KOLUMNE
Oh du fröhliche Glühweinzeit: So geniesst man pandemiekonform den St.Galler Weihnachtsmarkt

Glühwein ist Tradition, wärmendes Weihnachtsgefühl, geschmackliche Selbstverteidigung. Auch in Pandemiezeiten. Warum es trotzdem schmeckt, auch wenn es nicht schmeckt. Und warum es in St.Gallen jetzt einen «Glühweingarten» gibt.

Julia Nehmiz
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Glühweintrinken ist in diesem Dezember ein Hürdenlauf: Zertifikat am Eingang kontrollieren lassen, Maske auf beim Bestellen und Trinken trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt nur im Sitzen. Der Stimmung tut das keinen Abbruch.

Glühweintrinken ist in diesem Dezember ein Hürdenlauf: Zertifikat am Eingang kontrollieren lassen, Maske auf beim Bestellen und Trinken trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt nur im Sitzen. Der Stimmung tut das keinen Abbruch.

Bild: Sandro Büchler
(2. Dezember 2021)

Als hätten es alle geahnt, aber nicht wahrhaben wollen. Glühweintrinken in einer Pandemie ist vielleicht nicht die beste aller Ideen, die man in der Vorweihnachtszeit haben kann. Aber, klar gibt es ein «Aber». Und dieses Aber gehört in der Adventszeit halt dazu.

Als wäre es eine alte Tradition und Brauch: Auf einem Weihnachtsmarkt mit Freundinnen und Kollegen sich ein paar klebrig-süsse Glühweine aus überteuerten Motivtassen oder billigen Pappbechern hineinzuschütten, wärmt ja so schön, taut den ganzen Körper, die abfrierenden Zehen und klammen Finger auf.

Dabei, ganz ehrlich: Glühwein schmeckt nicht. Nie. Niemand kommt ernsthaft auf die Idee, zu Hause mal einen gepflegten Roten zu öffnen, ihn in einen Topf zu kippen, Zimtstangen, Anissterne und Gewürznelken hinterher, und dann noch eine Ladung Zucker dazu und Orangenschalen.

Glühwein ist geschmackliche Selbstverteidigung. Schon von den Römern praktiziert, um ihre sauren Weine mit Honig und Gewürzen trinkbar zu machen. Winzer und Önologinnen bekommen das heute besser hin. Niemand muss Rotwein mit Gewürzen pimpen. Ausser bei billigstem Migränestoff aus dem Tetrapack. Glühwein schmeckt nur, weil man frierend auf einem Weihnachtsmarkt herumsteht, eine lauwarme Bratwurst oder Raclette herunterspülen muss, und weil einen so was weihnachtlich fühlen macht. Und wärmt.

Von aussen beäugt, wie eine merkwürdige Spezies im Zoo

Aber eben, jetzt ist Corona. Fast im gesamten Bodenseeraum haben die grossen Weihnachtsmärkte geschlossen, Konstanz, Bregenz, Lindau, wurden abgesagt oder gar nicht erst eröffnet: St.Gallen hält die Lichterketten hoch. Pandemie hin oder her. Die Kantonsregierung hat «verschärfte Massnahmen» angekündigt und dann doch nur eine Maskenpflicht eingeführt. Und: ganz blöd für Glühweinstände – trinken darf man nur noch im Sitzen.

Das Maiersäss – DER Glühweinstadel am St.Galler Weihnachtsmarkt – hat sofort reagiert. Mittwochnacht die Holzstände abgebaut, denn da konnte man nur stehen. Weisse Pavillons mit Biertischen und Bierbänken aufgebaut. Lichterketten aufgehängt. Ein «Glühweingarten» ist das jetzt, sagt das Schild am Eingang. 3G wird kontrolliert, das Zertifikat gescannt, der Ausweis verlangt.

Der Glühweinstand wurde kurzerhand zum Glühweingarten. Konsumiert werden darf nur noch im Sitzen.
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Zahlreiche Personen reihen sich vor dem Eingang in die Warteschlange, bis drinnen ein Platz auf einem Festbank frei wird.
Währenddessen wird drinnen munter zugeprostet.
Die einen bestellen an der Bar und setzen sich nachher,...
...aber das Personal serviert die Glühweine – von weiss, über rosé bis zum Klassiker rot – auch mit Plastiktablaren.
Maske, Handschuhe, Glühwein.
Die Betreiberinnen und Betreiber des Glühweingartens haben rasch auf den Schneefall reagiert und Pavillons aufgestellt.
Stadtvater Vadian thront über den Trinkfreudigen.
Der winterliche Marktplatz von St.Gallen.

Der Glühweinstand wurde kurzerhand zum Glühweingarten. Konsumiert werden darf nur noch im Sitzen.

Bild: Sandro Büchler (2. Dezember 2021)

Schon vorher fühlte es sich absurd an, dort Glühwein zu trinken. Von aussen beäugt, wie eine merkwürdige Spezies im Zoo. Gesichert wie Fort Knox, eingepfercht zwischen mannshohen Zäunen, drängten sich die Durstigen zur Tränke, Schulter an Schulter, kein Durchkommen zur Glühweinquelle, Corona weit weg, vielleicht aber auch beim Trinknachbarn daheim, wer weiss das schon.

Jetzt wirkt das Maiersäss gemütlich, Gedränge gibt es nur noch an den Biertischen, wie auf der Wiesn. Ohne Sitzplatz keinen Glühwein. Alle sind brav. Kaum ein Nasenpimmel unter den Gästen, die Masken sitzen fast alle korrekt. Bei den Mitarbeitenden sowieso.

Wie im Biergarten, nur ohne Brotzeit

Wer im Stehen trinkt, dem wird bald von den jetzt bedienenden Glühweinausschenkern freundlich ein Sitzplatz angeboten, irgendwo steht immer jemand auf und geht, und dann sind da noch die Tische ohne Zeltdach, im Schnee, aber es ist ja Weihnachten, und der Glühwein wärmt. Man verhockt, komm noch eine Runde, diesmal aber Rosé. Man wird am Platz bedient, wie im Biergarten, nur ohne Brotzeit. Es ist kalt, aber der Glühwein wärmt.

Bis Samstag haben die Maiersässler vorerst provisorisch geplant, ihren Glühweingarten betreiben zu können, sagt eine Mitarbeiterin. Viel weniger Umsatz machen sie jetzt, weil viel weniger Leute in den umzäunten Bereich gelassen werden dürfen. Sind die Sitzplätze belegt, darf nur jemand rein, wenn jemand rausgeht. Fast wie beim Hausarzt: einer raus, einer rein.

Vielleicht verschärft der Bundesrat irgendwann die Coronaregeln weiter. Vielleicht werden dann auch in St.Gallen die Weihnachtsmarktbuden abgebaut, darf man Glühwein nur noch daheim trinken. Wahrhaben will dieses Szenario niemand. Darauf noch einen letzten Glühwein, noch ein letztes Mal aufwärmen. Es ist schliesslich Weihnachten. Prost, Omikron.

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