Der Rabbi, der mit Gott ringt

ST.GALLEN. Die Jüdische Gemeinde St.Gallen hat einen neuen Rabbiner: Der 79jährige Tovia Ben-Chorin ist bekannt durch sein Engagement im interreligiösen Dialog. Ein verwundeter ägyptischer Offizier im Sechstagekrieg brachte ihn dazu.

Daniel Klingenberg
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Rabbiner Tovia Ben-Chorin hat auf den 1. Juli bei der Jüdischen Gemeinde St. Gallen die Nachfolge von Rabbiner Hermann Schmelzer angetreten. (Bild: Michel Canonica)

Rabbiner Tovia Ben-Chorin hat auf den 1. Juli bei der Jüdischen Gemeinde St. Gallen die Nachfolge von Rabbiner Hermann Schmelzer angetreten. (Bild: Michel Canonica)

Durch das offene Fenster in der Nähe des Bahnhofs St.Gallen weht ein schwacher Wind. Die Worte von Tovia Ben-Chorin füllen den schmalen Raum mit Gedanken über 4000 Jahre jüdischer Geschichte, eine Jugend im Jerusalem der 1940er-Jahre und ein Leben als Rabbiner in Israel, England, Deutschland und der Schweiz. Er redet nahezu druckreif, seine Erzählungen haben einen Sog, die Stimme ist eine Melodie. Am Beispiel der Musik beschreibt er auch seine Position als liberaler Rabbi. «Für mich ist die Bibel als Ganzes göttlich inspiriert, wie Musik oder Kunst eine Inspiration des Schöpfers hat. Wäre ich ein orthodoxer Rabbi, müsste ich sagen, jedes Wort der fünf Bücher Mose wurde von Gott diktiert.»

Denken ist Freiheit für Tovia Ben-Chorin, sein Nachname bedeutet «Sohn der Freiheit». Er sagt: «Es gibt kein Patent im Glauben.» Und: «Eine Frage, die echt ist, ist niemals peinlich.» Denken ist aber kein einsames Geschäft, es ist Dialog, es braucht ein Gegenüber. Der Religionsphilosoph Martin Buber sagte: «Der Mensch wird am Du zum Ich.» Ben-Chorin sagt: «Mit meiner Frau bin ich seit unserer Heirat vor 52 Jahren in einem Gespräch. Alles, was ich sage, ist im Dialog mit ihr entstanden.»

Der Sohn des berühmten Vaters

Tovia Ben-Chorin ist 79 Jahre alt, am 1. Juli hat er seine neue Stelle als Rabbiner der Jüdischen Gemeinde St.Gallen mit rund 100 Mitgliedern angetreten. Wird ein Rabbi nicht pensioniert? «Solange mir der Schöpfer Kraft gibt, arbeite ich.» Ein 87jähriger Rabbiner sagte ihm auf die Frage, wann es Zeit sei, in Pension zu gehen: «Wenn Du es nicht mehr brauchst, gebraucht zu werden.» So hält es der vitale neue St.Galler Rabbi auch und witzelt: «Ich bin nicht ganz im Ruhestand.»

Ben-Chorin engagiert sich stark im interreligiösen Dialog, er bekam dafür einen Ehrendoktortitel, und sein Name ist in der religiösen Welt bekannt. Noch bekannter ist aber sein Vater, Schalom Ben-Chorin. Der 1999 verstorbene Journalist und Religionswissenschafter hat 1967 mit «Bruder Jesus» eines der ersten Jesus-Bücher aus jüdischer Sicht geschrieben. Wie ist es, Sohn eines berühmten Vaters zu sein? «Ich war gespannt, ob Sie diese Frage auch stellen», sagt Tovia Ben-Chorin und lacht herzlich. «Mein Vater war mein erster Lehrer. Aber ich identifiziere mich stärker mit dem biblischen Jakob. Im ersten Buch Mose gibt es eine Stelle, in der Jakob mit Gott und Menschen ringt und so den Namen <Israel> bekommt. Dieses Ringen begleitet mich durch das ganze Leben.»

Vom Panzer zum Dialog

Es ist ein Ringen darum, das Leben mit der Treue zur Tradition und den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts verantwortungsvoll zu leben. Diese Verantwortungsethik steht für Ben-Chorin in den ersten Kapiteln der Bibel. «Die Schöpfungsgeschichte ist ein Mythos, der eine existenzielle Wahrheit hat. Diese lautet: Ich bin ein Teil der Schöpfung, darum bin ich verantwortlich für sie.»

Die Lebensgeschichte von Tovia Ben-Chorin ist auch eine Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Vater emigriert 1935 aus Deutschland nach Jerusalem, Tovia kommt 1936 dort zur Welt. In seinem Elternhaus sitzen Intellektuelle wie der Kafka-Biograph Max Brod am Mittagstisch, es herrscht ein weltoffener Geist.

Der Jugendliche erlebt 1948 die belagerte Stadt Jerusalem und im selben Jahr die Gründung des Staates Israel. Nach dem Militärdienst als junger Mann sagt er zu seinem Vater: «Wir beten Sachen, von denen Du und ich wissen, dass wir nicht daran glauben.» Zum Beispiel zum Thema Opferung im Tempel. Sein Vater gründet bald darauf 1958 die erste liberale jüdische Gemeinde in Jerusalem. Als Rabbiner des progressiven Judentums muss Ben-Chorin weiter Militärdienst leisten. Im Sechstagekrieg sitzt er 1967 im Panzer und hat in einem Gespräch mit einem verwundeten ägyptischen Offizier ein entscheidendes Erlebnis. «Er fragte: Hat man Sie gefragt, ob Sie in den Krieg gehen wollen? Ich sagte: Nein, es war ein Befehl. Und so war es auch bei ihm. Darum glaube ich, man muss alles tun, um miteinander in einen Dialog zu kommen.»

Tovia Ben-Chorin sagt auch: «Dass ich im Krieg war, ist Teil meines Lebens. Ich muss bis am Ende meiner Tage damit leben, dass ich mitgeholfen habe, zu töten.» Diese Erfahrung führt ihn zum interreligiösen Dialog in Israel und Europa. Ein Engagement, das mit seinem Vater und ihm und seinen beiden Söhnen bereits die dritte Generation der Familie bewegt. Einer seiner Söhne ist ebenfalls Rabbi: «Er hat sogar schon in einer Moschee in Haifa gepredigt.»

Die Schweiz als Modell

Tovia Ben-Chorin hat auch eine klare Meinung zum heutigen Staat Israel. Einerseits ist die Staatengründung für ihn die Verwirklichung einer Offenbarung und nach den Zerstörungen des ersten und zweiten Tempels der dritte Versuch, einen Staat zu entwickeln. «Aber es ist ein sehr junger Staat, der mit seiner Existenz ringt. Es braucht eine Zwei-Staaten-Lösung. Israel muss einen Weg finden, um mit den anderen Nationalitäten zusammenzuleben.»

Ben-Chorin sieht dabei die Schweiz als Vorbild. «Die Schweiz ist für mich ein gutes Modell, wie drei ethnische Gruppen zusammenleben und ihre Identität behalten können.» Im Gegensatz zur Praxis der heutigen Regierung müsse aber die soziale Gerechtigkeit, wie sie die Propheten der Bibel vertreten, viel grösseres Gewicht haben. Auch für die Haltung gegenüber Menschen anderer Nationalitäten hat die Bibel im dritten Buch Mose eine klare Haltung: «Einen Fremden in eurem Lande sollt ihr nicht bedrücken. Und liebe ihn wie dich selbst, denn Fremde wart ihr im Lande Ägypten.»