Kloster und Stadtrepublik

Über 1500 Jahre historische Daten: Die St.Galler Geschichte von Chlodwig über Vadian und Peter Bion bis heute

Ereignisse aus der frühen Stadtgeschichte taugen selten für eigentliche Jubiläen und Jubelfeste. Das Gallusjahr 612/2012 ist so etwas wie die Regel, die die Ausnahme bestätigt. Und doch ist am Anfang eines neuen Jahres ein Blick in die frühe, uns heute nicht mehr wirklich präsente Geschichte St.Gallens interessant.

Reto Voneschen
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Das alte St.Gallen: Pergamentplan der Gallusstadt aus dem Jahr 1650. Damals bestand die Stadt grösstenteils aus der Siedlung hinter den Stadtmauern. Es ist das Gebiet, das wir heute Altstadt nennen.

Das alte St.Gallen: Pergamentplan der Gallusstadt aus dem Jahr 1650. Damals bestand die Stadt grösstenteils aus der Siedlung hinter den Stadtmauern. Es ist das Gebiet, das wir heute Altstadt nennen.

Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG

Der erste «runde» Eintrag auf der Website «St.Galler Stadtgeschichte/n» von Werner Mittelholzer findet sich im Jahr 496: Vor 1525 Jahren erobert der Merowinger König Chlodwig, der über Teile des fränkischen Reichs herrscht, Allemanien und damit die Gegend des heutigen St.Gallen. Die Bewohner wurden Leibeigene. Kloster und Stadt gab’s damals noch nicht. Das wilde Hochtal der Steinach dürfte nicht besiedelt gewesen sein. Gallus soll ja erst 612/13 vom Bodensee hierher gekommen sein und eine Einsiedlerklause gebaut haben.

Akten aus dem Kloster sind Quellen für die lokale Geschichtsschreibung

646, also vor 1375 Jahren, soll der fränkische König Sigisbert aus dem Geschlecht der Merowinger dem Kloster St.Gallen den Arboner Forst, der sich vom Bodensee bis zum Alpstein erstreckte, geschenkt haben. Sehr viele Orte in der weiteren Region werden erstmals in Urkunden aus dem Kloster St.Gallen erwähnt, sehr viele in Zusammenhang mit Schenkungen.

Ein «rundes» Beispiel: Vor 1250 Jahren, am 12. April 771, schenkten Chunibert und seine Frau Otswinda dem Kloster für ihre Seelenheil Land in Chuniberteswilari, dem heutigen Kümmertshausen im Kanton Thurgau.

Der Gallusplatz, der damals noch Lindenplatz hiess, um 1830. Links ist die Wetti im Loch zu erkennen. Im Reservoir wurde Brauchwasser für die Stadt gesammelt.

Der Gallusplatz, der damals noch Lindenplatz hiess, um 1830. Links ist die Wetti im Loch zu erkennen. Im Reservoir wurde Brauchwasser für die Stadt gesammelt.

Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG

Teuchel liefern Quellwasser für Kloster und Stadt

Es dürfte vielen Verantwortlichen gar nicht bewusst sein, aber 1471 war für die städtische Wasserversorgung ein Wendepunkt: Vor 550 Jahren bauen Kloster und Stadt die erste gemeinsame Wasserleitung aus Holzröhren, sogenannten Teucheln. Damit wird Trink- und Brauchwasser von Quellen auf Hofstetten und beim St.Leonhardshölzli zum Loch (auf dem Gallusplatz) und von dort weiter zu den verschiedenen Brunnen der Stadt geleitet.

Wieso fallen die Leute in Australien nicht von der Erdkugel?

1521, also während der Reformation, wird Joachim von Watt in den kleinen Rat der Stadt St.Gallen aufgenommen. Damit startet der Stadtarzt und Reformator zu seiner politischen Karriere. 1521/22 zofft sich der Stadtvater dann auch noch brieflich mit seinem ehemaligen Lehrer und Freund Johannes Camers in Wien.

Ein Batzen aus dem Jahr 1527.

Ein Batzen aus dem Jahr 1527.

Bild: Stadtarchiv OBG St.Gallen

Streitpunkt ist die sogenannte Antipodenfrage; dabei ging es darum, ob auf der unteren Seite der Erdkugel Menschen leben können. Vadian neigt dem Ja zu, Camers verteidigt die verneinende Haltung der Kirche. Die Frage erledigt sich mit der Verbreitung der Erkenntnisse von Vasco da Gama, der 1497 bis 1499 erstmals die Welt umsegelte.

