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Interview

Knatsch in St.Gallen wegen Pflästerung der Metzgergasse - Stadtingenieur sagt: «Wir überlassen nichts dem Zufall»

Pflastersteine sind nicht gleich Pflastersteine, Sand ist nicht gleich Mörtel: Stadtingenieur Beat Rietmann sagt, auf was es bei der Neugestaltung von Altstadtgassen alles ankommt.
Daniel Wirth
Stadtingenieur Beat Rietmann in der Engelgasse, die gerade neu gestaltet wird. (Bild: Benjamin Manser - 28. Juni 2019)

Stadtingenieur Beat Rietmann in der Engelgasse, die gerade neu gestaltet wird. (Bild: Benjamin Manser - 28. Juni 2019)

Das Stadtparlament hat soeben die Vorlage des Stadtrates zur Neugestaltung der Metzgergasse in der nördlichen Altstadt zurückgewiesen. Ein Detail brachte die Vorlage zum Kippen: die Fugenfüllung. Auch in anderen Gassen gab die Neugestaltung zu reden, vor und nach der Ausführung. Es geht immer um Details. In St.Gallen sieht keine Gasse aus wie die andere. Stadtingenieur Beat Rietmann erklärt, das sei Absicht.

Wie gehen Sie mit der Kritik um, die neu gestalteten Gassen in der St.Galler Altstadt glichen einem Flickenteppich, weil der Stadt ein Gesamtkonzept fehle?

Beat Rietmann: Es gibt selbstverständlich ein Gesamtkonzept. Das heisst aber nicht, dass wir die ganze Altstadt gleich gestalten. Diversität ist ein Teil des Konzepts von Stadtrat und Tiefbauamt. Das hat einen Grund: Jede Gasse hat ihren eigenen Charakter, jeder Platz seinen eigenen Charme. Dem müssen wir bei Neugestaltungen Rechnung tragen.

Als einer der ersten Orte wurde der Gallusplatz in der südlichen Altstadt neu gestaltet. Dafür erntete die Stadt sehr viel Lob. Hätte man nicht im gleichen Stil weitermachen können?

Der Gallusplatz gefällt. Wir haben dort bruchrohe Pflastersteine verwendet, die ungebunden verlegt wurden; das heisst: Die Fugen zwischen den Steinen wurden mit Sand aufgefüllt. Die Steine stammten alle vom alten Gallusplatz oder aus früheren Strassenrenovationen. Durch Aufhebung von Fahrspuren und Gehwegen und durch seine Neugestaltung mit der sternförmigen Bogenpflästerung hat der Gallusplatz Raum gewonnen. Er wirkt heute weiter und homogener. Aber eben: Der Gallusplatz hat seinen eigenen Charakter, die gleiche Pflästerung wäre in den Gassen der südlichen Altstadt nicht die richtige Lösung gewesen.

Warum nicht?

Eine Bogenpflästerung hat nicht überall ihre Berechtigung und Wirkung. Wir setzten dort auf eine Reihenpflästerung. Wir haben auch nicht überall die gleichen Steine verwendet; sie unterscheiden sich in ihrer Art, Herkunft, Grösse und Bearbeitung. Auf dem Gallusplatz setzten wir kleine bruchrohe Basalt-, Quarzsand- und Kalksteine ein. Auf dem Bärenplatz beispielsweise ist es geschliffener und geflammter Granit und beim Müllertor waren es vorfabrizierte Betonelemente. Eine Rolle spielt bei der Wahl nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Belastbarkeit, die Behindertengerechtigkeit sowie der Unterhalt.

Zur Person: Beat Rietmann absolvierte sieben Länderspiele

Beat Rietmann ist diplomierter Bauingenieur (ETH). Der 57-Jährige ist seit Anfang 2010 Leiter des Tiefbauamtes der Stadt St.Gallen. Bevor er vom Stadtrat zum Stadtingenieur gewählt wurde, hatte Rietmann für verschiedene Ingenieurbüros in Zürich und in St.Gallen gearbeitet.

Beat Rietmann hat aber auch eine sportliche Vergangenheit. Er spielte in den 1980er-Jahren in der Innenverteidigung des Fussball-Clubs St.Gallen und absolvierte in dieser Zeit sieben Länderspiele für die Schweiz. Rietmann lebt in der Stadt St.Gallen.

Bei Neugestaltungen der Altstadtgassen gibt es keine Zufälligkeiten?

Nein. Bevor das Tiefbauamt dem Stadtrat ein Projekt zur Genehmigung vorlegt, hat jedes Mal ein partizipatives Verfahren stattgefunden. Wir bitten die Gassengesellschaften, die Detailhändler, die Quartiervereine, die Behindertenverbände und den Seniorenrat an einen Tisch und diskutieren zusammen mit Fachspezialisten, bis wir eine Lösung gefunden haben, die alle befriedigt. Das ist jeweils ein spannender Prozess.

Um was geht es bei diesen Gesprächen konkret?

Um die Behinderten- und Altersgerechtigkeit, die Art der Pflästerung, die Wahl der Steine, ob wir die Fugen mit Sand oder mit Mörtel ausfüllen, wo und wie wir die Sehbehindertenführung anordnen, ob wir in der Mitte der Gasse zusätzlich einen Bereich für Gehbehinderte anbringen und wie wir diese Fläche im Detail ausgestalten.

Die Entwicklung macht auch vor der Neugestaltung von Gassen nicht Halt.

