Kinderkrankheiten beseitigt: Die binäre Uhr am St.Galler Hauptbahnhof zeigt nun die richtige Zeit

Die binäre Uhr hat einen neuen Signalempfänger. Und läuft nun endlich synchron mit Atomuhr und Uhren der SBB.

Diana Hagmann-Bula
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Die binäre Uhr am Hauptbahnhof St. Gallen zeigt nun die richtige Zeit an. Rechnen muss man noch immer.

Die binäre Uhr am Hauptbahnhof St. Gallen zeigt nun die richtige Zeit an. Rechnen muss man noch immer.

Bild: Urs Bucher

Unter ihr niesen und husten die Menschen, putzen sich die verstopfte Nase. Erkältungssaison. Doch die binäre Uhr, die über der St.Galler Bahnhofshalle schwebt, kränkelt kein bisschen. Im Gegenteil: Es geht ihr so gut, wie noch nie. Sie tickt nun sogar gleich wie die Atomuhr. «Und synchron mit den Uhren der SBB, wie es sich gehört für eine Bahnhofsuhr», sagt Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner.

Ein neuer Signalempfänger macht das möglich. «Wir haben ihn im Oktober ausgetauscht», sagt Michael Gächter, Elektroingenieur bei der Goldacher Vosch Electronic AG. Er hat den Mechanismus der Uhr entwickelt. Rechsteiner erklärt:

«Neu empfängt die Uhr das Signal per GPS und nicht mehr über eine Funkantenne.»

Warum haben sich die Projektverantwortlichen nicht von Anfang an für ein GPS-Modell entschieden? Der andere Empfänger habe weniger gekostet und bei den Testläufen reibungslos funktioniert, sagt Gächter. Die Stadt sei dem Vorschlag der Goldacher Firma gefolgt, erklärt Rechsteiner.

«Kinderkrankheiten öffentlich beseitigt»

Von einem interessanten, aber komplizierten Auftrag spricht Elektroingenieur Michael Gächter. Normalerweise würde sein Team grössere Serien entwickeln, die sie im betriebsinternen Labor prüfen. Er sagt:

«Der Mechanismus für die binäre Uhr aber ist ein Unikat und zu gross, um ihn bei uns zu testen. Wir mussten Kinderkrankheiten vor Ort und unter Beobachtung der Öffentlichkeit beseitigen.»

Elektrosmog von Zug- und Trolleybus-Fahrleitungen könne das Uhrensignal übersteuern, vermuteten die Elektroingenieure anfänglich. Später sahen sie die Ursache für die technischen Störungen im neu eingebauten Taubenschutz. Rechsteiner erklärt:

«Es waren wohl eher die Drähte, die wir in den Uhrenkubus einziehen liessen, damit es sich die Tiere dort nicht mehr bequem machen können.»

Zumindest hätten die Probleme an der Uhr zeitgleich mit diesen Arbeiten begonnen. Wie auch immer: Sie tickt nun richtig. Das dürfte alle freuen, die unter ihr durchgehen. Die Kritiker (sie haben vorerst keine zusätzlichen Kosten mehr zu befürchten), die Befürworter (zur Kunst kommt nun noch Funktion) – und Rechsteiner, der sich bestätigt sieht. Er habe schon immer daran geglaubt, dass die binäre Uhr das Ansehen bekomme, das ihr zustehe. «Nun ist das schneller passiert als gedacht.»

Uhr begeisterte Kunstinteressierte von Beginn weg

Die im April 2018 angebrachte, 324'000 Franken teure Installation des St.Galler Künstlers Norbert Möslang begeisterte zwar von Beginn weg Kunstinteressierte. Andere aber hielten sie für «Schwachsinn hoch zwei» oder «total daneben». Jede Panne, jeder Ausfall, eine Genugtuung für die Kritiker. Dabei verliefen die Tests vor Inbetriebnahme erfolgreich. Auch in den ersten Monaten ging alles gut. Doch dann fiel ein Leuchtelement aus, der Sekundenzeiger machte schlapp, die Uhr tickte immer wieder falsch, ging im Vergleich zur Atomuhr einmal ein paar Sekunden vor, einmal nach.

Sie übernahm die Winterzeit nicht. «Kostspieliger Schildbürgerstreich» und «Verschwendung der Steuergelder», nörgelten Kritiker noch lauter – obwohl die Reparaturen unter die zweijährige Garantie fielen. «Wer die binäre Uhr als etwas Hochtechnisches erachtet, erwartet Unfehlbarkeit. Wer sie als Kunstwerk anschaut, nimmt Pannen wohlwollender auf», beschreibt Rechsteiner die Lager. Die Diskussionen sind für ihn bis heute mehr Grund zu Freude als zu Ärger. «Die Uhr wird wahrgenommen.»

Die alte Frau und die moderne Uhr

Auch wenn Entwickler Michael Gächter weiss, dass die Uhr nun funktioniert: Er wirft am Bahnhof St.Gallen dennoch einen prüfenden Blick nach oben. Berufsinstinkt. Als «Uhrendoktor» hat er viele Tipps aus der Bevölkerung erhalten, was die Ursache für die Defekte sein könnte.

«Und eine alte Frau hat mir einen rührenden Brief geschrieben.»

Sie schilderte darin, wie sie in hohem Alter noch gelernt habe, die binäre Uhr zu lesen. Und wie stolz sie darüber sei.

Binäre Uhr wieder defekt: Das Zeiträtsel am St.Galler Bahnhofplatz

Mit der binären Uhr am Hauptbahnhof harzt es immer noch: Am Sonntagabend zeigte das Kunstwerk an der Aussenseite der neuen Ankunftshalle wieder eine falsche Zeit an. Die Stadt sucht erneut den Fehler, der beim Funksignal für die Zeitsynchronisation vermutet wird.
Reto Voneschen