Baumwollestoffe lösen die Leinwand ab

Ein weiteres wichtiges Jahr für die Textilstadt St.Gallen ist 1721. Vor 300 Jahren verarbeitet der hugenottische Flüchtling Peter Bion erstmals Baumwolle zu Barchenttüchern. Da ihm dafür als Angehörigem der Schneiderzunft die Erlaubnis fehlt, muss er in die Zunft der Weber übertreten. Die zuerst unbedeutenden Baumwollstoffe lösen bald die Leinwand als Schwerpunkt der St.Galler Textilindustrie ab.

Weitere runde Jubiläen und Gedenktage seit 1821

  • 1821. Vor 200 Jahren nimmt Michael Weniger in St.Georgen eine kleine Giesserei in Betrieb. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Industrialisierung in St.Gallen.
  • 1871. Vor 150 Jahren werden im Deutsch-Französischen Krieg 90'000 Mann der französischen Bourbaki-Armee in der Schweiz interniert. Die Stadt St.Gallen beherbergt 1'437 dieser Soldaten.
  • 1871. Im Moos wird vor 150 Jahren eine Natureisbahn erstellt. Sie ist Vorläuferin von Kunsteisbahn und Eissportanlage Lerchenfeld.
  • 1896. Vor 125 Jahren wird am Chrüzweier die Frauenbadhütte gebaut. Passend zum Jubiläum wurde der Holzbau im vergangenen Jahr saniert und durch den Einbau einer Wintersauna ergänzt.
  • 1896. Vor 125 Jahren wird als Monument für die Seewasserversorgung der von August Bösch gestaltete Broderbrunnen beim Multertor in Betrieb genommen.
  • 23. Mai 1921. Vor 100 Jahren fusionieren die Quartiervereine Krontal-Neudorf und St.Fiden-Kleinberg zum Quartierverein St.Fiden-Neudorf. Der erste der beiden Vorgängervereine könnte in diesem Jahr ebenfalls jubilieren: Die Quartierorganisation Krontal-Neudorf wurde nämlich 1896, also vor 125 Jahren, gegründet.
  • 14. Mai 1946. Vor 75 Jahren wird die Olma vom Bundesrat als nationaler Anlass anerkannt. Sie heisst jetzt Schweizer Messe.
  • 25. März 1971. Vor 50 Jahren bricht im alten Stadttheater am Bohl ein Brand aus. Der leere Kunklerbau wird abgerissen. Erst 1991 wird hier der «Markt am Bohl» eröffnet. –
  • April 1971. Das neue Schulhaus Rotmonten wird vor 50 Jahren bezogen.
  • 1971. Die «Flade» weiht ihr Notker-Schulhaus im Neudorf ein.
  • 1971. Vor 50 Jahren wird im Mannenweier den Frauen erlaubt zu baden. Dem Entscheid gingen jahrzehntelange moralische Diskussionen über das gemeinsame Baden von Männern und Frauen voraus.
  • 1971. Der Abbruch des Restaurants Goldenes Schäfli an der Metzgergasse wird vor 50 Jahren im letzten Moment durch eine Petition mit 4000 Unterschriften verhindert.
  • 1996. Vor 25 Jahren wird Polizeikorporal Rudolf Himmelberger bei der Verfolgung von Einbrechern auf dem Gleisfeld im Hauptbahnhof von hinten erschossen. Der Fall erschüttert die städtische Öffentlichkeit; die Stadtpolizei St.Gallen verbessert die Schutzmassnahmen für ihre Angehörigen.
  • 1996. Auf dem Bohl wird vor 25 Jahren die Calatrava-Wartehalle gebaut. Das «Gewächshaus» war vielen zuerst ein Dorn im Auge. Heute zählt der Bau zu den Wahrzeichen der Stadt St.Gallen.
  • 1996. Die Freifläche an der Verzweigung von Rosen- und Schmiedgasse wird vor 25 Jahren als längst überfällige Ehrung für Judenretter Paul Grüninger zum Grüningerplatz.
  • 1996. An der Lerchenfeldstrasse wird vor 25 Jahren der Neubau der Empa in Betrieb genommen. Die Materialprüfungsanstalt befand sich zuvor an der unteren Teufener Strasse.