«Bildungsräume sind wichtig»

Die Fachhochschule St. Gallen setzt mit einem Projekt bei Kindern und Jugendlichen an, die durch die Maschen fallen. Der neue Denkansatz: Die Akteure besser vernetzen.

Markus Löliger
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Andreas Lange, Lehrer für Soziologie an der Hochschule Ravensburg-Weingarten: «Für Kinder sind in deren eigener Sicht Eltern, Freunde und Freiräume entscheidend für ihre Entwicklung.» (Bild: Markus Löliger)

Andreas Lange, Lehrer für Soziologie an der Hochschule Ravensburg-Weingarten: «Für Kinder sind in deren eigener Sicht Eltern, Freunde und Freiräume entscheidend für ihre Entwicklung.» (Bild: Markus Löliger)

ST. GALLEN. Christian Reutlinger, Dozent und Institutsleiter an der Fachhochschule St. Gallen (FHS), strebt einen Paradigmenwechsel, also einen neuen Denkansatz, an. Unzählige Fachstellen kümmerten sich um Kinder und Jugendliche von der Geburt bis zum Erwachsenwerden. Trotzdem fielen immer wieder Kinder und Jugendliche durch die Maschen, trügen den Stempel des Schulversagers, vermasselten die Lehre oder das Studium, gerieten auf die schiefe Bahn.

Reutlingers Idee: «Die zahlreichen Akteure sollen besser vernetzt werden und unter Einbezug der Perspektive der Kinder und Jugendlichen eine ganzheitliche Strategie erarbeiten. Das Projekt heisst «Bildungsräume der Kinder und Jugendlichen – Gemeinde als tragendes Netz». Die Projektverantwortlichen sind mit dem «1. St. Galler Abend – Bildungsräume im Dialog» erstmals an die Öffentlichkeit getreten. Dabei waren auch Vertreterinnen und Vertreter der Städte Rapperswil-Jona und Schaffhausen als Partnerinnen des Projekts. Mit diesen beiden Städten entwickelt die FHS individuelle Lösungen für die Kinder- und Jugendlichen-Arbeit.

Förderliche Verhältnisse

Von solchen Lösungen profitieren die Kinder, aber auch die Gemeinden, sagt Christian Reutlinger: «Für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Städten und Gemeinden ist es wesentlich, dass Kinder und Jugendliche in förderlichen Verhältnissen aufwachsen, gerechte Bildungschancen erhalten und ihre Lebenswelt selber mitgestalten können.»

Das Projekt berücksichtigt auch ökonomische Faktoren: Es hilft Einschränkungen zu identifizieren, Doppelspurigkeiten zu vermeiden und damit Folgekosten zu verringern.

Nie mehr in seinem Leben lernt der Mensch mehr als in den ersten Lebensmonaten. Die weiteren Bildungsräume der Kinder und Jugendlichen öffnen sich dann immer mehr und werden vielfältiger: Beginnend in der Familie kommen Spielplatz und Kinderhort, Kindergarten und Schule, Strasse und Jugendtreff sowie die virtuellen Räume dazu. Daraus ergebe sich, sagt Reutlinger, «eine Herausforderung für alle Beteiligten, ein ganzheitliches, kohärentes System der Förderung von Kindern und Jugendlichen zu etablieren». Damit könne ein grosser Beitrag zur Chancengerechtigkeit geleistet werden.

Freunde und Freiräume

Wenn Kinder befragt würden, was sie brauchen, stehen Eltern, ihre Freunde und Freiräume ohne elterliche Aufsicht und Zugriffe ganz vorne. Freiräume sind wichtige Elemente in der Entwicklung des Menschen; insbesondere im Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Darüber waren sich in der anschliessenden Diskussion auch die Fachleute weitgehend einig.

Nach einem Einführungsreferat der Familien- und Bildungspolitikerin Jaqueline Fehr, das eine Auslegeordnung der verschiedenen Bildungsräume und des gelingenden Aufwachsens zum Thema hatte, gab es eine Diskussion mit Fachleuten aus Politik, Wirtschaft, Praxis und Forschung. In die Diskussion flossen viele Erfahrungen der Teilnehmenden ein.

Einen abschliessenden Konsens gab es nicht. Das war auch nicht Ziel des «St. Galler Abends», sagte Reutlinger am Schluss. Er zieht aber eine positive Bilanz: «Der Abend hat wichtige Akteure in diesem Bereich zu einem Erfahrungs- und Meinungsaustausch zusammengebracht.»

Als Resultat seien wichtige Ansätze für die Arbeit in den Gemeinden zusammengetragen worden. Daraus liessen sich in der weiteren Projektarbeit die wichtigsten Schlüsselkompetenzen für die Arbeit mit den Bildungsräumen für Kinder und Jugendliche formulieren.