"Negative Reaktionen nehmen wir in Kauf"

ST.GALLEN. Der SC Brühl lässt am 9. Mai alle Flüchtlinge aus der ganzen Ostschweiz gratis zum Spiel gegen Tuggen ins Stadion. SCB-Präsident René Hungerbühler über die Aktion, Flüchtlingsdramen im Mittelmeer und mögliche Kritik an seinem Verein.

Daniel Walt
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René Hungerbühler, Präsident Brühl. (Bild: Hanspeter Schiess)

René Hungerbühler, Präsident Brühl. (Bild: Hanspeter Schiess)

Herr Hungerbühler, welche Reaktionen haben Sie bisher auf die Idee erhalten, allen Flüchtlingen Gratiseintritt für das Heimspiel gegen Tuggen zu gewähren?
René Hungerbühler: Das Echo war bisher nur positiv. Ich habe persönliche Rückmeldungen erhalten, und auch auf den sozialen Medien wie beispielsweise Twitter gibt es viele Komplimente für die Aktion.
 
Welches Lob freut Sie am meisten?
Hungerbühler:Jemand schrieb im Internet, der SC Brühl gehöre in keine andere als in die höchste Liga der Herzen.
 
Wer hatte die Idee zu dieser speziellen Aktion?
Hungerbühler: Die Vereinsleitung hat mein Anliegen besprochen und sich entschieden, es umzusetzen.
 
Waren die jüngsten Flüchtlingstragödien im Mittelmeer der Auslöser für Sie, aktiv zu werden?
Hungerbühler: Ja. Die Aktion ist allerdings eingebettet in eine Gesamtphilosophie unseres Vereins. Der SC Brühl ist als Träger des Qualitäts- und Integrationslabels "Sport verein-t" dazu verpflichtet, Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und Religion zu integrieren. Wir haben schon in der Vergangenheit immer wieder diesbezügliche Projekte realisiert. So unterstützen wir beispielsweise Kinder in Ghana. Man kann nicht jede Woche etwas in diesem Bereich machen – aber immer wieder, je nach Aktualität.
 
Die Geschichte des SC Brühl ist untrennbar mit dem Namen Paul Grüninger verknüpft, der für den Club spielte. 1938 und 1939 war er als Flüchtlingshelfer aktiv. Spielte das auch eine Rolle für die jetzt angekündigte Aktion?
Hungerbühler: Das ist so. Der SC Brühl ist ein Verein, welcher sich der Geschichte verpflichtet fühlt. Den roten Faden aus der Vergangenheit wollen wir weiterspinnen.
 

René Hungerbühler, Präsident Brühl. (Bild: Hanspeter Schiess)

René Hungerbühler, Präsident Brühl. (Bild: Hanspeter Schiess)


Das Klima gegenüber Flüchtlingen ist in der Schweiz zunehmend rau geworden. Die Aktion Ihres Vereins dürfte nicht überall gut ankommen.
Hungerbühler: Unsere Aktion ist nicht politisch. Es geht uns um die einzelnen Menschen, denen wir signalisieren wollen, dass sie im Club willkommen sind. Wir sind uns aber bewusst, dass es negative Reaktionen geben könnte. Wir nehmen sie in Kauf.
 
Vereine, speziell im Sport, spielen eine wichtige Rolle bei der Integration von Ausländerinnen und Ausländern. Welche Erfahrungen macht der SC Brühl diesbezüglich?
Hungerbühler: Das regelmässige Arbeiten miteinander auf dem Fussballplatz ist eine der besten Integrationsmöglichkeiten für Kinder, aber auch für deren Eltern. In einer Mannschaft spielt es keine Rolle, woher jemand kommt.
 
Wo verschiedene Kulturen aufeinander prallen, kann es aber auch Probleme geben.
Hungerbühler: Natürlich. Das sind aber Probleme, die man leicht lösen kann. Bei grösseren Schwierigkeiten haben wir eine vereinsinterne Kriseninterventionsstelle. Sie schaut, welche Verbesserungsmöglichkeiten es bei Problemen mit Spielern gibt. Das kann aber genauso gut einheimische wie ausländische Mitglieder betreffen.
 
Wie machen Sie die Gratisaktion bei den Flüchtlingen bekannt?
Hungerbühler: Wir haben die Asylzentren in der Ostschweiz angeschrieben und werden im Vorfeld des Spiels auch in Inseraten auf diese Aktion hinweisen. Zudem verbreiten sich solche Dinge über die sozialen Medien rasch.
 
Mit wie vielen Flüchtlingen rechnen Sie am Match gegen Tuggen?
Hungerbühler:Wenn 100 kommen, ist das für uns schon ein Erfolg.
 
Wird der SC Brühl spezielle kulinarische Angebote für Menschen aus anderen Kulturkreisen machen, denen die laut einem Fanreport beste Bratwurst der Schweiz nicht schmeckt?
Hungerbühler: Nein. Wir hatten schon bisher Zuschauer aus den verschiedensten Kulturkreisen. Wir ziehen diese Aktion nicht speziell gross auf – die Flüchtlinge werden an diesem Spiel einfach begrüsst und sollen dann 90 Minuten guten Fussball sehen.
 
Und wie steht es rund ums Thema zusätzliches Sicherheitspersonal?
Hungerbühler: Vielleicht werden wir ein, zwei Personen mehr an den Eingängen einsetzen. Die zwei Security-Mitarbeiter, die an jedem Spiel dabei sind, reichen aber auch für diesen Match. Wir haben keine Angst, dass es Probleme geben könnte.