Kandidatinnen holen sich beim Frauennetz in Gossau Tipps von der Regierungspräsidentin, wie sie Vorurteilen begegnen können

26 Kandidatinnen für die Kantons- und Regierungsratswahlen präsentieren sich beim Frauennetz Gossau.

Johannes Wey
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Kantonsratskandidatin Judith Scherzinger (rechts): «Wahlkampf ist Selbstvermarktung»

Kantonsratskandidatin Judith Scherzinger (rechts): «Wahlkampf ist Selbstvermarktung»

Ralph Ribi

Nachdem Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann eine Stunde lang über Geschlechtsstereotypen gesprochen hat, erhält sie von Silvia Galli Aepli ein vermeintlich typisches Frauengeschenk. «Ich versichere aber, wenn wir einen männlichen Referenten haben, bekommt auch er einen Blumenstrauss», sagt die Präsidentin des Gossauer Frauennetz bei der Übergabe.

Die abtretende Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann.

Die abtretende Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann.

Regina Kühne

Um die 80 Frauen applaudieren Hanselmann, darunter 24 Kandidatinnen für den Kantonsrat und zwei für den Regierungsrat. Insbesondere jenen, die zum ersten Mal kandidieren, spricht Hanselmann Mut zu für den Schritt in die Politik, auch wenn ihr Vortrag mitunter wie eine Warnung klingt. In der Politik werden sie mit Vorurteilen konfrontiert sein, etwa dass ihnen die Kompetenz abgesprochen werde. «Wenn man diese Stereotypen kennt, muss man sich weniger ärgern und weiss, wie man ihnen begegnen kann.»

Hanselmann hofft, dass der Frauenschub anhält

Hanselmann zeigt ein Bild, mit dem Freundinnen ihr 2004 zur Wahl in die Regierung gratuliert hatten. Zu sehen sind sechs Dobermänner und eine Katze, garniert mit dem Spruch «viel Spass in der Politik». Heute sei man in Sachen Gleichberechtigung weiter. Das sei aber nicht ohne Kampf gelungen.

Was den Frauenanteil in Kantonsrat und Regierung angeht, ist Hanselmann, die selber nicht mehr antritt, zuversichtlich: «Die jüngere Generation tritt selbstbewusster auf und kann besser einfordern, was sie will.» Und der im Herbst auf nationaler Ebene gestiegene Frauenanteil gebe ihr Hoffnung. «Jeder solche Schub sensibilisiert die Stimmbevölkerung.»

Jeden Tag die eigenen Vorurteile hinterfragen

Für mehr Gleichberechtigung müsse man tief verankerte Vorurteile immer wieder hinterfragen – und damit meint Heidi Hanselmann auch die Frauen im Andreassaal: «Wem würden Sie mehr vertrauen: dem Arzt oder der Ärztin?» Nicht zuletzt sei es die Alltagssprache, die solche Vorurteile festigten. Denn wenn nur die männliche Form verwendet werde, fühlten sich Frauen nicht mitangesprochen. Darauf müsse man immer wieder hinweisen, selbst wenn man anecke.

Bei ihren Beispielen bleibt die Gesundheitschefin bei Medizinerinnen und Medizinern.

«Welcher Mann würde sich denn auf das Stelleninserat für eine Chefärztin bewerben?»

Einmal habe sie gar einem Gynäkologen zugehört, der bei seinem Referat über Brustkrebsvorsorge ganz selbstverständlich von den «Patienten» gesprochen habe.

«Wie ist das jetzt mit den Landeiern?»

Dann erhalten die Kandidatinnen für die Wahlen am 8. März die Plattform, die das Frauennetz ihnen erklärtermassen bieten will. Stadträtin Gaby Krapf-Gubser interviewt erst die Regierungsratskandidatinnen Laura Bucher (SP) und Rahel Würmli (Grüne).

Im Anschluss zieht Krapf nacheinander persönliche Gegenstände, welche die Kandidatinnen mitgebracht haben, und bittet sie auf die Bühne. Gleich als Erstes gibt es ein Wiedersehen mit der ehemaligen Gossauer Stadtparlamentarierin Désirée Baldegger (SVP), die heute in St.Gallen lebt. Sie habe sich als erste Kandidatin für den Anlass angemeldet, sagt Krapf. Nicht von ungefähr, wie Baldegger erklärt:

«Ich habe beim Frauennetz immer eine tolle Zeit erlebt, es war der politische Zünder für mich.»

Ihre Parteikollegin und heutige Stadträtin Claudia Martin, die damals schon im Kantonsrat sass, habe sie zur Kandidatur fürs Stadtparlament ermutigt – schon Heidi Hanselmann hatte die Bedeutung weiblicher Vorbilder betont.

Auch Martin lässt sich von Stadtratskollegin Gaby Krapf interviewen, genau wie Helen Alder, die getreu dem Slogan der Gossauer CVPlerinnen und CVPler – sie bezeichnen sich als «städtische Landeier» – ein Ei dabei hat. Was die Waldkircherin Caroline Büchel (FDP) zur Frage verleitet:

«Wie ist das jetzt mit den Landeiern?»

Sie und ihre Parteikollegin Regula Umbricht, Gemeinderätin aus Andwil, seien die einzigen anwesenden Kandidatinnen aus einer Landgemeinde. Das zeige, wie städtisch der Wahlkreis St.Gallen-Gossau geprägt sei, sagt Caroline Büchel.

Judith Scherzinger Gehrer (CVP) präsentiert vor den Zuschauerinnen ihr Streckeisen, das in diesen Wochen ein wichtiger Begleiter sei.

«Wahlkampf ist vor allem Selbstvermarktung, das liegt uns Frauen ja oft nicht so.» Doch gerade für männliche Wähler sinke der Wiedererkennungswert, wenn man plötzlich eine andere Frisur oder Brille trage, findet sie.

«Frauen können sich hingegen nicht nur Frisuren im Kopf behalten, sondern auch Namen.»