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Kerzenziehen in Rorschach oder das Geduldsspiel im Galluskeller

Immer, wenn es auf Weihnachten zugeht, findet im Rorschacher Galluskeller das traditionelle Kerzenziehen statt. Der «Tagblatt»-Berichterstatter durfte sich jetzt unter die kreativen Kinder mischen und selber Hand anlegen.
Noah Salvetti
Mit vollem Einsatz dabei: Fünftklässler aus Rorschacherberg verzieren ihre selbstgemachten Kerzen. (Bild: Noah Salvetti)

Mit vollem Einsatz dabei: Fünftklässler aus Rorschacherberg verzieren ihre selbstgemachten Kerzen. (Bild: Noah Salvetti)

Es ist wohlig warm im Galluskeller in Rorschach. So warm, dass meine Brillengläser beschlagen, als ich eintrete. Schillernde Kerzen geleiten mich die Treppe hinab in den Keller – Kerzenziehen ist angesagt. Unzählige bunte Jacken hängen an der Garderobe im Eingangsbereich.
Ihre Besitzer, Fünftklässler aus Rorschacherberg, Kinder und Eltern schwirren umher, fleissig wie Bienen. Sie tauchen ihre langen Dochte abermals abwechselnd in heisses Wachs, dann ins Wasserbad. Es gilt: Je kreativer, desto besser. Schliesslich geht es hier um nichts Geringeres als die Gunst derer, die zu Weihnachten mit den selbst gemachten Kerzen beschenkt werden.

Kunstwerke aus Kerzenwachs

Die Kinder lassen sich nicht lumpen: Hier noch etwas Glitzer, da noch ein Sternchen. Sie mischen die wildesten Farben miteinander - Hundertwasser würde grün vor Neid, könnte er diese bunten Kombinationen sehen. Cornelia Callegari von der Katholischen Kirche Region Rorschach sagt:

«Es ist faszinierend, wie hier selbst die lebhaftesten Kinder zur Ruhe kommen und sich voll und ganz auf eine Sache konzentrieren können»

Gemeinsam mit freiwilligen Helfern hat sie die das zur Tradition gewordene Kerzenziehen vor zwei Jahren vor dem Aus bewahrt. Es sei schön anzuschauen, wie Kinder sich hier kreativ austoben könnten. In der heutigen Zeit sei es umso wichtiger, ein Erlebnis für Kinder und ihre Eltern zu bieten.

Angesichts der Ruhe im Saal scheint es, als hätte das Kerzenziehen eine entschleunigende, ja gar meditative Wirkung auf die Kinder - sie wirken in einer Seelenruhe und mit einer Geduld, die ich nicht aufzubringen vermag, als ich mich selbst am Kerzenziehen versuche. Die entspannte Atmosphäre greift auf mich über und äussert sich in einer sich selbst verstärkenden Müdigkeit. Neben den anderthalb Meter grossen Monets und Picassos fühle ich mich geradezu alt.

Immer und immer wieder tunke ich den Docht – mangels Geduld habe ich den kürzesten gewählt – in den mit gelbem Wachs gefüllten Topf, doch sehe ich nur minime Fortschritte.

Freiwilligenarbeit ist unabdingbar

Wesentlich gelassener sieht es einer meiner jüngeren Mitstreiter: Er taucht seine noch junge Kerze in den dampfenden Topf neben mir und lässt sie versehentlich aus den Fingern gleiten. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich schadenfroh oder mitfühlend sein soll und reagiere mit einem neutralen «Oha». Der Primarschüler lässt sich nichts anmerken und startet bereits sein nächstes Projekt. Beneidenswert, dieser Enthusiasmus.

«Ohne freiwillige Einsätze könnten wir das Kerzenziehen nicht durchführen», sagt Cornelia Callegari. Fünf Frauen stehen den Kindern mit Rat und Tat zur Seite und stellen sicher, dass Kerzenwachs und Dochte jederzeit bereitstehen. Die Infrastruktur und das Know-how habe man von den Vorgängern übernehmen können, sagt Callegari. Das Angebot werde rege genutzt, täglich seien Schulklassen angemeldet, Eltern kämen mit ihren Kindern, manche sogar an mehreren Tagen in Folge. Nächstes Jahr werde das Kerzenziehen deshalb um eine halbe Woche verlängert. Eine Kerze sei ein gutes Weihnachtsgeschenk. Cornelia Callegari findet:

«In der heutigen Konsumgesellschaft ist es schön, etwas Handgemachtes zu verschenken»

Dieser Ansicht ist auch Primarlehrer Ralph Gämperle, der seine Klasse an jenem Nachmittag begleitet.

Die bunten Jacken an der Garderobe sind inzwischen verschwunden. Meine Kerze ist endlich fertig – mit den Kreationen der Kinder kann sie nicht mithalten. Etwas neidisch bin ich ja schon, zugegeben.

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