Klimastreik im Schulzimmer: «Flugzeuge existieren einfach»

Die Klimastreiks beschäftigen auch die Jugendlichen an den Gymnasien Untere Waid in Mörschwil und Friedberg in Gossau. Die Debatte findet aber im Klassenzimmer statt.

Sandro Büchler
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Florin Rossi (links) und Lars Pataky im Gymnasium Friedberg in Gossau. (Bild: Benjamin Manser)

Florin Rossi (links) und Lars Pataky im Gymnasium Friedberg in Gossau. (Bild: Benjamin Manser)


Am Klimastreik vom vergangenen Freitag nahmen die Schüler Florin Rossi und Lars Pataky nicht teil. Die beiden stehen kurz vor der Matura am Gossauer Friedberg Gymnasium. «Wir waren noch mit Aufräumen beschäftigt.» Denn am Vorabend hatten sie ein Konzert organisiert – anstelle des Maturaballs. «Das entsprach mehr unserem Gefühl.»

Als vor drei Monaten der erste Klimastreik ausgerufen wurde, folgten Rossi und Pataky dem Aufruf. Nicht blindlings, wie sie betonen. Sie hätten abgewogen. «Erst am Vorabend der Demo entschieden wir uns für die Teilnahme. Wir wollten hören, was die Forderungen sind», sagt Rossi. Sie hätten den Rektor informiert. Er habe dem Vorhaben der rund zehn Schüler kurzfristig grünes Licht gegeben, sagt Lukas Krejcí, Rektor der halbprivaten Schule. «Ich unterstütze das und habe Respekt davor, wenn Jugendliche sich für Nachhaltigkeit engagieren.» Bereits früher habe sich Pataky für Solidarität eingesetzt und sich mit seinem Tatendrang bei Klimafragen bemerkbar gemacht, sagt Krejcí.

Maturareise nach Kroatien

Lars Pataky wiegelt ab. «Klar, der Klimawandel ist ein relevantes Thema.» Der Streik habe aber vielmehr im Klassenverband eine grosse Debatte ausgelöst. Dort gebe es verschiedene Standpunkte. «Für die einen ist netto null Treibhausgasemissionen bis ins Jahr 2030 zu extrem», sagt Pataky. Rossi sagt:

«Es ist am Brennen, man muss etwas machen. Aber wie?»

Die Jugendlichen beginnen mit kleinen Dingen. Sie versuchen regional zu essen, schalten konsequent das Licht aus, verzichten auf Trauben aus Namibia. Im Fach Biologie sammelte der 18-jährige Rossi alte Kleider für Bedürftige. Zudem trinke er nur noch aus einer Glasflasche, statt Plastikflaschen zu benutzen. Dabei hilft ihm die Schule. Anfang Jahr hat das Gossauer Gymnasium Petflaschen verbannt. «Wir löschen unseren Durst nun aus Krügen mit Hahnenwasser», sagt Rektor Krejcí. Die Schule diskutiere zurzeit, was in der Mensa auf den Tisch komme: «Hier geht es vor allem um alle Fragen punkto Nachhaltigkeit, zu Fair Trade, Palmöl.»

Rossi und Pataky waren seit der ersten Teilnahme an keinem weiteren Streiktag. Es standen Prüfungen an. «Das Anliegen kann ich auch so unterstützen», sagt Rossi. Die Maturareise im Sommer führt die Schüler nach Split an der kroatischen Adriaküste – mit dem Flugzeug. Sie hätten die Reise gebucht, noch bevor die Klimadebatte aufflammte. «Jetzt stellen wir uns mehr Fragen als vorher», sagt der 17-jährige Pataky. Der Zwiespalt sei schwierig zu lösen. «Flugzeuge existieren nun mal einfach.» Man lebe in einer globalisierten Welt. «Wir kennen beide Bedürfnisse.» Jeder müsse für sich selbst ein Mittelding finden. Die Debatte betreffe alle, vom Politiker bis zum Schüler.

Zugfahrt für Klassenausflug durchgesetzt

«Nachhaltigkeit ist bei uns an der Schule permanent ein Thema», sagt Jeannette Wick, Rektorin des Gymnasiums Untere Waid in Mörschwil. Die Klimadebatte sei ein gutes Beispiel für den moralischen Kompass, den die Jugendlichen durch die Schulbildung erlangen. Wick sagt:

«Sie erkennen den Unterschied zwischen ihrem Urteil und dem persönlichen Handeln.»

An der Mörschwiler Privatschule habe eine Handvoll Schüler Urlaub beantragt, um am Klimastreik protestieren zu können. Die Rektorin hat Verständnis: «Dass sich die Schüler für unser Klima einsetzen, ist wichtig.» Bei der Begutachtung der Urlaubsgesuche hat Wick darauf geachtet, dass diese glaubwürdig sind. «Entspricht die Teilnahme an der Demo, dem Leben des jeweiligen Schülers?», hat sich Wick gefragt. Hätte beispielsweise ein Schüler, der bereits mit dem Auto zur Schule fahre, einen Urlaub beantragt, hätte sie diesen abgelehnt.

Auch an der Unteren Waid ist die Schülerschar selbst für die Maturareise verantwortlich, inklusive Verkehrsmittelwahl. Die Mittelschule könne hingegen bei Ausflügen bestimmen. «Für die Besinnungstage in Urnäsch habe ich durchgesetzt, dass die Klasse mit der Bahn nach Urnäsch reist – statt Fahrgemeinschaften zu bilden», sagt Wick. «Denn die gemeinsame Zugfahrt gehört auch zum Klassenklima dazu.»