits zu verzeichnen. Nun geht auch der Geschäftsführer.

Über 30 Kündigungen hat die neu Gegründete Spitex St.Gallen AG bereits zu verzeichnen. Nun geht auch der Geschäftsführer.

Symbolbild: Gaetan Bally / KEYSTONE

Michael Zellweger geht per sofort. Der erste Geschäftsführer der Spitex St.Gallen AG verlässt das noch junge Unternehmen nach gut einem halben Jahr. Auf eigenen Wunsch, wie es im Communiqué des Verwaltungsrates heisst. Im Dezember 2020 habe er den Weg für den operativen Start der neu gegründeten Organisation per Anfang 2021 in die Wege geleitet und die Versorgung mit Pflege- und Betreuungsleistungen gemeinsam mit den Mitarbeitenden jederzeit gewährleistet. Unter seiner Führung seien rückwärtige Prozesse – damit sind wohl administrative Abläufe gemeint – erfolgreich vereinheitlicht und die technologische Entwicklung vorangetrieben worden. Der Verwaltungsrat unterlässt es wie üblich nicht, dem scheidenden Geschäftsführer öffentlich seinen Dank auszusprechen.

Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion.

Daniel Wirth, Leiter Stadtredaktion.

Bild: Ralph Ribi

Fakt ist: Michael Zellweger als Geschäftsführer, der Verwaltungsrat als strategische Führung und Sonja Lüthi, die als Stadträtin und Vorsteherin der Direktion Soziales und Sicherheit die politische Verantwortung trägt, haben mit der Spitex St.Gallen AG einen fatalen Fehlstart hingelegt.

Die Gesellschaft, die aus der Fusion von vier Spitex-Vereinen mit einer politischen Zangengeburt auf die Welt gebracht wurde, ist nach nur fünf Monaten ein Scherbenhaufen. Der Spitex St.Gallen AG sind in zwei Kündigungswellen scharenweise Pflegerinnen und Pfleger davongelaufen. Per Ende April waren es 36 bei einem Personalbestand von 131 per Anfang dieses Jahrs. Ob sich die Kündigungen im Mai fortsetzten, ist bis heute nicht kommuniziert worden.

Geschäftsführer und Stadträtin redeten die Abgänge schön

Sowohl der Geschäftsführer als die zuständige Stadträtin bedauerten die vielen Abgänge zwar, redeten sie aber schön: Sie bedienten sich des Begriffs «branchenüblich» und betonten hartnäckig, die Pflege- und Betreuungsleistungen seien trotz der vielen Kündigungen jederzeit gewährleistet. Im Communiqué zum plötzlichen Rücktritt des Geschäftsführers wird zu den vielen Kündigungen keine Silbe verloren. Es scheint, als setze sich das Schönreden in der Spitex St.Gallen AG fort – kein Einsehen, kein Eingestehen von Fehlern. Stattdessen: Danksagungen. Da passt es auch, dass der Geschäftsführer ad interim durch eine Verwaltungsrätin ersetzt wird. Das darf nicht lange dauern: Strategische und operative Führung sollten strikt getrennt sein.

Viele Kündigungen wurden mit dem Wechsel von der Bezugs- zur funktionalen Pflege begründet. Das heisst: Der persönliche Kontakt musste den administrativen Arbeiten hintenan gestellt werden. Ob das im Sinn der Menschen ist, die eine spitalexterne Pflege brauchen, ist zu bezweifeln.

Das St.Galler Stadtparlament befasst sich am 15. Juni mit der Spitex St.Gallen AG. Spätestens dann muss die Frage gestellt werden: Wer hat dieses Debakel politisch zu verantworten?

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