Die nüchterne Schönheit des Rechts

ST.GALLEN. Der Kanton St.Gallen hat gestern den Neubau des Bundesverwaltungsgerichts an den Bund übergeben. Nach dreieinhalbjähriger Bauzeit sind der dreizehnstöckige Turm und sein länglicher Sockelbau bezugsbereit; das Gericht nimmt den Betrieb nach etappenweisem Umzug erst Anfang Juli auf.

Marcel Elsener
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Schlüsselübergabe BVG Neubau Bundesverwaltungsgericht, Architekturrundgang (Bild: HANSPETER SCHIESS)

Schlüsselübergabe BVG Neubau Bundesverwaltungsgericht, Architekturrundgang (Bild: HANSPETER SCHIESS)

ST. GALLEN. Noch ist das Personal nicht eingetroffen, und auch die Möbel fehlen noch, von den Tausenden Akten und Büchern ganz zu schweigen. So blieb der tägliche Betrieb, der künftig im grössten Gericht der Schweiz herrscht, bei der Schlüsselübergabe (in Form einer überdimensionierten Chipkarte) abstrakte Vorstellung – ähnlich wie die Ostschweiz für die meisten der 75 Richterinnen und Richter sowie 320 Mitarbeitenden wohl erst nebelhaft konturiert ist. Oder gar mit negativen Vorurteilen behaftet, wie es zuletzt Thema in den Medien war. Möglich allerdings, dass der gestern in höchsten Tönen gelobte Neubau der Frauenfelder Architekten Astrid Staufer und Thomas Hasler den «Umzugsunmut» verfliegen lässt, oder wie ein Besucher meinte: «An diesen Arbeitsplätzen kann es nicht liegen, wenn es den Beamten aus Bern bei uns nicht gefällt.»

«Ausserordentlich schöner Bau»

Von der halböffentlichen Eingangshalle mit ihrer repräsentativen, aber nicht aufgesetzten Erhabenheit und den zweigeschossigen «Pool»-Räumen der fünf Abteilungen über die Bibliotheken und Gerichtssäle bis zu den nüchternen Richter-, Schreiber- und Sekretariatsbüros ist der 106-Millionen-Bau mit seinem 50 Meter hohen Turm und dem in den Hang gelassenen Sockelbau ein architektonisches Ereignis, das über die Ostschweiz hinaus strahlt. Die Verbindung von Sichtbeton, Glas, unbemaltem Gips und Holz, das Lichtkonzept und die sorgfältig «dekorativen» Terrazzo-Steinböden dürften auch die Fachkritik begeistern.

Der Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, Markus Metz, der selber im Frühling von Binningen BL nach Teufen AR zieht, sprach von einem «ausserordentlich schönen Bau», der die heute auf drei Standorte verteilte Arbeit «wesentlich erleichtern» werde. Auch trete das Gericht erstmals einheitlich gegen aussen auf und habe eine «Corporate Identity».

«Ritterschlag für Baubranche»

Mit dem grossartig am Fuss des Rosenbergs gelegenen Bauwerk zeige sich die Ostschweiz «von ihrer besten Seite», freute sich der St. Galler Baudirektor Willi Haag. Die Eröffnung nach dreijähriger Planungs- und dreieinhalbjähriger Bauzeit sei ein Verdienst aller Ostschweizer Kantone und bedeute gleichzeitig einen «Ritterschlag für die regionale Baubranche». An den «Politkrimi» mit den harterkämpften Parlamentsentscheiden in Bern erinnerte auch der St. Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin: Vor zwölf Jahren habe ein Brief der damaligen Bundesrätin Ruth Metzler im Rathaus eine «ziemliche Hektik ausgelöst».

Von den eiligst zusammengestellten Dokumenten, die die Grundlage für die Bewerbung waren, bis zum jetzigen «Glücksfall» auf der Chrüzackerwiese, wo im gezeigten Fernsehbeitrag noch Brombeeren blühten, war es ein weiter Weg. Und es werden noch Monate vergehen, bis das Gericht am 2. Juli seinen Betrieb an allen 400 Arbeitsplätzen aufnimmt. An der Einweihung des Baus am 27. April – und dem Tag der offenen Tür für die Bevölkerung (28.4.) dürfte auch die Kunst am Bau bekannt werden; es soll «eine Künstlerin aus der Ostschweiz» sein.

Ob die Begeisterung über den Gerichtsbau die ganze Ostschweiz beflügelt, wird sich weisen, doch selbstbewusste Kommentare wie jener online im «Tages-Anzeiger» könnten zunehmen: «Die Stadt St. Gallen ist das gemütlichere Zürich, das jüngere Luzern, das schönere Basel und das weniger verschlafene Bern.»

Schlüsselübergabe BVG Neubau Bundesverwaltungsgericht, Architekturrundgang (Bild: HANSPETER SCHIESS)

Schlüsselübergabe BVG Neubau Bundesverwaltungsgericht, Architekturrundgang (Bild: HANSPETER SCHIESS)

Die Räume im Bundesverwaltungsgericht in diskreten Farben: Vorzone Richterbüro, Bibliothek, grosser Gerichtssaal, Pool-Raum einer Abteilung (von oben links, im Uhrzeigersinn). (Bilder: Hanspeter Schiess)

Die Räume im Bundesverwaltungsgericht in diskreten Farben: Vorzone Richterbüro, Bibliothek, grosser Gerichtssaal, Pool-Raum einer Abteilung (von oben links, im Uhrzeigersinn). (Bilder: Hanspeter Schiess)

Schlüsselübergabe BVG Neubau Bundesverwaltungsgericht, Architekturrundgang (Bild: HANSPETER SCHIESS)

Schlüsselübergabe BVG Neubau Bundesverwaltungsgericht, Architekturrundgang (Bild: HANSPETER SCHIESS)