Kellerbühne
Die tickenden Zeitbombe des Älterwerdens: Zwischen Liebesrausch und Herzattacke

Mit dem Musical «Forever Young» bringt die Theatergruppe scaena eine Schweizer Erstaufführung auf die Kellerbühne in St.Gallen. Premiere war am Silvester-Samstag..

Markus Wigert
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Die Schauspielerinnen und Schauspieler brillieren auf der Kellerbühne, die für dieses Stück einen ganz speziellen nostalgischen Charme verbreitet.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler brillieren auf der Kellerbühne, die für dieses Stück einen ganz speziellen nostalgischen Charme verbreitet.

Bild: Arthur Gamsa

Der Wunsch nach ewiger Jugend ist so alt wie die Menschheit. Wer wünscht sich nicht, der tickenden Zeitbombe des Älterwerdens ein Schnippchen zu schlagen. In genau dieser Situation befinden sich die fünf ergrauten Herren, welche sich in der Altstadtbeiz Zum Engel treffen. Als dann noch drei attraktive junge Frauen dazukommen, setzt sich im Musical der Theatergruppe scaena eine bemerkenswerte Dynamik in Gang, und das musikalische Happening beginnt überraschende Kapriolen zu schlagen.

Hannes, der alternde Beau, der Wirt Leo, die beiden Schachspieler Harry und Josef und der ehemalige Spitzenfussballer Anton überbieten sich mit ihren grotesken – zwischen Spätpubertät und Frühgeriatrie schwankenden – Auftritten. Pillen und Tropfen stets in Reichweite mäandrieren sie zwischen Liebeswerben und Herzattacke. Mit einem eruptiven Hustenanfall oder einem Kreislaufkollaps ist jederzeit zu rechnen.

Balzwettkampf mit St.Galler Lokalkolorit

Der Wirt Leo (Bruno Broder) macht bei diesem Balzwettkampf nicht wirklich mit. Lieber philosophiert er mit viel St.Galler Lokalkolorit über die Bratwurst, den Schüblig und die dünner werdende Zeitung, die dem Leser immer weniger Zeit stiehlt. Umwerfend wie er der attraktiven, aber intriganten Vegetarierin Hedwig (Carina Hosch) einen Appenzeller Käseteller schmackhaft macht. Für den Wiener Schmäh des von Franz Wittenbrink für das Theater in der Josefstadt in Wien komponierten Musicals ist der schlitzohrige Schachspieler Josef (Thomas Hürlimann) zuständig. Der alternde Beau (Mischa Dell’ Agnese) kann den ehemaligen Schürzenjäger nicht verbergen und wird von jedem Rockzipfel magisch angezogen. Mit jedem neuen Love-Song mutiert er zum unwiderstehlichen Tiger. Stets eifersüchtig beobachtet und zurechtgewiesen von seinem Rivalen Harry (Marco Ciorciari).

Vor allem der undurchsichtigen Giftmischerin Hedwig kann Harry nicht widerstehen, was ins Auge hätte gehen können. Nur knapp entgeht er ihrer hinterhältigen Attacke. Dauerumworben sind auch die beiden anderen Frauen des Stücks: Antons Pflegehilfe Rubina (Manuela Gerosa) und Fränzi (Seraina Stark), die Enkelin des Wirts. Gekonnt und stilsicher sind ihre Gesangsauftritte.

Popsongs, Operetten und Musicalhits

Zusammengehalten wird das Musical von über 40 Liedern verschiedenster Stilrichtungen, die als wichtiger zusätzlicher Protagonist des Stücks wirken: Popsongs, Operettenmelodien, Schlager, Musicalhits und Wiener Kaffeehausmusik, darunter auch der Titelsong der Gruppe Alphaville, übernehmen einen tragenden Teil des Plots. Von Anfang an sorgen die drei Instrumentalisten Peter Stricker (Klavier, Akkordeon, musikalische Leitung), Thomas Berchtold (Cello) und Franz Knupp (Saxofon, Klarinette) für gute Stimmung im altehrwürdigen Gewölbe. Mit ihrer einfühlsamen musikalischen Präsenz begleiten sie das Bühnengeschehen. Dabei reicht die Palette vom unvergesslichen «Love me tender» über «Knocking on heaven’s door» bis zu einer Adaptation vom «Schacher Seppeli», den Anton (Oskar Sturzenegger) im Dress des FC St.Gallen vorträgt und sich bei Petrus als ehemaliger Fussballstar anmeldet. Neben den vielen Gesang-Solos sind vor allem die drei Frauen immer wieder als mehrstimmige Back-Vocal-Formation zu hören und setzen damit dem knackigen Musical das Sahnehäubchen auf.

Premierenaufführung des Theaterstücks «Forever Young» in der Kellerbühne in St. Gallen.

Premierenaufführung des Theaterstücks «Forever Young» in der Kellerbühne in St. Gallen.

Bild: Arthur Gamsa

Die Bühne, welche die Welt bedeutet

Für einmal soll auch das Bühnenbild von Köbi Rohrer eine eingehende Würdigung erfahren. Was in tage- und nächtelanger Arbeit entstanden ist, kann man als charmante, in der Realität kaum mehr anzutreffende Gaststube bezeichnen. Klein, heimelig und etwas miefig, mit einem ganz speziellen nostalgischen Charme. Für die gesamte Inszenierung von «Forever Young» ein nicht unbedeutender Faktor. In dieser eher spiessigen Atmosphäre entfalten die liebestollen Kapriolen der fünf alternden Protagonisten eine Situationskomik, bei der dem Publikum das verschmitzte Lachen immer wieder im Halse stecken bleibt.