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Dieser St.Galler hat keine Adresse, aber 50 Affen

Vom Banker zum Oberaffen: Urs Büchler lebt seit Jahren in Bolivien. Auf Stippvisite daheim in St. Gallen erzählt er, warum er ausgewandert ist und weshalb er sich manchmal selbst in einen Käfig sperrt.
Malolo Kessler
Urs Büchler mit einigen seiner Affen. (Bild: PD)

Urs Büchler mit einigen seiner Affen. (Bild: PD)

Es war nicht die Liebe. Auch nicht die Sonne. Sondern am ehesten einfach nur der Zufall, der Urs Büchler vor 15 Jahren in seine neue Heimat führte, mehr als 10000 Kilometer Luftlinie entfernt, nach Bolivien. Ausgerechnet ihn, das Antitalent in Spanisch, den erfolgreichen selbstständigen Anlageberater.

Der 68-Jährige sitzt im Restaurant des Gallusmarkts, im grasgrünen T-Shirt, frisch rasiert, schweizerisch zuverlässig einige Minuten vor der vereinbarten Zeit. Das, sagt er, sei etwas, das er in seiner neuen Heimat manchmal vermisse: Pünktlichkeit. «Sonst nichts.»

Ein Teil seines Landes, wo bald ein Tierpark entstehen soll. (Bild: PD)

Ein Teil seines Landes, wo bald ein Tierpark entstehen soll. (Bild: PD)

2000 Hektaren Land als erste Investition

Urs Büchler ist in Aadorf aufgewachsen. Wenn er in der Schweiz ist, dann aber immer in St. Gallen, wo seine Mutter und seine Schwester leben. 1970 machte er als 20-Jähriger seine erste Reise nach Sri Lanka, später ging es nach Australien, Südamerika, Afrika und Asien. «Gereist bin ich immer gerne», sagt Urs Büchler. Aber für immer irgendwo bleiben, das war nie der Plan, nie der Traum. In der Schweiz arbeitete er nach einer Banklehre für Zürcher Grossbanken und machte sich in den 90er-Jahren selbstständig. «1994 suchte ich eine Möglichkeit, mein an der Börse verdientes Geld anzulegen», erzählt Büchler. «Ich wollte in Immobilien investieren, aber hier war der Zeitpunkt nicht günstig. Also suchte ich nach Alternativen.» Ein Bekannter erzählte ihm von den Landpreisen in Bolivien. «Also bin ich rüber und habe 2000 Hektaren Land gekauft. Für relativ wenig Geld.» Und ohne zu wissen, dass er viel davon wieder verlieren würde.

Denn im Jahr 2006 kam eine linke Regierung an die Macht, die beschloss, dass das Land bewirtschaftet werden müsste. «Das konnte ich nicht, weshalb mir viel Land enteignet wurde.» Büchler, er sagt, er habe einen «harten Schädel», gab nicht auf. An einem anderen Ort, nahe der Stadt Santa Cruz, kaufte er neues Land. Und langsam manifestierte sich die Idee, dorthin auszuwandern. Mit dem Land etwas zu machen. Da brachte ihn ein Deutscher Biologe auf jene Idee, deren Umsetzung heute sein Leben ist: Ein Auffangzentrum für Wildtiere zu schaffen.

Wildkatze im Schulzimmer

Vor bald zehn Jahren, inzwischen hatte er seinen Wohnsitz fest nach Bolivien verlegt, gründete er «AFASI». Ziel dieser Stiftung ist es, aus illegaler Haltung oder den Händen von Tierschmugglern befreiten Wildtieren ein artgerechtes Leben zu bieten. «In Bolivien ist es verboten, privat Wildtiere zu halten. Gemacht wird es trotzdem.» Da gab es das Paar, das sich ein Äffchen kaufte, weil es keine Kinder bekommen konnte. Es war schnell überfordert und sperrte es in einen winzigen Käfig. Da gab es den Lehrer, der eine Wildkatze im Schulzimmer hielt, um zu demonstrieren, wie schön die bolivianische Natur ist. Zwei Beispiele von unzähligen, die der Auswanderer erlebt hat. Büchler, sonst stets ein irgendwie verschmitztes Lächeln auf den Lippen, kneift diese zusammen, schüttelt den Kopf. «Schlimm.» In Fällen wie diesen greife der Staat ein, beschlagnahme die Tiere und bringe sie schliesslich zu ihm. Dort verbringen sie dann ihren Lebensabend. «Ist ein Tier einmal an Menschen gewöhnt, kann es nicht mehr ausgewildert werden.»

Auf Büchlers 45 Hektaren, irgendwo im Nirgendwo, ohne Adresse und eine Autostunde von Santa Cruz entfernt, leben mittlerweile 200 Tiere. Wildschweine und Schildkröten, Kaimane, Nasenbären, Papageien, Pumas, Wildkatzen, Füchse und 50 Affen. Wobei Letztere nicht bei ihm auf dem Land leben – eher lebt Büchler auf dem Land der Affen. «Sie sind aufgrund ihrer Geschichte natürlich halb zahm», sagt er, deutet auf sein Wasserglas. «So etwas haben wir deshalb schon lange nicht mehr, nur noch Becher. Alles andere wird stibitzt.» Und nicht nur das: Büchler hat sich selbst einen Käfig gebaut, in dem er sich einschliessen kann, will er in absoluter Ruhe in der Hängematte einen Kaffee trinken. Dennoch: Er sei klar der Oberaffe, der Chef. Als solcher beschäftigt er drei Mitarbeitende, seine bolivianische Partnerin hilft auch mit. Die Stiftung finanziert er aus seiner Altersvorsorge und über Gönnerbeiträge. «Hier kann man mit wenig Geld sehr viel machen.» Ziel sei, einen Tierpark wie jenen in Arth Goldau aufzubauen und so finanziell unabhängig zu werden.

Ein Leben, das «Abenteuer pur» ist

Sein Leben in Bolivien beschreibt er mit zwei Worten, die er an diesem Nachmittag immer wieder sagt. Immer strahlend: «Abenteuer pur.» Ein Leben hier kann er sich nicht mehr vorstellen. Seine Tiere brauchen ihn, sagt er. «Und», Büchler deutet nach draussen, wo es 30 Grad hat, «wir haben acht Monate solches Wetter». So ist er am Ende vielleicht nicht der Liebe, der Sonne wegen gegangen. Aber geblieben schon.

www.fundacionafasibolivia.org

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