Meienberg weiterlesen

ST.GALLEN. Eine Gedenkausstellung mit Veranstaltungsreihe zum 20. Todestag als Wiederbegegnung mit Werk und Wirkung des St.Galler Journalisten, Historikers und Schriftstellers Niklaus Meienberg – ab Freitag im Kulturraum am Klosterplatz.

Marcel Elsener
Drucken
Teilen
Das private Foto auf dem Plakat signalisiert die Bedenken der Ausstellungsmacher: Nein, Meienberg nicht als Figur, nicht als «Berserker», bitte keinen Personenkult! (Bild: Loris Scola)

Das private Foto auf dem Plakat signalisiert die Bedenken der Ausstellungsmacher: Nein, Meienberg nicht als Figur, nicht als «Berserker», bitte keinen Personenkult! (Bild: Loris Scola)

Zurück im Schulzimmer mit Meienberg, ist man versucht zu sagen, mit gehörigem Stirnrunzeln und Zungenschnalzen. Unmittelbar «im Schatten der Klostertürme, im Herzen St.Gallens, dort beim Steinachwasserfall, wo Gallus gestolpert und dann auf die Idee gekommen war, die Gegend mit Christentum zu überziehen», nur ein Hofrasen entfernt von der katholischen Sekundarschule, wo Meienberg zur Schule ging, wird die Ausstellung zum 20. Todestag des bedeutendsten St.Galler Journalisten und Schriftstellers eingerichtet.

Niklaus Meienberg, nach seinem Fotografen-Freund Roland Gretler im Kulturraum am Klosterplatz; zurück in der «dreimal gottvergessenen bleichen Heimat», wie er sie 1981 beschrieben hat. Die «Furglercity» hat ihm, nach vielen Anfeindungen, seine ernsthafte Auseinandersetzung – St.Gallen als Stoff neben Paris oder New York – längst verdankt: mit dem Kulturpreis (1990) und mit der Meienbergstrasse (2006).

Das Werk im Mittelpunkt

Und jetzt mit einer Ausstellung, der ersten zu seiner Person überhaupt? Nicht doch – erstens ist es nicht die Stadt, sondern der Kanton, der sie ausrichtet, und zweitens geht es nicht um die Person und den Mythos Meienberg, wie Ausstellungsmacher Stefan Keller anmerkt. Sondern um das Werk und das Leben, die Gesellschaft und die Zeit, in der es entstand. «Wir werden Meienberg weder de- noch re-konstruieren», heisst es im Konzept, «sondern erst einmal einer jüngeren Generation ins Bewusstsein rufen, seine Arbeit untersuchen und in Zusammenhänge stellen.»

Die «Gedenkausstellung» – Meienberg ging im September 1993 im Zustand zunehmender Verzweiflung 50jährig in den Freitod – als «Einladung zur Wiederentdeckung eines Autors», so Keller. «Wir geben Hinweise, empfehlen <Lest doch mal> und schaut, wie ihr zu diesem Werk steht und wie wichtig es heute sein könnte.» Weniger kommentierend als vielmehr animierend. Fragen nach der Relevanz von Werk und Mitteln führen in die Gegenwart: Wie schriebe «ein Meienberg» heute über Bremgarten oder Sotschi, was erforderte die journalistische Demontage der Machtverhältnisse auf Seiten der «kleinen Leute»?

Die Texte auf ihre Aktualität abzuklopfen müsse nicht in einem kulturpessimistischen Lamento enden, meint Keller. Vielmehr wären die Unterschiede zu damals zu untersuchen, beispielsweise sei die Schweiz nicht mehr so personalisierbar und auch der Rohstoffplatz Zug längst anonymisierter als zu Zeiten Meienbergs.

Der Ausstellungstitel ist keine neudeutsche Behauptung à la M. revisited oder reloaded, sondern eine offene Frage: Warum Meienberg? Und Pourquoi, als Referenz an seine Fribourger und Pariser Jahre. «Wir wollen gluschtig machen auf einen der wichtigsten Schweizer Intellektuellen des 20. Jahrhunderts», sagt Keller und meint mit «wir» die jüngeren Gestalter Johannes Stieger und Michael Schoch sowie Ursula Badrutt vom Kulturamt und (Noch-)Kantonsbibliothekar Cornel Dora, der die Ausstellung mit dem Literaturarchiv angedacht hatte.