Wir erhalten neue Bedürfnisse und gewinnen ständig neue Erkenntnisse und lassen diese bei den nächsten Projekten nach Möglichkeit einfliessen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

In der südlichen Altstadt bildeten wir die Mittelrinne noch mit Bindersteinen und seitlichen kleinen Absätzen aus. In der Spiser- und Goliathgasse realisierten wir aus den Natursteinen bereits schalenförmige Rinnen ohne seitliche Anschläge. In der Brühl-, Kugel und Löwengasse entwickelten wir die Mittelrinne zu einem breiten, flachen Plattenbelag.

Der Übergang zwischen der alten Pflästerung der Brühlgasse (unterhalb der Sterne) und der neuen Pflästerung der Spisergasse (wo die Fussgängerinnen gehen) ist deutlich zu sehen. (Bild: Benjamin Manser - 6. Dezember 2017)

Der Übergang zwischen der alten Pflästerung der Brühlgasse (unterhalb der Sterne) und der neuen Pflästerung der Spisergasse (wo die Fussgängerinnen gehen) ist deutlich zu sehen. (Bild: Benjamin Manser - 6. Dezember 2017)

Was gab den Ausschlag für diese Entwicklung?

Ein Treffen mit etwa zwei Dutzend Seniorinnen und Senioren, die der Baudirektorin und mir in den Gassen unmissverständlich erklärten, was nicht gut sei und was ihnen helfen würde – eben Platten statt Pflastersteine im Mittelstreifen, damit Personen mit Gehbehinderungen, Rollatoren und Rollstühlen besser vorwärtskommen.

Eine spezielle Übung für Sie als Stadtingenieur gab es in der Neugasse? Was war dort alles passiert?

Der untere Teil der Neugasse war bereits vor rund 15 Jahren neu gestaltet worden, als wir uns an den oberen Teil machten. Wir wählten bei der Aufwertung des oberen Teils die gleiche Gestaltung mit denselben Natursteinen wie im unteren Abschnitt: bruchrohe Granitsteine, gebunden verlegt. Das wurde als zu holperig empfunden. Es gab einige Reklamationen, die uns veranlassten, die Steine abzuschleifen und zu flammen.

Kritik gab es auch in Hinterlauben.

Dort führte der erarbeitete Kompromiss zur Fugenfüllung zwischen den Steinen nicht mit Mörtel, sondern mit Sand. Das hat zur Folge, dass teilweise Sand in die Gebäude getragen wird. Zwischenzeitlich haben sich die Fugen leicht verfestigt und beim notwendigen Nachsanden dosieren wir zweckmässig. Der Unterhalt einer ungebundenen Pflästerung ist aufwendiger als bei einer gebundenen, dafür sind Sandfugen wasserdurchlässig und versiegeln den Boden nicht. Eine ungebundene Pflästerung hat einen gewissen ökologischen Wert und verbessert das Mikroklima.

Sand oder Mörtel? Für den Laien ist das doch Hans wie Heiri.

Das ist es ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Eine gebundene Pflästerung ist strapazierfähiger und mit geschliffenen und geflammten Steinoberflächen und schmalen Fugen behindertengerecht. In Hauptgassen ist deshalb nur eine gebundene Variante kompromissfähig und somit einer ungebundenen vorzuziehen. In Nebengassen wie Hinterlauben in der mittleren oder aktuell in der Engelgasse in der nördlichen Altstadt, die nicht so stark frequentiert werden wie beispielsweise die Markt- oder die Spisergasse, ist auch eine ungebundene Lösung von den Beteiligten akzeptiert.

Geh- und Sehbehinderte sind anderer Ansicht.

Natürlich wäre für sie Asphalt mit Sehbehindertenführung der beste Belag. Dies würde aber in unserer schönen Altstadt weder die gestalterischen noch die denkmalpflegerischen Aspekte erfüllen. Bei diesem Spagat haben die Behindertenverbände stets Hand geboten und wir haben immer tragbare Lösungen gefunden. Die Neugestaltung einer Gasse in der Altstadt ist immer ein Kompromiss aus vielen, unterschiedlichen Anliegen.

Machen Sie auch Tests?

Sicher. In unseren Werkhöfen legen wir Pflästerungen aus und testen, wie sich diese bewähren in Bezug auf die Begehbarkeit, den Unterhalt und die Behindertengerechtigkeit. Bei Begutachtungen mit den am Prozess Beteiligten erhalten wir jeweils sehr direkte Rückmeldungen. Wir überlassen nichts dem Zufall.

Die Neugestaltung der Altstadtgassen dauert lange und kostet viel Geld. Was entgegnen Sie denen, die sagen, die Gassen würden vergoldet?

Die Planung und die Realisierung einer Gassenneugestaltung braucht Zeit wegen der Vernehmlassung mit den Interessengruppen, dem politischen Prozess und den Rechtsmitteln, die z.B. gegen Verkehrsanordnungen ergriffen werden können. Und ja: Die Neugestaltung der Altstadt kostet einiges an Geld. Stadtrat, Stadtparlament, Planer und Beteiligte sind jedoch der Meinung, dass die vielen schönen und gut erhaltenen Gassen eine entsprechende Aufwertung verdienen.

Unter dem Strich: Wie sieht Ihre Bodenbelagszwischenbilanz aus?

Wenn ich die neu gestalteten Gassen mit jenen vergleiche, denen eine Auffrischung und eine Neupflästerung noch bevorstehen, komme ich zum Schluss: Das Geld ist gut eingesetzt.

Die Altstadt wird aufgewertet, davon profitieren der Detailhandel, der Tourismus, die Gastronomie und die Bewohner der Stadt.

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