Kleiner Nachbar, ganz gross: Das Naturmuseum St.Gallen widmet dem Eichhörnchen eine Sonderausstellung

Jeder liebt sie, kaum einer kennt sie: die Eichhörnchen. Das Naturmuseum widmet ihnen ab Samstag eine Sonderausstellung. Die Präparate, Skelette, Felle und Installationen sind als Wanderausstellung aus Winterthur gekommen und bis Februar 2021 zu sehen.

Viola Priss
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Im Naturmuseum gibt es eine Sonderausstellung zum Eichhörnchen.

Im Naturmuseum gibt es eine Sonderausstellung zum Eichhörnchen.

Bild: Sergey Ryzhkov

Der Teufel ist ein Eichhörnchen. Der Teufel? Wer, fragt sich der Eichhörnchenliebhaber, kam angesichts des charmanten Felltiers auf einen solchen Vergleich? Wer aber einmal tiefer in die Welt der Baum-, Erd- und Gleithörnchen samt Verwandtschaft eingetaucht ist, dem dürfte es schwerfallen, der Faszination der nimmermüden Nagetiere zu widerstehen.

Ab Samstag sind sie in der Sonderausstellung «Eichhörnchen – Akrobaten in den Baumwipfeln» des Naturmuseums St.Gallen zu bestaunen. Die Präparate, Skelette, Felle und Installationen sind als Wanderausstellung aus Winterthur gekommen und bis Februar 2021 zu sehen. Das Ziel sei, kleinen wie grossen Städtern die scheuen Mitbewohner vertrauter zu machen, sagt Museumsdirektor Toni Bürgin.

«Wir teilen uns schliesslich einen urbanen Lebensraum mit ihnen.»

So klein und doch einer der «Big Five»

Sie waren schon vor uns da: Genauer gesagt 25 Millionen Jahre und eine Eiszeit zuvor, so beweisen es die ältesten fossilen Eichhörnchenfunde der Schweiz, in Ebnat-Kappel. Heute stehen sie unter Artenschutz – und unter Beobachtung. Dafür braucht es aufmerksame Städter. Denn um den Bestand erfassen und beobachten zu können, läuft derzeit die landesweite Säugetierzählaktion «Wilde Nachbarn», die an die Ausstellung gekoppelt ist.

Die «Big Five» in Siedlungsräumen – Reh, Dachs, Igel, Fuchs und Eichhörnchen – stehen dabei im Fokus. «Noch sind sie zwar nicht bedroht, ihr Lebensraum ist aber abhängig vom Baumbestand in den Städten», sagt Bürgin. Somit fungieren die Kletterkünstler gewissermassen auch als Klimakontrolleure.

Mausgross sind sie, oder auch bis zu einem Meter lang. Angefangen bei den afrikanischen Zwerghörnchen über südostasiatische Bananenhörnchen erstreckt sich die Vielfalt der Nager bis zum kniehohen Alpenmurmeltier. Das ist erstaunlicherweise gleichzeitig der nächste und schweizweit einzige Verwandte der rotbraunen Hörnchen.

In seiner Behäbigkeit weist «Murmel» auf den ersten Blick zwar wenig Gemeinsames auf, verräterisch aber ist das Gebiss. «Beneidenswerterweise wachsen die Zähne von Eichhörnchen ein Leben lang nach», sagt Bürgin. Über die abgenutzte Schicht schiebe sich einfach die nächste und schärfe sich damit selbst. «In der Technik hat man sich das von der Fauna schon abgeschaut – mit der selbstschärfenden Fräse, die auf dem Eichhörnchengebiss beruht», sagt Bürgin.

Wenn nicht am Boden eifrig auf der Suche nach den Leibspeisen, etwa Fichtenzapfen, Haselnüsse oder Eicheln, ist das Hörnchen eifrig mit dem Nestbau beschäftigt. Häufig haben sie nicht nur eines der eiförmigen Koben, sondern auch Zweit- und Drittwohnsitze in den Wipfeln für sich und den Nachwuchs, die instand gehalten werden wollen.

Das Eichhörnchen wird von Biologen als «lebendes Fossil» bezeichnet. Mit den 250 bis 400 Gramm Körpergewicht schwingt es sich bevorzugt in die obersten Etagen der Bäume. In Russland und Sibirien überwindet es die Baumdistanz gar fliegend. Sogenannte «Gleithörnchen» schweben dort bis zu 80 Meter von Ast zu Ast.

Jetzt, im September, beginne die Vorratszeit, erklärt Toni Bürgin. Das nimmermüde Hörnchen kenne keinen Winterschlaf und sorge jetzt für die kalten Monate vor. Anders als sein Vetter, das nordamerikanische Rothörnchen, setzt der europäische Himmelsstürmer dabei auf Qualität statt Quantität. «Das nordamerikanische Hörnchen muss riesige Vorräte in wenigen Depots unterbringen – was ziemlich aufwendig zu bewachen ist», sagt Bürgin.

Dank seines visuellen Gedächtnisses behält das einheimische Erdhörnchen aber auch bei bis zu 300 Verstecken den Überblick. Cleverness beweist Kollege Eichhorn auch punkto Täuschung. So überlisten sie Futterdiebe wie den Eichelhäher durch Scheinverstecke: Leere Depots, die den Feind spotten und ermüden sollen, werden ganz bewusst zum Schein angelegt. Sie selbst schützt ihr exzellenter Geruchssinn vor Betrug: Bis zu 30 Zentimeter, und auch durch Schnee hindurch, erschnuppern die Tiere eine verborgene Haselnuss.

Der grösste Feind ist der Hunger

Vor Marder, Habicht und Krähe ist der Nager allerdings nur bedingt geschützt. Das Fell, industriell für Pinsel verwendet und als «Feh» bezeichnet, macht sie weitestgehend unangreifbar. Im Gegenlicht sieht der Marder von unten nur das weisse Bauchfell, der am Himmel kreisende Rabe von oben nur das dunklere Hauptfell. Bei abnehmendem Baumbestand sinkt jedoch auch ihr Nahrungsangebot. Und die Konkurrenz?

Grau- und Vakanshörnchen seien in Ländern, wo sie eingeschleppt wurden, eine Plage und würden dort teilweise als Delikatesse «Poulet der Bäumen» in der Speisekarte beworben, sagt Bürgin. Und wo ist da der Teufel bei so viel Tugendhaftigkeit? «Im Detail», sagt der Museumsdirektor.

«Es lohnt sich, genauer in die Baumwipfel zu schauen – ins Reich der Eichhörnchen.»

Hinweis: www.naturmuseumsg.ch