Die grossen historischen Texte

Das Archiv stieg dann aus, Keller wurde als Ausstellungsmacher empfohlen von Loris Scola, Freundin und Universalerbin Meienbergs, und Marianne Fehr, Journalistin und Meienberg-Biographin. Ein Thurgauer Protestant als logische Besetzung für den katholischen St.Galler Brocken – Meienberg hatte den jungen Historiker einst als Redaktor der WOZ vorgeschlagen. Die Anfrage freute Keller, aber sie liess ihn auch schaudern: Das «erbärmliche Verrecken» des befreundeten Journalisten sei ihm nahe gegangen und habe ihn «hässig gemacht, auch auf ihn, und dann habe ich mich zwanzig Jahre nicht mehr intensiv mit ihm beschäftigt».

Einen ersten neuen Blick wagte Keller mit einer feinen Grussadresse zum Siebzigsten (2010), in der er sich fragte, was der Strubbelkopf, «als Greis nicht vorzustellen», aktuell sagen würde, «zur Finanzkrise, zur Medienkrise, zum herbeigepredigten Clash der Kulturen…». Meienbergs Texte wiederzulesen habe ihn eine «gewisse Angst» überwinden lassen müssen, sagt Keller. Schon nach der Lektüre des «Schmettern des gallischen Hahns» und der «Reportagen aus der Schweiz» war er überzeugt, dass «vieles gut und gut gealtert» sei; mit Abstrichen «da, wo er um sich kreist». Nach wie vor «haarsträubend gut» seien die drei grossen historischen Recherchen – zum als Landesverräter hingerichteten St.Galler Arbeiter Ernst S., zum jurassischen Hitler-Attentäter Bavaud und zum General Wille und seinem Clan.

Long ago oder brandaktuell?

«It seems so long ago, wie Leonhard Cohen sagen würde», schrieb Meienberg über seine Schulzeit in «Aufenthalt in St.Gallen (670 m ü. M.)» – auch dies ein «frischer» Lesegenuss. Meienberg-Texte wieder unter die Leute gebracht hat in St.Gallen zuletzt das Theater am Tisch. Ihre Collage «Niklaus, du öbertriebscht» lasen Diana Dengler, Willi Häne und Marcus Schäfer 2009 zum 15. Todestag am Wortlaut-Festival; nun folgte im vergangenen Mai die Wiederaufnahme im Palace, als «Prelistening» zur Ausstellung.

Wie wirken die Texte, long ago oder brandaktuell? Für den 2001 zugezogenen Schauspieler Marcus Schäfer ist die Antwort klar: Die Texte des «Feuerkopfs» hätten «immer noch eine ungeheure Kraft und Energie», die man beim Vorlesen spüre, «die kommt auch aus seiner Lust, den Finger in die Wunde zu legen». Der Norddeutsche zeigt sich «begeistert von seinem klaren Standpunkt und von der heute so ungewohnt radikalen Subjektivität in den Texten, die mir Zugang verschafften zur jüngeren Schweizer Geschichte».

Mit Schäfers Begeisterung allein an interessierte Zugewanderte und Spätgeborene gedacht, dürfte die Einrichtung «im Schatten der Klostertürme» einige Wirkung erzielen. Als gut eingefädelte Einladung, Meienberg weiter zu lesen und zu denken. Oder um es mit zwei Lesebuch-Titeln zu sagen: Genug «Zunder» stellen diese «Heimsuchungen» gewiss bereit.

Meienberg 1990 bei der St. Galler Preisübergabe mit Stadtpräsident Christen &ndash; und als junger Bücherfreund. (Bilder: Regina Kühne/Limmat Verlag)

Meienberg 1990 bei der St. Galler Preisübergabe mit Stadtpräsident Christen – und als junger Bücherfreund. (Bilder: Regina Kühne/Limmat Verlag)

Niklaus Meienberg - Ausstellung St.Gallen Bildnachweis: Limmat Verlag

Niklaus Meienberg - Ausstellung St.Gallen Bildnachweis: Limmat Verlag

Aktuelle Nachrichten